Deutsch Literatur, Klasse 8
Revolutionär-demokratische und frühe sozialistische Literatur des 19. Jahrhunderts

LP SCHOLA 8 70 046
Covertext:
1. Szene: Beim Hauptmann (Woyzeck rasiert ihn)
Hauptmann: Langsam, Woyzeck, langsam! Nicht so hastig mit dem Rasiermesser. Eins nach dem andern. Er macht mir ganz schwindlich! – Was soll ich denn danach mit den zehn Minuten anfangen, die Er heut zu früh fertig wird? – Woyzeck! Bedenk Er! Er hat noch seine schöne dreißig Jahr zu leben! Dreißig Jahr! Macht dreihundert und sechzig Monate, und erst Tage, Stunden, Minuten! Was will Er denn mit der ungeheuren Zeit anfangen? Teil’ Er sich ein, Woyzeck!

Woyzeck: Jawohl, Herr Hauptmann.

Hauptmann: Es wird mir ganz angst um die Welt, wenn ich an die Ewigkeit denke. Beschäftigung, Woyzeck, Beschäftigung! Ewig, das ist ewig! Das ist ewig! Das siehst du ein. Nun ist es aber wieder nicht ewig, und das ist ein Augenblick! – Woyzeck, es schaudert mich, wenn ich denke, daß sich die Welt in einem Tage herumdreht! Was ’ne Zeitverschwendung! Wo soll das hinaus? Woyzeck, ich kann kein Mühlrad mehr sehn, oder ich werd’ melancholisch.

Woyzeck: Jowohl, Herr Hauptmann.

Hauptmann: Woyzeck, Er sieht immer so verhetzt aus! Ein guter Mensch tut das nicht, ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat! – Red’ er doch was, Woyzeck. – Was ist heut’ für Wetter?

Woyzeck: Schlimm, Herr Hauptmann, schlimm! Wind.

Hauptmann: Ich spür’s schon, ’s ist so was Geschwindes draußen! So ein Wind macht mir den Effekt, wie eine Maus. (Pfiffig) Ich glaub’, wir haben so was aus Süd-Nord.

Woyzeck: Jawohl, Herr Hauptmann.

Hauptmann: Ha! ha! ha! Süd-Nord. Ha! ha! ha! oh, Er ist dumm, ganz abscheulich dumm! (Gerührt) Woyzeck, Er ist ein guter Mensch, aber, (Mit Würde) Woyzeck, Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er? Es ist ein gutes Wort. Er hat ein Kind ohne den Segen der Kirche, wie unser hochehrwürdiger Herr Garnisonsprediger sagt, ohne den Segen der Kirche! Das Wort ist nicht von mir.

Woyzeck: Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehen, ob das Amen drüber gesagt ist, eh’ er gemacht wurde. Der Herr sprach: Lasset die Kleinen zu mir kommen.

Hauptmann: Was sagt Er da? Was ist das für eine kuriose Antwort? Er macht mich ganz konfus mit seiner Antwort. Wenn ich sag’: Er, so mein’ ich Ihn, Ihn ...

Woyzeck: Wir arme Leut’. Sehn Sie, Herr Hauptmann, Geld, Geld! Wer kein Geld hat!! Da setz’ einmal einer seinesgleichen auf die moralische Art in die Welt! Man hat auch sein Fleisch und Blut. Unsereins ist doch einmal unselig in dieser und in der andern Welt. Ich glaub’, wenn wir in’n Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.

Hauptmann: Woyzeck, Er hat keine Tugend, Er ist kein tugendhafter Mensch. Fleisch und Blut? Wenn ich am Fenster lieg’, wenn’s geregnet hat, und den weißen Strümpfen so nachseh’, wie sie über die Gossen springen, – verdammt, Woyzeck, – da kommt mir die Liebe! Ich hab’ auch Fleisch und Blut. Aber, Woyzeck, die Tugend, die Tugend! Wie sollte ich dann die Zeit herumbringen? Ich sag’ mir immer, du bist ein tugendhafter Mensch, (Gerührt) ein guter Mensch, ein guter Mensch.

Woyzeck: Ja, Herr Hauptmann, die Tugend ... Ich hab’s noch nicht so aus! Sehn Sie, wir gemeine Leut’, das hat keine Tugend! Es kommt einem nur so die Natur! Aber wenn ich ein Herr war und hätte einen Hut und eine Uhr und eine Anglaise und könnt’ vornehm reden, ich wollt’ schon tugendhaft sein. Es muß was Schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich bin ein armer Kerl.

