Tischlein deck dich / Das blaue Licht
Märchen der Brüder Grimm
LP LITERA 8 65 179
Covertext:
Tischlein deck dich

War das ein Fest! Drei Tage hat es gedauert, wie es im Märchen üblich ist Ich wollt, ihr wäret dabeigewesen und hättet die sprachlosen Gesichter der Gäste sehen können, als das Tischlein deck dich so mir nichts, dir nichts – nur auf einen Spruch hin – sich mit den herrlichsten Speisen, auserlesensten Weinen, feinsten Pralinen und dem köstlichsten Obstsalat bedeckte. Da ließ sich keiner zweimal auffordern. Alle langten fröhlich zu und erhoben ihre Gläser auf Hans und seinen Meisterlohn – das Tischlein deck dich. Hans bekam vor Freude ganz rote Ohren und trank, so oft ein jeder mit anstieß. Davon wurden seine Ohren noch roter.

Als Klaus aber seinen Esel Bricklebrit vorführte und ihn bat, für jeden Gast eine Handvoll blanker Golddukaten zu speien, wollte das Staunen gar kein Ende nehmen. Manch einen sah ich, der kniff sich in den Arm, weil ihm schien, dies alles sei ein Traum.

Dann war die Reihe an Peter, seinen Meisterlohn zu zeigen. Doch so sehr sie ihn auch bedrängten und baten, Peter winkte nur ab und rief vergnügt: „Mein Knüppelchen bleibt in dem Sack! Ja, wenn unter euch ein diebischer Wirt oder sonst ein Taugenichts ist, will ich gern das Knüppelchen auffordern, ihm das Tanzen beizubringen. Ich bin üeberzeugt, seine Beine würden ihn so schnell davontragen, als sei der Leibhaftige selbst hinter ihm her!“ Da fingen alle an zu lachen und lachten solange, bis sie sich vor lauter Trunkenheit und Freude unter den Tisch gelacht hatten. Dort blieben sie denn liegen und schliefen ihren Rausch aus.

Nun glaubt ihr vielleicht, Peter, Hans und Klaus würden ewig so weiterieben und nur darauf warten, daß das Tischlein deck dich und der Goldese! sie bedienen? Aber da irrt ihr euch. Eines Tages trat Hans vor den Vater und seine Brüder und sprach: „Ich bin des Nichtstuns müde“ Hab ich etwa eine Handwerk erlernt damit ich den lieben langen Tag auf der faulen Haut liege und die lästigen Fliegen verscheuche? Jung bin ich noch und kräftig und kein schlechter Tischler. Will mir eine Arbeit suchen, die mich froh und glücklich macht.“

Und Klaus meinte: „Recht hat der Hans. Ist nicht ein jeder von uns bei einem Meister in die Lehre gegangen und hat er nicht gelernt, seinen Kopf und seine Hände zu gebrauchen. Auch ich will nicht länger unnütz herumsitzen. Hab’ in der Nähe eine leerstehende Mühle entdeckt. Die wartet nur auf einen wie mich, der die Mühlräder wieder in Bewegung setzt.“

Peter aber bat den Vater: „Laß mich im Schuppen neben dem Haus eine Werkstatt einrichten. Du aber ruh dich aus. Hast genug gearbeitet in deinem Leben.“

Der Vater war's zufrieden und verschloß Nadel und Zwirn, Elle und Bügeleisen in einem Schrank. So dann kaufte er sich eine neue Ziege, damit sie immer frische Milch hätten. Die führte er hinaus auf die Wiese, wo das saftigste Gras und die süßesten Hälmchen wachsen.

Was aber war mit der ersten Ziege geschehen? Als der Schneider sie zum Teufel geschickt hatte, ärgerte sie sich so sehr, daß sie darüber gänzlich abmagerte und kahl wurde. Schließlich fand sie eine Fuchshöhle. In die lief sie hinein, um sich zu verstecken. Bald darauf kam der Fuchs nach Hause und erschrak heftig über die grimmig funkelnden Augen der Ziege. Ängstlich lief er zum Bären. De Bär versprach, dem Fuchs zu helfen. Doch ach, kaum hatte der Bär den finsteren Blick der Ziege gesehen, nahm er auch schon Reißaus. Unterwegs begegnete ihm eine Biene. „Hast wohl einen Schreck bekommen, daß du so wild durch die Wälder rennst?“ fragte die Biene. Da erzählte der Bär von dem teuflischen Ungeheuer in der Fuchshöhle. Die Biene lachte: „Ich bin noch mit jedem Ungeheuer fertiggeworden.“ Und sie flog rasch zur Höhle setzte sich der Ziege mitten auf die Nasenspitze und stach sie so gewaltig, daß die Ziege aufsprang und wie toll in die Welt hinauslief. Seitdem hat sie niemand mehr gesehen.



