Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Ausschnitte aus dem gleichnamigen Roman, 2. Folge

von Jaroslav Hasek

LP LITERA 8 60 003
Covertext:
Wer zu Haseks Roman vom braven Soldaten Schwejk greift, hüte sich, dieses Buch in öffentlichen Verkehrsmitteln zu lesen – sofern ihm peinlich ist, durch lautes Lachen, dessen Grund den anderen unbekannt bleibt, die verwunderte Aufmerksamkeit der Fahrgäste auf sich zu lenken. Denn den möchte ich sehen, der z. B. angesichts der Feldmesse, die Schwejk mit dem Feldkuraten Otto Katz zelebriert, sein Zwerchfell zu beherrschen vermag.

Ein humoristisches Buch? Man lacht nicht richtig, wenn man vergißt, daß sich folgende Beschreibung einer Kanzlei im Kriegsgericht eben dort befindet: „Man kann nicht behaupten, daß sie, insbesondere mit den Fotografien an den Wänden, einen sehr günstigen Eindruck gemacht hätte. Es waren Fotografien verschiedener Exekutionen, die von der Armee in Galizien und Serbien durchgeführt worden waren. Künstlerische Aufnahmen abgebrannter Hütten und Bäume, deren Zweige sich unter der Last der Gehenkten senkten. Besonders gelungen war eine Fotografie aus Serbien mit einer gehenkten Familie. Ein kleiner Knabe, Vater und Mutter. Zwei Soldaten mit Bajonetten bewachen den Baum mit den Hingerichteten, und irgendein Offizier steht als Sieger im Vordergrund und raucht eine Zigarette. Auf der anderen Seite im Hintergrund ist eine Feldküche in voller Arbeit zu sehen.“

Um den neuen Gefangenen im Garnisonsarrest gleich die richtigen Vorstellungen von dieser Institution zu vermitteln, fordert der Stabsprofos den Feldwebel auf, ein Beispiel aus der Praxis der Gefangenenbehandlung zu geben. Es ist von einem kräftigen Mann, Fleischer von Beruf, die Rede: „ ,Na ja, der hat uns Arbeit gegeben, Herr Stabsprofos‘, antwortete Feldwebel Repa träumerisch, ,das war ein Körper! Ich bin über fünf Minuten auf ihm herumgetrampelt, bevor ihm die Rippen zu krachen angefangen ham und das Blut ausm Maul geflossen is. Und er hat noch zehn Tage gelebt. Er war nicht zum Umbringen!‘ “

Das Lachen, das wir Schwejk danken, soll uns heute nicht darüber täuschen, daß es damals kein lustiger Krieg war, etwa ein Kinderspiel gegen den Weltkrieg Nummer Zwo; und was Schwejk sich vorgenommen hatte, war kein Spaß. Denn Greueltaten sind nicht etwa irgendwelche Perversitäten einer eigens dazu abgerichteten Spezialtruppe – sprich SS –, sondern sie gehören zum System, wenn eine anachronistisch gewordene Gesellschaft in Agonie liegt – damals wie heute.

Das wird durch „Schwejk“ besonders augenfällig weil es im alten Osterreich geschah, dem man Lebensart nachrühmt. von der kein schlechtes Benehmen zu erwarten sei. Was Erich Mühsal mit den wohlwollenden Augen eines Besuchers am Vorkriegswien sah, glich dem Bilde, das von der Monarchie allgemein in Umlauf war: „Das ganze Wien kam mir vor wie eine Theaterangelegenheit, die sehr geschmackvolle Darstellung eines putzigen Lebensbildes, voll genießerischer Kultur, voll künstlerischen Stils, voll Leichtsinn, Erotik, altmodischer Courtoisie, spiritualistischer Klatscherei, streitsüchtiger Intelleklualität, Intrige, Ironie, Witz, Betulichkeit, Wichtignehmerei aller Bagatellen, Freude am Besonderen, Freude an der Schönheit, Freude an der Neuheit, Freude an der Clique, Freude an Wien ...“. Aber das alte Osterreich, einst Eckpfeiler der Reaktion in Europa, lag im Sterben und konnte keine Rücksicht auf seinen Ruf nehmen. Hundert Jahre früher, als nach den Befreiungskriegen in Wien unter Metternich die „Heilige Allianz“ der Reaktion in Europa geschmiedet wurde, ja damals konnte der Kongreß noch tanzen. Diesmal sah es ernster aus. Dieses Reich mit dem zweitgrößten Territorium in Europa lebte von der Unterdrückung der Nationalitäten, die es unter sein Zepter gezwungen hatte – Tschechen und Slowaken, Polen, Ukrainer, Serben und Kroaten, Slowenen, Ungarn, Rumänen, Italiener – es hielt sich, indem es die einen gegen die andern ausspielte, und mit den sozialen Konflikten fertig werden wollte, indem es die Unterdrückten zu nationalistischer Borniertheit erzog. Aber diese Staatskunst war am Ende, die Zeit der feudalistisch-kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse vorbei und ein solches Monstrum von Nationalitätenstaat anachronistisch.

