Das Tierhäuschen

von Samuil Marschak
LP LITERA 8 65 192
Covertext:
Der Fuchs hat den Schwanz verloren, der Bär hat sich die Tatzen eingeklemmt, der Wolf die Rippen gebrochen . . . Wer Krieg macht, kriegt das Fell gegerbt.
Frosch, Igel, Maus und Hahn haben ihr Haus verteidigt, ihr Tierhäuschen. Und sind Sieger geblieben. Der Hahn, dumm und eitel, hat dabei Federn gelassen, hat Lehrgeld gezahlt. Der Feind aber ist in die Flucht geschlagen. Die Welt gehört den Tapferen.
Eine Geschichte für Stupsnasen, ein Märchen meint Ihr? Fragt Vater und Mutter, ob dieses Märchen stimmt. Sie wissen es genau!
Marschak heisst der Dichter, der es geschrieben hat, Samuil Marschak. Seine dichterische Phantasie schaute weit nach vorn. Das kleine Stück entstand im Jahre 1940. Ein Jahr später schon war es nicht bloß ein Märchen da war die Geschichte von dem Haus, das man gegen Räuber verteidigen muß, plötzlich harte Wirklichkeit. So ist das manchmal mit den Märchen. Fragt also Eure Eltern, ob alles wahr ist, was in unserer Geschichte geschieht, ob es so zugeht auch im Leben.
Wie ich auf die Idee kam, eine Schallplatte vom „Tierhäuschen“ mit einer umfangreichen, erzählenden Musik anzuregen? Eigentlich auf der Straße. Ich bummelte durch Moskau und kam vorbei an einem Haus mit einem weiten Eingangstor: links eine große Tafel und rechts eine große Tafel. Auf der einen steht: „in diesem Hause wohnte Sergej Prokofjew...“ Ihr wißt der weltbekannte Komponist, den auch alle Kinder kennen, seit er „Peter und der Wolf“ geschrieben hat. Und auf der andern Tafel steht: ,,In diesem Hause lebte Samuil Marschak...“ Ja, Ihr kennt ihn ebenfalls, den großen Dichter für Kinder, der so berühmt war, daß man Briefe an ihn aus aller Weit einfach adressierte an „Marschak Moskau“. Das genügte. Und Ihr könnt Euch denken, so berühmt wird man nicht ohne Grund.
Samuil Marschak wußte genau, wie man für Kinder schreiben muß, wie fein und phantasievoll und wahrheitsgetreu. Auch er war schließlich einmal klein gewesen, aber bis ins Alter hinein hatte er die Gefühl seiner Kindheit nie vergessen. Deshalb erklärt er den Kindern die Welt auch nicht von oben herab.
Wenige Jahre vor seinem Tode hatte ich ihn in Jalta kennengelernt, in der sommerblauen Stadt am Schwarzen Meer. Er hielt sich gern und oft im südlichen Klima auf, dort, wohin ihn einst Maxim Gorki so freundschaftlich eingeladen hatte.
Marschak war immer leicht zu finden. Wo Marschak war, klapperte die Schreibmascnine: Sein Fleiß und seine Gelehrsamkeit waren ganz außergewöhnlich.
Jetzt, hier in Moskau, konnte ich ihn nicht mehr wiedersehen, wo ich ihn noch so vieles hätte fragen wollen, oder auch ganz einfach nur „Herr Marschak, was schreiben Sie heut?“, worauf er immer belustigt antwortete: „Geschichten für Kinder, für ganz große Leut!“
Ich ging durch das Haustor, wollte sehen, wo er seine Moskauer Jahre verbracht hatte, er, der in Woronesch geboren war als Sohn eines Chemikers. Die einstige Wohnung ist heute das Marschak-Archiv. Die Tür öffnet Marschaks Sohn, Emanuel Samuilowitsch. ,Der hat’s gut gehabt als kleiner Junge‘, dachte ich unwillkürlich, kriegte die schönsten Geschichten geschrieben und, wenn er wollte, jeden Tag eine neue, er und seine Schwester...‘