Hauptmann: Gut, Woyzeck. Du bist ein guter Mensch, ein guter Mensch. Aber du denkst zu viel, das zehrt; du siehst immer so verhetzt aus. – Der Diskurs hat mich, ganz angegriffen. Geh’ jetzt, und renn’ nicht so, langsam, hübsch langsam die Straße hinunter.

3. Szene: In der Stadt (Buden. Lichter. Volk. Woyzeck und Marie drängen vor; hinter ihnen der Tambourmajor und der Unteroffizier, bleiben vorn, beobachten sie.)

Alter Mann: Auf der Welt ist kein Bestand, Wir müssen alle sterben, Das ist uns wohlbekannt!

Woyzeck: Heissa, Musik!

Marie: Was Licht!

Woyzeck: He, Marie. Lauter schwarze Katzen mit feurigen Augen. Hei, was ein Abend!

Marktschreier: Meine Herren! Meine Herren! Sehn Sie! Die Kreatur, wie Gott sie gemacht hat, is nix, is gar nix! Sehn Sie jetzt, was die Kunst macht! Geht aufrecht, hat Rock und Hosen, hat einen Säbel Ho! Mach’ Kompliment! So bist Baron! Gib Kuß! (Der Affe trompetet) Wicht ist musikalisch! Meine Herren, hier ist zu sehen das astronomische Pferd und die kleine Kanaillevögele. Sind davor von alle gekrönte Häupter. Verkündigen den Leuten alle: wie alt – wieviele Kinder, was für Krankheit. Die Repräsentation anfangen! Man mackt Anfang von Anfang. Es wird sogleich sein das commencement von commencement.

Woyzeck: Willst du?

Marie: Meinetwegen. Das muß schön Dings sein. Was der Mensch Quasten hat. Und die Frau hat Hosen. (Sie drängen hinein)

Tambourmajor: Halt! Jetzt! Siehst du sie!

Unteroffizier: Was ein Weibsbild!

Tambourmajor: Teufel! Zum Fortpflanzen von Kunstaspiranten und zur Zucht von Tambourmajors.

Unteroffizier: Wie sie den Kopf trägt. Man meint, das schwarze Haar müßt sie abwärts ziehn, wie ein Gewicht. Und Augen!

Tambourmajor: Als ob man in einen Ziehbrunnen oder zu einem Schornstein hinunterguckt. Fort! Hinterdrein! (Sie gehen ebenfalls in die Bude hinein)

Marktschreier: Meine Herren, dies’ Tier, was Sie da sehn, Schwanz am Leib und auf seine vier Hufe, ist Mitglied von alle gelehrte Sozietät, ist Professor an unsre Universität, wo die Studenten bei ihm reiten und schlagen lernen. (Führt ein Pferd vor) Zeig’ dein Talent! Zeig’ deine viehische Vernünftigkeit! Beschäm’ die menschliche Sozietät! Das macht er mit einfachem Verstand. Denk’ jetzt mit der doppelten raison. Ist unter der gelehrten societe da ein Esel? Nein, sagst Du? Sehn sie jetzt die doppelte raison! Das ist Viehsionomik. Ja, das ist kein viehdummes Indivium. Das ist eine Person. Ein Mensch, ein tierischer Mensch, und doch ein Vieh, ein bete: (Das Pferd führt sich ungebührlich auf) Was machst Du vor alle Leut’? Beschämst Du so die societe? Sehn Sie, das Vieh ist noch Natur! unideale Natur! Tun Sie gleich ihm. Fragen Sie den Arzt, es ist sonst höchst schädlich. Das hat geheißen: Mensch sei natürlich. Du bist geschaffen aus Staub, Sand, Dreck? Sehn Sie, was für ’ne Vernunft: Es kann rechnen und kann doch nit an den Fingern herzählen, warum? Kann sich nur nit ausdrücken, nur nit explizieren, ist ein verwandelter Mensch! Sag’ den Herren, wieviel Uhr ist es? Wer von den Herren und Damen hat ein Uhr, ein Uhr?

Unteroffizier: Eine Uhr? (Zieht großartig und gemessen eine Uhr aus der Tasche) Da, mein Herr! (Er steigt über die Bänke und reicht die Uhr dem Marktschreier.)