Und so war das alte Osterreich weder liebenswürdig noch höflich, es war grausam, menschenfeindlich, sadistisch. Leichtfertige Lässigkeit, vom preußischen sogenannten Ordnungssinn gerne als Schlamperei bezeichnet, konnte höchstens dazu führen, daß Feldwebel Repa den Falschen in Spezialbehandlung bekam, keineswegs aber dazu, daß solche Behandlung unterlassen wurde.

Hasek schreibt über diese Verhältnisse als Tscheche, dessen Nation in der k. u. k. Habsburger Monarchie politisch und kulturell unterdrückt war. (In der Armee sagte man kurz „das tschechische Schwein“). Aber auch die deutschsprachigen Schriftsteller dieses Landes haben seinen Untergang beschrieben, und es ist faszinierend, durch die verschiedenen Temperamente die gleichen Verhältnisse, die gleichen Personen widergespiegelt zu sehen: die verantwortungslosen Offiziere, die lebenslustigen Hopfenhändlersgattinnen beim Seitensprung, überall die Spitzel und Gendarmen – ja es gibt Übereinstimmungen bis in Details, die offensichtlich kräftig genug sind, um Symbole des Verfalls zu bieten. Das gleiche Franz-Joseph-Bild zum Beispiel, das dem Wirte Palivec in dem derb-volkstümlichen „Schwejk“ seine Verhaftung eingebracht hat – er hat es weggehängt, angeblich, weil die Fliegen es ihm „verschweint“ haben – dieses Franz-Joseph-Bild hat in dem Roman „Radetzky-Marsch“ des subtilen Joseph Roth das gleiche zu bedeuten. Dort heißt es: „Im grünlichen Schatten, den der Lampenschirm über die weißgetünchten Küchenwände zeichnete, dämmerte das bekannte Porträt des Obersten Kriegsherrn in blütenweißer Uniform auf, zwischen zwei riesigen Pfannen aus rötlichem Kupfer. Das weiße Gewand des Kaisers war von zahllosen Fliegenspuren betupft, wie von winzigen Schrotkügelchen durchsiebt, und die Augen Franz Josephs des Ersten, sicher auch auf diesem Porträt im selbstverständlichen Porzellanblau gemalt, waren im Schatten des Lampenschirms erloschen. Der Doktor zeigte mit ausgestrecktem Finger auf das Kaiserbild. ,In der Gaststube hat es noch vor einem Jahr gehangen!‘ sagte er. ,Jetzt hat der Wirt keine Lust mehr, zu beweisen, daß er ein loyaler Untertan ist.‘ “

Die Ironie, die aller dieser kritischen Literatur gemeinsam ist, zieht ihre Pointen aus dem Konkreten (Kaiserbild zwischen den Pfannen). In der Verdichtung des Konkreten ist Hasek Meister. So bleibt vor dem Untersuchungsrichter, den Schwejk richtig dazu gebracht hat, an seinem Verstand zu zweifeln und der deshalb nach der Gesundheit des Delinquenten fragt, das Rheuma nicht unerwähnt und „ich kurier mich mit Opodeldok“. Das Opodeldok ist gleichsam die Freudenmeldung, daß es Schwejk gelungen ist, den Herrn Untersuchungsrichter dahin zu kriegen, wohin er sollte. Karl Kraus hat in seinem großen Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ mit einer geradezu naturalistischen Konkretheit wörtlich Gespräche wiedergegeben. Er steigert die Ironie zu einer makabren, hier wahrhaft blutigen Satire, die den Autor das Untergangschaos der Monarchie mit dem Untergang der Menschheit überhaupt gleichsetzen läßt Im ähnlichen Sinne sagte Robert Musil, Dichter des Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“, von sich: „Ironie ist in diesem Sinne Galgenhumor“.

Daß es eine Zukunft gibt, das wissen weder Kraus, noch Musil, noch Joseph Roth. Aber das Volk, Haseks Held, das weiß, daß nicht das Ende der Menschheit, sondern seine Zeit gekommen ist.

In dem nächtlichen Gespräch zwischen Schwejk, dem Schafhirten und dem Landstreicher im Schafstall berichtet der alte Hirt. „... du solltest dabeisein, wenn die Nachbarn unten in Skotschitz zusammenkommen. Jeder hat jemanden dort (im Kriege), und du möchtest sehn, wie die reden. Daß herich nach diesem Krieg die Freiheit kommen wird, daß es keine Herrschaftshaft mehr geben wird, daß man nicht mal Kaisern und Fürsten ihre Güter lassen wird.“

Jaroslav Hasek hat diese Zeit für sein Land nicht mehr erlebt. Er starb 1923. Als österreichischer Kriegsgefangener in Rußland war er Angehöriger der Roten Armee geworden und nach seiner Heimkehr Mitglied der Kommunistischen Partei in der CSR. 1921 erschien sein Buch. Er konnte es mit der Gewißheit schreiben, daß die Kraft seines Volkes, dem der Schwejk entsprossen ist, das Wünschen zur Wirklichkeit machen wird.

Ursula Püschel
Leser: Franz Kutschera

von Jaroslav Hasek