Die Schildbürger
oder:
Die höchst traurige und darum sehr beherzigenswerte Geschichte von den
klugen Leuten - und wie sie aus
übergroßer Schlauheit sich selbst zu
Dummköpfen machten

von Andreas Scheinert
nach einer Vorlage von Helga Pfaff

LP LITERA 8 65 206
Covertext:
Liebe Schildbürger-Schallplatten-Hörer!
oder:
Sehr libe, wohlinteresirte vnd insonderheit jvngk-milchbärtige Männlein vnd Weiblein, die ihr zv gelersam-heiterer Zeitverkürzung Zvhörer seit der wvndersamen Schiltbürger-Historien, so avf dieser rvnden, gar fein berilleten russchwarzen Scheipe müsamlich eingekratzt sint!

So vielleicht würde Euch der Verfasser des Schildbürgerbuches angeredet haben, wenn er heute zu Euch sprechen könnte. Die Grammatik, Ihr seht es, war zu seiner Zeit noch recht ungeregelt und die Ortographie dem persönlichen Geschmack überlassen. Herrliche Zeiten für Schüler? Aber es gab nicht einmal Schulen für alle Kinder, damals vor dreihundertsiebenundsiebzig Jahren, als das SCHILDBÜRGERBUCH zum ersten Male erschien (1597 also, wie Ihr schnellen Mathematiker des Jahres 1974 gleich im Kopf ausgerechnet haben werdet). Der richtige Titel des Buches war viel länger und hieß:

Das Lalebuch. / Wunderseltza= / me,
Abentheuerliche, vner= hörte, vnd bißher
vnbeschriebene / Geschichten vnd Thaten der
La= / len zu Lalenburg. /
Jetzund also frisch, Männiglichen zu /
Ehrlicher Zeitverkürtzung,avß vnbekannten /
Authoren zusammen getragen, vnd auß Roht =/
welscher in Deutsche Sprach gesetzt,/ Durch:/
A a b c d e f g h i k l m n o p q r s t u w x y z /

Die Buchstaben so zu vil sindt, /
Nimb auß wirff hinweg sie geschwindt, /
Vnd was dir bleibt, setz recht zusammen: /
So hastu deß Autors Namen. /

Die newe Zeitungen auß der gantzen Welt,/
findestu zu Ende dem Lalebuch / angehenget. /
Gedruckt zu Laleburg, Anno 1597. /
Mit Privilegien deß Authoris allzeit zu verbessern /
vnd zu vermehren, aber nicht / nachzudrucken.

