Märchen vom Zaren Saltan
Von seinem Sohn, dem berühmten und mächtigen Recken Fürst Gwidon Saltanowitsch und von der wunderschönen Schwanenprinzessin

von Alexander Sergejewitsch Puschkin

LP LITERA 8 65 251
Covertext:
Zunächst ein Erlebnis eines unserer Mitarbeiter: Leningrad 1964. lm „Theater der Jugend“ wird vor 1200 Kindern Puschkins Märchen vom Zaren Saltan gespielt – in einer ungemein phantasievollen Inszenierung, Die Kinder sind gebannt, verfolgen aufmerksam das Bühnengeschehen – dennoch hört der erstaunte Gast aus der DDR ein beständiges Murmeln. Er entdeckt: Die Kinder sprechen die Verse leise mit; sie kennen die Dichtung, wissen den Wortlaut nahezu auswendig.

Das Märchen lebt, ist geistiger Besitz des Volkes, aus dem es hervorging. Nicht nur die Handlung ist bekannt – auch die herrliche poetische Form, in die sie Puschkin faßte. Eine Versdichtung auf den Lippen derer, für die sie gemacht wurde – und zwar nahezu 150 Jahre nach ihrem Entstehen. Es gibt wohl für einen Dichter kaum ein größeres Lob, kaum einen höheren Ausdruck der Wertschätzung.

Alexander Sergejewitsch Puschkin (I799-1837) schrieb das Märchen im Jahre 1831, als er sich auf das Landgut seines Vaters in Boldino zurückgezogen hatte. Er hatte damals notgedrungen ein Amt am Hofe des Zaren angenommen, aber er empfand dieses Amt eher bedrückend als anregend. Die Geheimpolizei des Zaren bespitzelte ihn seit langem, weil er seine Sympathien zu seinen revolutionären Freunden, den Dekabristen (benannt nach dem Aufstand, den sie im Dezember 1825 unternahmen) nicht verleugnen konnte und wollte.

Puschkin hatte schon 1824 – als er auf das Gut seiner Mutter, nach Michailowskoje, verbannt worden war – etliche der Märchen kennengelernt, die im Volk lebendig waren. Arina Rodionowna, seine alte Kinderfraul erzählte sie ihm, und er hörte sie auch von den Bauern und Leibeigenen in den Dörfern rund um das Gut. Zu diesem Zeitpunkt aber kannte er bereits durch seine Erziehung im Lyzeum viele Legenden und Sagen der Weltliteratur, so daß die Erzählungen des Volkes und Geschichten aus der Literatur anderer Völker auf glückliche Weise in seinen Dichtungen verschmolzen. In den wenigen Jahren seines Aufenthaltes in Boldino – immer wieder unterbrochen durch die lästigen Verpflichtungen am Hof – schrieb Puschkin nicht nur das „Märchen vom Zaren Saltan“, sondern auch das „vom Poppen und seinem Knecht Trottel“, das „Märchen vom Fischer und dem Fischlein“ (das uns aus der Sammlung der Brüder Grimm vertraut ist), das „Märchen von der toten Zarentochter und den sieben Recken“ und das „Märchen vom goldenen Hahn“.

„Das Märchen vom Zaren Saltan“ geht vermutlich auf eine Geschichte mit dem Titel „Die Tochter des Reußenkönigs“ zurück aber die Fassung, die Puschkin dem Stoff gab, ist eine ganz und gar eigenständige große dichterische Leistung.

„Das Märchen vom Zaren Saltan“ ist eine vom Volke in seiner jahrhunderte alten Sehnsucht geborene, in vielen Varianten weitererzählte, an Wundern reiche Geschichte, die, von Puschkins Erzählkunst und Sprachkraft in eine feste poetische Form gegossen, in die Weltliteratur einging.

Unsere Schallplatte gibt den ungekürzten Text des Dichters in der verdienstvollen, die Schönheit der Verse bewahrenden Übersetzung von Friedrich Bodenstedt wieder. Jeder Versuch einer Dramatisierung oder Dialogisierung verbot sich. Das Märchen wird von drei Sprechern erzählt; sie werden von einer eigens für diese Platte geschaffene Musik von Christian Steyer unterstützt.

Einige Worte zu Gestalten des Märchens die uns vielleicht schon anderswo begegnet sind: Die Base Babariche – wie sie hier heißt – gibt es in anderen Märchen als Hexe Baba Jaga. Tschernomor ist ein Recke, den Puschkin eigens für dieses Märchen erdachte. Er hat nichts gemeinsam mit dem Zauberer gleichen Namens in Puschkins Poem „Ruslan und Ludmila“.

Der gute Zar aber ist ein poetisches Gleichnis für die tiefe Sehnsucht des Volkes nach Gerechtigkeit und Güte.
Sprecher: Käthe Reichel, Kurt Böwe, Klaus Piontek

von Alexander Sergejewitsch Puschkin
Übersetzung: Friedrich Bodenstedt
Komponiert und Gespielt: Christian Steyer

Regie: Dieter Scharfenberg
Tonregie: Karl Hans Rockstedt