Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Ausschnitte aus dem gleichnamigen Roman, 1. Folge

von Jaroslav Hasek
LP LITERA 8 60 002
Covertext:
„Eine große Zeit erfordert große Menschen. Es gibt verkannte, bescheidene Helden ohne den Ruhm und die Geschichte eines Napoleon. Eine Analyse ihres Charakters würde selbst den Ruhm eines Alexander von Mazedonien in den Schatten stellen. Heute könnt ihr in den Prager Straßen einem schäbigen Mann begegnen, der selbst nicht weiß, was er eigentlich in der Geschichte der großen neuen Zeit bedeutet. Er geht bescheiden seines Wegs, belästigt niemanden und wird auch von Journalisten nicht belästigt, die ihn um ein Interview bitten. Wenn ihr ihn fragen wolltet, wie er heißt, würde er euch schlicht und bescheiden antworten: „Ich heiße Schwejk ...“

So beginnt Jaroslav Hasek sein Vorwort zu dem Roman über die Abenteuer des Soldaten Schwejk, den er „brav, heldenmütig und tapfer“, ja einen „bescheidenen, verkannten Helden“ nennt. Und er führt in dem Vorwort auch jenen ruhmsüchtigen Griechen Herostratos an, nach dem das brambarisierende Blechheldentum genannt wird, das sich zu Schwejks Zeiten widerlich dicke tat.

Aber mit jener Gegensetzung von Herostraten und wirklichen Helden führt der Verfasser den Leser augenzwinkernd in die Irre. Denn der kann nun annehmen, es ginge Hasek um eine echte Hingabe an die Sache, der die lauten Pseudo-Helden mit ihrer Reklame eher schadeten als nützten. Die Sache aber wäre hier die österreich-ungarisch Universalmonarchie oder – im weiteren Sinne – die Ziele der Politik und Wirtschaft, um die der erste Weltkrieg geführt wurde und die man schlicht „nationale Belange“ zu nennen pflegte. Doch von diesen war Jaroslav Hasek weit entfernt. Sein Buch ist eine harte Kritik an der Habsburger Monarchie und als antimilitaristischer Roman in die Weltliteratur eingegangen. Mit der Irreführung des Vorworts, dem Verfasser könne an der „großen Zeit“ etwas gelegen sein, identifiziert er sich vielmehr mit dem „Helden“ des Buches, so daß man sie in Zukunft kaum noch auseinanderhalten kann. Auch Schwejk führt ja die Phrasen der großen Zeit im Munde, um sie zu entlarven, und er beteuert laut, dem Vaterlande seinen Tribut zu zollen, um so ein wenig sicherer dessen Ansprüchen zu entgehen. Denn für die Interessen des Joseph Schwejk, der nicht gerade zu den wohlhabenden Prager Bürgern gehört, wird der Weltkrieg nicht geführt, daran gibt es für ihn keinen Zweifel.

Der Schwejk hat in Drama und Prosa der Weltliteratur eine weitverzweigte Verwandschaft. Sei es Simplicius Simplizissimus oder die Courasche, Leporello oder Gil Blas, der tüchtige Barbier Figaro oder Eulenspiegel – sie alle verfügen über den gesunden Menschenverstand der unteren sozialen Schichten, mit dem sie Zeit und Leben reflektieren, schlagen ihrer Obrigkeit ein Schnippchen und sind gewohnt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Es scheint, als wollte die Literatur das Verhältnis von Hoch und Niedrig, dem diese Figuren ihr kräftiges Leben verdanken, ausnutzen, solange es noch besteht. Der Wundertäter (Strittmatter) und der Findling (Jobst) gehören zu der verhältnismäßig großen Anzahl dieser literarischen Typen, die in letzter Zeit erschienen sind. Brechts Werk ist ja besonders reich mit ihnen bevölkert – bis zum Schwejk selber den der Dichter seine Rolle im zweiten Weltkrieg spielen läßt.

Wollte man „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk während des Weltkrieges“ literarisch klassifizieren, müßte man dieses Buch dem Genre der Schelmenromane zurechnen. Man kann nun am „Schwejk“ beobachten, daß verschiedene Merkmale dieser Literatur in unserer Zeit bemerkenswerte Eigenarten zeigen.

Die Verfasser von Schelmenromanen statten ihre Helden meist mit einer unkonventionellen Welt-Anschauung aus, um durch sie ihre Gesellschaft kritisch zu beleuchten. Beim Simplicius beruht diese Tatsache bekanntlich auf seiner Einfalt, und die Literaturforscher haben nicht angestanden, darin sogar Wesensverwandschaft zum Suchen und Ringen des edlen Jünglings Parzival, des „tumben toren“ zu sehen. Dieses bedeutungsvolle Einfältige und Törichte findet nun im Schwejk seine profane Auferstehung: „Beim Militär antwortete Schwejk feierlich und stolz ,bin ich von den Herren Militärärzten amtlich für einen notorischen Idioten erklärt worden!“ Hasek zeigt mit dem massenhaften Streben der Militärdienstpflichtigen nach einer solchen Erklärung nicht nur, wie wenig kriegsbegeistert die Untertanen der österreichischen Krone sind. Er zeigt damit auch das Wesentliche an Schwejks Lebenshaltung: Pfiffigkeit und Schläue, die der kleine Mann braucht, um durchzukommen, sind am wirkungsvollsten im Gewande der Blödheit. Und damit sind die Herrschenden lächerlich: sie werden von einem über’s Ohr gehauen, den sie selber zum notorischen Idioten erklärt haben.