Marie: Das muß ich sehn! (Sie klettert auf den ersten Platz)

Unteroffizier: Beste! Hier herüber!

5. Szene: Beim Doktor
Doktor: Was erleb’ ich Woyzeck!? Ein Mann von Wort!

Woyzeck: Was denn, Herr Doktor!

Doktor: Ich hab’s gesehn, Woyzeck! Er hat auf die Straße gepisst, an die Wand gepisst, wie ein Hund! – Und doch 2 Groschen täglich Woyzeck, das ist schlecht! Die Welt wird schlecht, sehr schlecht!

Woyzeck: Aber, Herr Doktor, wenn einem die Natur kommt.

Doktor: Die Natur kommt! Die Natur kommt! Die Natur! – Hab’ ich nicht nachgewiesen, daß der musculus constrictor vesicae dem Willen unterworfen ist? Die Natur! – Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit. Den Harn nicht halten können! (Geht auf und ab) Hat Er schon seine Erbsen gegessen, Woyzeck? – Es gibt eine Revolution in der Wissenschaft! Ich sprenge sie in die Luft! Harnstoff 0,10 salzsaures Ammonium, Hyperoxydul. – Woyzeck, muß Er nicht wieder pissen? Geh’ Er einmal hinein und probier Er’s!

Woyzedc: Ich kann nit, Herr Doktor.

Doktor: Aber an die Wand pissen!?! – Ich hab’s gesehn, mit diesen Augen gesehn! Ich steckt’ grade die Nase zum Fenster hinaus und ließ die Sonnenstrahlen hineinfallen, um das Niesen zu beobachten! Nein, Woyzeck. Ich ärgre mich nicht. Ärger ist ungesund, ist unwissenschaftlich. Ich bin ruhig, ganz ruhig. Mein Puls hat seine gewöhnlichen sechzig. Ich sprech’ zu Ihm mit der größten Kaltblütigkeit. Behüte! Wer wird sich über einen Menschen ärgern! Einen Menschen! Wenn es noch ein Proteus wäre, der einem krepiert! – Aber, Woyzeck, Er hatte doch nicht an die Wand pissen sollen.

Woyzeck: Sehn Sie, Herr Doktor, manchmal hat einer so’n Charakter, so ’ne Struktur. – Aber mit der Natur ist ’s was anders! Sehn Sie, mit der Natur (Er kracht mit den Fingern) das ist so was, wie soll ich doch sagen zum Beispiel ...

Doktor: Woyzeck, Er philosophiert wieder!

Woyzeck: Herr Doktor, haben Sie schon was von der doppelten Natur gesehn? Wenn die Sonn’ in Mittag steht, und es ist, als ging die Welt in Feuer auf. Da hat schon eine fürchterliche Stimme zu mir geredt!

Doktor: Woyzeck, Er hat die schönste aberratio mentalis partialis! Die zweite Spezies, sehr schön ausgeprägt. Woyzeck! Er kriegt Zulage. Zweite Spezies. Fixe Idee mit allgemein vernünftigem Zustand. Er tut noch alles wie sonst? Rasiert seinen Hauptmann?

Woyzeck: Jawohl.

Doktor: Ißt seine Erbsen?

Woyzeck: Immer ordentlich, Herr Doktor. Das Geld für die Menage kriegt meine Frau.

Doktor: Tut seinen Dienst?

Woyzeck: Jawohl.

Doktor: Er ist ein interessanter Casus, Woyzeck! Er kriegt Zulage. Halt er sich brav. Zeig’ er seinen Puls. Ja.

Woyzeck: Jawohl, Herr Doktor.

6. Szene: In Maries Stube (Marie – Tambourmajor)

Tambourmajor: Marie!

Marie: Mann! – Geh einmal vor dich hin! – Über die Brust wie ein Rind und einen Bart wie ein Löw’ So ist keiner. – Ich bin stolz vor allen Weibern.

Tambourmajor: Wenn ich am Sonntag erst den großen Federbusch hab’ und die weiße Handschuh, Donnerwetter! Der Prinz sagt immer: Mensch, Er ist ein Kerl!

Marie: (Spöttisch) Ach was, Mann!

Tambourmajor: Und du bist auch ein Weibsbild. Sapperment, wir wollen eine Zucht von Tambourmajors anlegen, he? (Er umfaßt sie)

Marie: (Verstimmt) Laß mich!

Tambourmajor: Wild’ Tier.

Marie: Rühr’ mich nicht an!

