Traum in den Morgen
LP ETERNA 8 26 705
Covertext:
Ein Instrument zu erlernen ist schwer. Singen kann jeder. Das mag geringschätzig klingen, aber es stimmt: Jeder Mensch trägt in sich das Instrument seiner Stimme, das zum Klingen gebracht werden möchte. Lassen wir es einrosten, sind wir selber schuld. Da hilft kein Schimpfen auf die Schule, die das Singen vernachlässigt. Da nützt kein Klagen darüber daß Radio und Schallplatte und Kassettenrecorder uns faul und bequem gemacht haben. Wer sich erinnert und dabei feststellt, daß er seit dem inbrünstig gesungenen Bummi-Lied im Kindergarten nichts Klangvolles mehr und nichts mit echtem Spaß hervorgebracht hat, der tut recht damit, sich diese Schallplatte gekauft zu haben. Denn er wird schon beim ersten Anhören mit Staunen folgendes bemerken:
Da gibt es Chöre, in denen seit Jahren und trotz der verbreiteten Meinung, selbst singen sei nicht „modern“, so fleißig und mit Freude gesungen wird, daß die Aufnahmen kaum eine Unebenheit zutage treten lassen. Wer je ungeübt ins Mikrophon gesungen hat und sich danach das Band anhörte, kann ermessen, was dazu gehört, so schwierige Chorsätze a cappella, also ohne instrumentale Begleitung, sauber vorzutragen.

Da schreiben zeitgenössische Komponisten Lieder, die anders klingen als das gute alte Kinderlied. Heutige Erlebnisse und Gedanken sind in heutige Harmonien gekleidet. Gleich das erste Lied dieser Platte, „Singen lasset die Vögel“ gibt uns die richtige Einstimmung. Rainer Lischka schrieb es auf ein Schülergedicht, das die Sehnsucht der Kinder nach Frieden und Völkerfreundschaft ausdrückt. Die lustigen Vorlagen für die Lieder „Frau Tausendfuß und die „Katze Isabo“ fand der Komponist Manfred Weiß im „Flohmarkt“ von Peter Hacks, dessen reizvolle Kindergedichte sehr viele Freunde haben. Und wie gefallen euch die Fabeln von den Fröschen und vom Hammel und vom Hahn im Korbe? Könnt ihr euch vorstellen, mit welchem Spaß die Chorkinder die Tierlaute nachbilden und sich vom eigenwilligen Rhythmus der Lieder tragen ließen?

Der Kinder- und Jugendchor des Dresdner Pionierpalastes, der die erste Plattenseite bestreitet, hat speziell mit solchen neuen Liedern gute Erfahrungen bei Sängern und Zuhörerngesammelt. Viele der Kompositionen wurden 1973 anläßlich der Berliner Musikbiennale aus der Taufe gehoben. Sie erklangen mehrmals im großen Dresdner Kulturpalast (vor 2400 Zuhörern!) beim
„Konzertwinter auf dem Lande“, z.B. in Niederbobritzsch, und bei Auslandsreisen in die CSSR und nach Bulgarien. Uberall lösten die z.T. von namhaften Dresdner Komponisten geschriebenen Lieder und ihre sorgfältige Einstudierung Begeisterung aus.

Der Dresdner Chor entwickelte sich 1965 aus zwei Schulchören. Etwa einhundert Jungen und Mädchen singen heute in dem Chor, der seit seiner Gründung von dem erfahrenen Chorpädagogen Manfred Winter geleitet wird. Schon zweimal erhielt das Ensemble die Auszeichnung „Hervorragendes Volkskunstkollektiv“ und wurde bei Leistungsvergleichen als Chor der Oberstufe anerkannt. Wäre ich zwischen 8 und 18 Jahre alt und würde ich in Dresden, Coswig, Meiße oder Radebeul wohnen – ich stünde schon morgen am Eingang des Pionierpalastes, um zu fragen, ob man in solch einer duften Truppe mitwirken könne.

Aber natürlich steckt viel Arbeit dahinter, ehe ein Laienchor mit Jugendlichen, die ja oft mit dem letzten Schuljahr auch aus dem Chor ausscheiden müssen eine derart hohe Gesangskultur erreicht. Davon könnten sicherlich auch Jochen Quasner und sein Weimarer Pionierchor ein Lied singen.