Die volkstümlich Literatur, die zur Ahnenreihe des „Schwejk“ gehört zeichnet sich durch ihre Derbheit aus. Das war zweifellos u. a. ein Mittel, der heuchlerischen Moral herrschender Klassen einen Spiegel vorzuhalten. „Vom Wirte Palivec“, schreibt Hasek, „können wir nicht verlangen, daß er so fein spricht wie (X, Y, Z ) und eine ganze Reihe anderer, die aus der ganzen Tchechoslowakischen Republik einen großen Salon mit Parketten machen möchten, auf denen man in Frack und Handschuhen herumgehe und feine Salonsitten pflegen müßte, unter deren Deckmantel die Salonlöwen sich den ärgsten Lastern und Exzessen hingeben könnten.“

Zur Zeit also, als die Kavalierssitten herrschten, gehörte es zum guten Ton der Schelmenliteratur, antichevalresk zu sein. Hätte man in unserem Jahrhundert sogenannte Kavaliere alter Schule suchen wollen, wohin hätte man sich hoffnungsvoller wenden können als nach Osterreich? Hasek hat nun einen besonderen Spaß daran, seinen Helden sich in jenen feinen Sitten produzieren zu lassen, die man dort zu finden erwartet – nur nicht gerade bei einem Hundefänger. Mit einem „Winsch einen guten Abend, meine Herren, allen miteinand“ tritt er vor die hin, die ihn auf der Polizeidirektion vernehmen sollen – und erntet Rippenpüffe; mit Handkuß verabschiedet er sich von den dortigen Herren, und zwischendurch erwidert Schwejk der barschen Stimme eines Polizisten, der ihn zum Verhör holt: „ ,Entschuldigen Sie‘, sagte Schwejk ritterlich, ,ich bin hier erst seit zwölf Uhr Mittag, aber dieser Herr is schon seit sechs Uhr früh hier. Ich habs nicht so eilig!“ – und seine Haltung findet ebenso wenig Verständnis und Erwiderung wie sein freundlicher Gruß. So enthüllt Schwejk mit seiner Haltung, daß das „Chevalreskeke“, von unten gesehen, sich ein wenig anders ausnimmt, als es in den Lesebüchern steht.

Solche Volksfiguren wie der Schwejk, die nicht aktive Gestalter ihres Lebens sind, sondern die sich den Verhältnissen entsprechend durchschlagen, haben es an sich, sowohl gut als auch schlecht zu sein. Sie verkörpern in besonders krasser Weise die Widersprüchlichkeit des Menschen. – Ihrer Lebenserfahrung verdanken sie zwar die Fähigkeit zum Durchkommen, aber diese Lebenserfahrung allein hat sie nicht gelehrt, wann ihr persönlicher Vorteil, der niemals dem Vorteil der Herrschenden aufzuopfern ist, hinter den Erfordernissen ihrer Klasse zurückzustehen hat. Sie sind dabei meist Einzelgänger geblieben. Oft hat der Kampf gegen die Bedrücker (vielfach gleich dem Kampf um ein Stück Brot), der mit den schmutzigen Mitteln der Bedrücker selber geführt werden mußte, sie von jener moralischen Höhe heruntergestoßen, von der aus das Lebensprinzip der kommenden Klasse verkündet werden könnte. Sie wurden verhältnismäßig leicht korrumpierbar, besonders dann, wenn sie die wegen eines behaglichen Lebens beliebte Stellung eines Dieners gefunden hatten. Hasek – ausnahmsweise einmal er selber – sagt von den Offiziersdienern: „Größtenteils waren es Reaktionäre, und die Mannschaft haßte sie. Einige waren Angeber, und es war eine besondere Freude für sie, wenn sie zuschauen konnten, wie man jemand anband. Sie entwickelten sich zu einer besonderen Kaste. Ihr Egoismus kannte keine Grenzen.“

So sehen wir auch unseren Schwejk beim Oberleutnant Lukasch und beim Feldkuraten Katz einige Male in Situationen, bei denen wir uns besorgt fragen, wie er wohl selber zu dem, was da vorgeht, stehen mag. Das aber, was er denkt, nicht zu sagen, ist eine seiner wesentlichen Lebenserfahrungen; und so erfahren auch wir nichts Näheres darüber.

Schwejk und seinesgleichen sind nicht die Helden der Zeit, ihr Handeln ist passiv. Aber es geht auch nicht darum, ob sie wohl richtig und mit den richtigen Waffen kämpfen. Solche Gestalten sind dazu da, durch ihre bloße Existenz die Brüchigkeit ihrer Klassengesellschaft zu enthüllen, die Unterlegenheit der noch Herrschenden unter einen braven Soldaten Schwejk, Hundefänger und „notorischen Idioten“.

Die besten Züge Schwejks aber, sein Humor und seine Klugheit, seine List und seine Tapferkeit – die finden wir wieder bei den proletarischen Revolutionären.

Ursula Püschel
Leser: Franz Kutschera

von Jaroslav Hasek