Er lädt mich in Marschaks Arbeitszimmer ein, der Sohn, der Physiker Marschak, der des Vaters dichterisches Lebenswerk mit Liebe und Sachkunde verwaltet. Und wir sitzen an dem berühmten Tisch mit dem großen Telefon und dem unerläßlichen Zigarettenkästchen und den Manuskript-Stapeln, der Tisch, an dem Marschak gearbeitet hat bis an sein Ende. Es gibt viel zu fragen und zu forschen.
Wir studieren Marschaks Entwürfe die vielen Skizzen und Originale. Was meint Ihr, wie solche Seiten ausschauen! Eine Korrektur an der andern, einmal, zehnmal verbessert. Immer wieder. Ihr solltet Euch beim Hausaufsatz ein Herz fassen und ebenso lange daran bessern, bis es besser nicht gehen will...
Ich fand in Marschaks dichterischer Sprache und auch in seiner häuslichen Umgebung viele Zeichen der Liebe zur Musik, den prächtigen Flügel zum Beispiel, an dem so mancher berühmter Komponist gesessen, mit dem er befreundet gewesen. So entstand die Idee einer musikalischen Fassung des auch bei uns weithin bekannten „Tierhäuschen“-Textes.
Dem Komponisten Joachim Thurm gefielen diese Textvorlagen - Tiergeschichten sind seine Liebe -, und so schrieb er zum „Tierhäuschen“ eine Musik, so brillant und witzig und einfallsreich, daß Marschak, hätte er diese Musik gehört vor Überraschung und Aufregung alle seine Freunde gerufen hätte.
Der Dichter Johannes Bobrowski hat die heitere Gangart der Verse in eine wunderbare deutsche Fassung gebracht. Hört einmal hin. wie schön unsere Sprache klingt, wie bildhaft Marschak erzählen kann!
Als nun alles fertig war, Text und Dramaturgie und Orchesterpartitur, war auch der Dirigent Günther Herbig wieder zur Stelle. Ihr kennt ihn noch vom letzten Mal, von unserer Marschak-Platte „Warum der Mond keine Kleider hat“. Auch diesmal wieder hat Günther Herbig sehr streng und mit viel Liebe aufgepaßt daß alle Musiker so glanzvoll spielen wie fürs schönste Festkonzert, die Musiker vom Berliner Sinfonie-Orchester. Ja, und natürlich muß ich Euch noch mit Jürgen Schmidt bekannt machen, unserem Regisseur. Was so ein Regisseur eigentlich zu machen hat? Er holt nicht nur die Schauspieler ans Mikrophon - und für unser „Tierhäuschen“ sehr berühmte gar -, er hat auch dem lebendigen Spiel, dem Ausdruck der Sprache zu großem Reichtum verholfen.
Doch unsere Mannschaft wäre ganz unvollständig ohne unsere anspruchsvollen und kritischen Tonmeister Bernd Runge und Karl-Hans Rockstedt. Mir scheint immer, die beiden haben Ohren so groß wie Wagenräder und hören selbst die Stäubchen stöhnen.
So; und jetzt seid Ihr an der Reihe! Jetzt sollt Ihr beurteilen, wie die Arbeit gelungen ist.
Bitte, Herr Herbig, jetzt kann es losgehen!
Den Einsatz, bitte!
Wir sind mucksmäuschenstill!

Ingeburg Kretzschmar
Erzähler: Horst Hiemer
Maus:
Monika Lennartz
Frosch:
Annelene Hischer
Hahn:
Klaus Piontek
Igel:
Dieter Franke
Fuchs:
Eberhard Esche
Wolf:
Reimar J. Baur
Bär:
Dietrich Körner

von Samuil Marschak
Deutsche Nachdichtung: Johannes Bobrowski

Musik: Joachim Thurm
Berliner Sinfonie-Orchester
Dirigent: Günther Herbig

Dramaturgische Mitarbeit: Ingeburg Kretzschmar
Regie: Jürgen Schmidt

Ton: Karl Hans Rockstedt