Tambourmajor: Sieht dir der Teufel aus den Augen?

Marie: Meinetwegen. Es ist alles eins.

11. Szene: In Maries Stube (Marie – Woyzeck)
Woyzeck: (Er sieht Marie starr an, schüttelt den Kopf) Hm! Ich seh’ nichts! Oh, man müßt’s sehen, man müßt’s greifen können mit Fäusten.

Marie: Was hast du, Franz? – Du bist hirnwütig, Franz.

Woyzeck: Eine Sünde, so dick und so breit! Es müßt’ stinken, daß man die Engel zum Himmel hinausräuchern könnt’ – Du hast ein’ roten Mund, Marie. Keine Blase drauf? Wie, Marie? – Du bist schön wie die Sünde! – Kann die Todsünde so schön sein?

Marie: Franz, du redst im Fieber.

Woyzeck: Teufel! – Hat er so bei dir gestanden? So, so!?

Marie: Dieweil der Tag lang und die Welt alt ist, können viel Menschen an einem Platz stehn, einer nach dem andern.

Woyzeck: Ich hab’ ihn gesehn!

Marie: Man kann viel sehn, wenn man zwei Augen hat und man nicht blind ist und die Sonne scheint.

Woyzeck: (Auf sie los) Mensch!

Marie: Rühr’ mich nicht an, Franz! Ich hätt’ lieber ein Messer in den Leib, als deine Hand auf mir! – (Er läßt sie)

Woyzeck: Mußt sterben!

Marie: Und wenn auch!

Woyzeck: Weib! Nein, es müßte was an dir sein! Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hinabsieht! – Es wäre! Sie geht wie die Unschuld! Nun, Unschuld, du hast ein Zeichen an dir! Weiß ich’s? – Wer weiß es?
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Das entscheidende Jahr
Feature von G. Deicke
(Originaltonaufnahme Radio DDR II Hörspielabteilung)
Ausschnitt 1 : Grenzübergang von Marx und Heine

Ein neues Lied
Text: Heinrich Heine / Bearbeitung: Oktoberklub
Gesang: Uwe Leo und Oktoberklub Berlin
(Originaltonaufnahme AMIGA 8 55 325)

Das entscheidende Jahr
Ausschnitt 2: Marx und Heine in Paris

Ausschnitt 3: Über den Weberaufstand

Ritter Schnapphahnski und seine Widersacher
Hörspiel von J. Hauser nach Georg Weerth „Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski“
(Originaltonaufnahme Radio DDR II Hörspielabteilung)
Ausschnitte aus dem 1. und 2. Abenteuer


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Protokoll der Unsterblichkeit
Georg Büchner im Roman von W. Steinberg.
Eine Funksendung von S. Tschörtner
(Originaltonaufnahme Radio DDR II Schulfunk)
Ausschnitt 1: Brief des Gustav Klemm vom 28. März 1834, den er an eine adlige Dame geschrieben hat

Ausschnitt 2: Bericht des Hofgerichtsrates
Georgi vom 4. August 1834


Ausschnitt 3: Tagebuchblatt des Georg Büchner
vom 5. August 1834


Ausschnitt 4: Tagebuchblatt des Georg Büchner
vom Januar 1835


Die Beiträge 1-9 sind in die Vermittlung biographischer Kenntnisse über Heine, Büchner und Weerth einzugliedern und des weiteren zu benutzen, um die Schüler zur selbständigen Auseinandersetzung mit Werken dieser Dichter anzuregen und anzuleiten.

Georg Büchner. Woyzeck
Es werden einige Szenen aus der Hörspielfassung von Hans Speick (Originaltonaufnahme Radio DDR II Hörspielabteilung) wiedergegeben, die nach Entscheidung durch den Lehrer insgesamt oder in engerer Auswahl während des Unterrichts gebraucht sowie auch bei außerunterrichtlichen Veranstaltungen wiederholt dargeboten werden können um auf eindrucksvolle Weise mit dem Schaffen des Dramatikers Büchner bekanntzumachen.

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Auswahl für den Literaturunterricht, Klasse 8:
Dr. Wilfried Bütow

Als Unterrichtsmittel zugelassen
durch das Ministerium für Volksbildung der DDR,
Hauptverwaltung Unterrichtsmittel und Schulversorgung.
Entwickelt von der
Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR,
Institut für Unterrichtsmittel

Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Redaktion: Dr. Horst Dahm