Das blaue Licht

„He, Soldat! Zeig mir das Licht, das blaue Licht!“

„Wer ruft da?“

„Ich bin es, Soldat.“

„Sieh einer an, welch eine Überraschung! Ein kleiner Junge mit einer Stupsnase, so keß, wie ich noch keine sah und Augen, so flink wie ein Wiesel und Sommersprossen, so lustig wie Sommersprossen eben sind. Na, na, nun komm schon hinter dem Baum hervor und erzähl mir, was du hier verloren hast – mitten auf der Landstraße die mich heimführt in mein Dorf.“

„Ich bin dir hinterhergelaufen, weil ich das blaue Licht sehen wollte. Das war vielleicht ein Spaß wie du dem König eins ausgewischt hast! Ihm, seiner Tochter und dem ganzen Hofstaat. Die Leute sagen, du bist ein Held.“

„So, da sagt man also, ich sei ein Held. Na, als der König mich davongejagt hatte, war ich bestimmt kein Held. Ich war einfach müde, hungrig und durstig und beklagte mein Los.“

„Warum hast du denn zugelassen, daß der König dich so behandelt? Hättest ihm gleich einen Denkzettel verpassen sollen!“

„Hast recht. Hätte ich machen sollen, hab’ ich aber nicht, weil ich damals noch nicht wußte, was ich heute weiß. Da hieß es eines schönen Tages: Unser König zieht in den Krieg und jeder, der kräftig und gesund ist, wird Soldat. Da wurde nicht lange gefackelt, nicht gefragt, ob einer wollte oder nicht. ,Er ist unser König was sollen wir tun, wir müssen gehorchen.‘ – so sprach ein Soldat zum andern.“

„Und du, was hast du getan?“

„Ich habe mich tapfer geschlagen im Krieg. Doch wofür das wußte ich nicht Und das war nicht gut. Man muß wissen, wofür man kämpft, wofür man sein Blut vergießt. Der Krieg brachte dem König eine reichgefüllte Schatzkammer, dem Volk aber nur verwüstete Äcker, zerstörte Häuser und einen leeren Magen.“

„Und darum hast du dem König eine Lehre erteilt, stimmt’s?“

„Stimmt du Neunmalkluger. Und wenn du so weitermachst, wird aus dir noch ein richtiger Held. Dann sind wir zwei. Na, wie gefällt dir das?“

„Gar nicht so schlecht. Was aber ist mit dem blauen Licht?“

„Ach so ist das! Du denkst wohl wer das blaue Licht hat der hat Macht? Nein, mein Lieber, so einfach ist das nicht. Merke dir: Um einen König in die Knie zu zwingen, da braucht man Verstand, Klugheit, List, Geduld. Was aber nützen dir Verstand, Klugheit, List und Geduld, wenn du blind durch die Welt läufst und über jeden Stein stolperst, der auf dem Wege liegt. Auch ich habe früher nicht viel begriffen, was um mich herum geschah. Doch das Männchen mit dem blauen Licht hat mich gelehrt.“

„Das Männchen? Wer ist denn das?“

„Das ist mein Freund. Das ist der beste Freund, den ich habe. Doch jetzt haben wir genug geschwätzt. Ich muß weiterziehen. Zurück in mein Dorf will ich, das Feld bestellen, säen, ernten und den Menschen meine Geschichte erzählen. Mach’s gut, du Sommersprossengesicht. Und wenn du mich brauchst dann komme ich.“

„Gemacht. Leb’wohl, Soldat!“
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TISCHLEIN DECK DICH

Schneider: Wolfgang Greese
Peter: Klaus Piontek
Hans: Alexander Lang
Maus: Peter Bause
Ziege: Elsa Grube-Deister
Wirt: Rolf Ludwig
Meister: Dieter Franke



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DAS BLAUE LICHT

Soldat: Rolf Ludwig
Männchen: Dieter Franke
Hexe: Elsa Grube-Deister
König: Wolfgang Greese
Königstochter: Angelica Domröse
Wachposten: Peter Bause
Wirt: Klaus Piontek


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nach Brüder Grimm
Schallplattenbearbeitung: Dieter Scharfenberg

Musik: Hans-Dieter Hosalla
Instrumentalgruppe: Solisten des Berliner Ensembles
und der Komischen Oper
Leitung: Hans-Dieter Hosalla

Regie: Dieter Scharfenberg
Regieassistenz: Leni Lopez
Tonregie: Kari-Hans Rcckstedt