An diesem Titel kommt uns heute vieles komisch vor:
Er ist so ungeheuer lang. Aber mit seinem Titel machte zu jener Zeit ein Buch gleich Reklame für sich, denn es gab damals keine Zeitungen, keine Schaufenster (und schon gar keine Tausend-Tele-Tips), und Bücher waren überhaupt noch etwas Neues und Ungewohntes (wann hat Johann Gensfleisch, genannt Gutenberg, den Buchdruck erfunden, na?). Alle Menschen, die lesen konnten, stürzten sich auf diese neue Erfindung, die es auch den Armen möglich machte, Geschichten und Gelehrsamkeit, unter den Arm geklemmt, mit nach Hause zu nehmen. Kurz: Ein Buch mußte das andere schon mit seinem Titel überbieten und deutlich anzeigen, was es enthält. Jetzt denken aber sicher viele von Euch, wir hatten uns geirrt, redeten da dauernd vom Schildbürgerbuch schrieben aber einen umständlichen Titel auf, in dem von Schildbürgern gar nichts zu lesen sei, sondern von LALEN - und von Schilda nichts, sondern von Lalenburg. Doch das ist wirklich der „würckliche“ Titel des Buches. Es gab damals keinen gesetzlichen Schutz für geistiges Eigentum (wie heute Urheberrechte und Patente), jedermann konnte ungestraft anderer Leute Bücher abschreiben und als seine eigenen ausgeben - und so hat ein „literarischer Dieb“ aus dem LALEBUCH das SCHILDBÜRGERBUCH gemacht (LALE ist ein Wort aus der griechischen Sprache und heißt soviel wie SCHWATZEN). Dabei hat er die Geschichte schwer beschädigt die Logik des Handlungsablaufes zerstört das Kritische harmlos gemacht, die ganze Begebenheit aus dem erfundenen Ackerbürgerstädtchen Lalenburg in Vtopien in den sächsische Flecken Schilda verlegt. Der Name Vtopien ist von dem Begriff Utopie abgeleitet, und den Ort Schilda findet Ihr auf der Landkarte der DDR zwischen Doberlug-Kirchhain und Falkenberg. So kam es, daß man die bedauernswerten Einwohner von Schilda, die gar nichts dafür können bis heute für Narren, Toren und Tröpfe hält.
Und jetzt zur dritten Merkwürdigkeit des Buchtitels: Er nennt für den Verfasser einen „wunderseltzamen“, eigentlich gar keinen Namen: A a b c d e f g ... und so weiter. Der Dichter des Lalebuches versteckt sich hinter den Buchstaben und verrät seinen Namen nicht. Er bleibt ANONYM. Es wäre gefährlich für ihn gewesen, zu sagen, wie er heißt denn sein Buch war damals ein sehr kritisches Buch. Es kritisierte die vielen kleinen und großen weltlichen und geistlichen Fürsten, die das noch junge Stadtbürgertum ausnutzten, ausbeuteten und entmachteten (so wie am Beginn der Geschichte die klugen Bürger vielen Herren dienen müssen, bei ihnen zu Hause aber alles verkommt). Das Buch kritisierte aber auch diese Bürger selbst, die mit ihrer Klugheit, ihrer Weisheit, ihren guten Einsichten nichts Kluges, Weises, Einsichtsvolles anzufangen wissen, die erst nicht so klug handeln WOLLEN, wie sie denken, und die es schließlich nicht mehr KÖNNEN. Damit ist aber der unbekannte Dichter (denn wir wissen bis heute nicht, wer sich hinter den vielen Buchstaben verbirgt) auf ein großes Problem gestoßen, das uns auch heute noch beschäftigt: Wissen und Handeln, Denken und Tun, Theorie und Praxis gehören zusammen. Der Mensch (und nicht erst, wenn er erwachsen ist!) soll sich nach seinen Einsichten richten: Was er für gut hält, soll er auch durchsetzen, was er für schlecht hält, auch bekämpfen.

Aber unser unbekannter Autor ist auf all das nicht von allein gekommen. Viele Geschichten und Schwänke wurden damals im Volk über die Lalen erzählt. Der Dichter hat sie gesammelt, umgearbeitet und entsprechend zu einer Geschichte VERDICHTET. So wurde er zum DICHTER und sein Buch zum VOLKSBUCH. Till Eulenspiegel, Fortunato Glücksäckel, Tristan und Isolde und viele andere deutsche Volksbücher sind so entstanden. Lest sie!

Wir haben unsere Schallplatte zwar DIE SCHILDBÜRGER benannt (wer weiß schon, wer die Lalen sind?) aber geschrieben haben wir sie nach dem Text des alten Volksbuches, nach dem LALEBUCH. Und da das Volk durch Erzählen und Dichten seine alten Geschichten immer wieder verändert, und weil diese alten Geschichten immer neue Weisheiten, Erfahrungen und Fragen in sich aufnehmen können, haben auch wir die alte Geschichte anders, neu erzählt.
So höre sich jetzund also frisch Männiglicher an die merckwürdige historia von denen Lalen, avch Schiltbürger genennet ...

Andreas Scheinert (1974)
Erzähler: Klaus Piontek
Schultheiß:
Fred Düren
Böttcher:
Alexander Lang
Brauer:
Dietrich Körner
Maurer:
Peter Bause
Susanne:
Ursula Staack
Schultheißin:
Marianne Staack
Der große Imam:
Norbert Christian
Ahmad - sein Diener:
Peter Reusse
Kaiser:
Reimar J. Baur
Minister:
Günter Junghans
Marschall:
Horst Weinheimer
Obrist:
Rudolf Christoph

von Andreas Scheinert
nach einer Vorlage von Helga Pfaff

Musik: Klaus Fehmel
Instrumentalgruppe
Musikalische Leitung: Klaus Fehmel

Regie: Andreas Schreinert
Dramaturgie: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl-Hans Rockstedt

(ab 12 Jahren)