In der dortigen Karl-Marx-Oberschule II fanden die aus verschiedenen Weimarer Schulen im Chor des Pionier-Zentralhauses vereinigten Sänger vor zehn Jahren einen „Trägerbetrieb“ der sie freundlich beherbergte und vier „Chorklassen“ einrichtete. Hier wird der volle Stundenplan absolviert, aber an wöchentlich zwei Pioniernachmittagen erhalten die Chorschüler Stimmbildung und Musikunterricht.
Belastet das Singen die Schule?
„Nein, es nützt“ sagt Jochen Quasner. „Die ohnehin leistungsstarken Schüler, die wir jährlich in verschiedenen Schulen nach gründlicher Prüfung auswählen (übrigens kaum nach dem Gesichtspunkt des schönen Singens!), erlernen während der Chorarbeit nicht nur Lieder, sondern quasi singend Disziplin. Zudem wirkt sich die ständige Mitarbeit im Chor positiv auf die allgemeine Konzentrationsfähigkeit der Kinder aus. Da wir bei Konzerten und auch bei Funkaufnahmen niemals vom Blatt singen, sondern verlangen, daß die Schüler Stimme und Text auswendig beherrschen, ist z.B. das Lernen eines Gedichts für alle beinahe eine Spielerei.“
Jochen Quasner, ehemaliger Deutschlehrer und Pionierleiter, hat an der Franz-Liszt-Hochschule Chor- und Ensembleleitung studiert. Mit dem Pionierchor machte er 1964 sein Staatsexamen. Wir vergaßen zu fragen, mit welchem Erfolg er es damals bestanden hat. Die späteren Noten jedenfalls, die er für den Chor und die der Chor für ihn erhielt, waren immer beneidenswert gut: Artur-Becker-Medaille, Literatur- und Kunstpreis der Stadt Weimar, ausgezeichnete Ergebnisse
bei Leistungsvergleichen ...

Die kleine Kantate „Traum in den Morgen“, die den Liederreigen auf der zweiten Plattenseite eröffnet deutet auf eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Weimarer Komponisten und Musikhochschullehrer Joachim Thurm hin. Eingebettet in eine reich instrumentierte, fließende Orchesterbegleitung, die an unseren Hörgewohnheiten anknüpft, sind unsere schönen Erfahrungen des täglichen Lebens formuliert, fliegen unsere Gedanken in die Zukunft. Die internationalen Volkslieder, besondes aber die Erfahrungen mit dem anspruchsvollen ungarischen Komponisten Zoltan Kodaly (1882-1967) stammen von den beinahe jährlichen Konzertreisen ins Ausland.
Die Kinder und Jugendlichen, die in solchen Chören mitwirken (und das sind nur zwei Chöre von vielen in unserer Republik!), gehören zu den Meistern ihres Instruments Stimme, das auch nicht die leiseste Spur von Rost trägt. Sie machen damit nicht nur uns eine Freude, sondern auch sich selbst. Weil es kaum Schöneres gibt als den Genuß durch die eigene künstlerische Leistung.

Fred Seeger


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Singen lasset die Vögel
Komponist: Rainer Lischka
Text: Monika Bornemann

Spatzen
(Spatzen solln jetzt besser leben)
Komponist : Jiri Pauer
Text: Kamil Bednar
Deutsch von Heidi Kirmße

Die Fische
Komponist: Volker Hahn
Text: Klaus Welz

Frau Tausendfuß
Komponist: Manfred Weiß
Text: Peter Hacks

Der dicke Gert
(Holterpolter, holterpolter...)
Komponist: Rainer Lischka
Text: nach einem Kinderreim

Der Hammel
(Bäh, bäh, auf einer Weide fraßen)
Komponist: Volker Hahn
Text: Peter Uhu

Froschkonzert
(Schön sind die Wiesen)
Tschechisches Volkslied
Deutscher Text: Hans Möskenthin

Wackelkanon
(Dieser Herr, seht mal her)
Komponist: Rainer Lischka
Text: Rainer Lischka

Das Konzert
(Die Vögel haben nachts gelauscht)
Komponist: Siegfried Köhler
Text: Georg Maurer

Der Hahn im Korbe
(Es bandelte ein bunter Hahn)
Komponist: Volker Hahn
Text: Peter Uhu

Die Katze Isabo
Komponist: Manfred Weiß
Text: Peter Hacks

Laß die Sonne immer scheinen
Komponist: Rainer Lischka
Text: Nora Baldow
Instrumentalgruppe


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Traum in den Morgen
Komponist: Joachim Thurm
Text: Heidi Kirmße
a) Morgenlied
b) Regenbogenlied
C) Tagesausklang
d) Traum in den Morgen
Thüringisches Kammerorchester

Estnisches Hirtenlied
(Karjale! Karjale! Neig dich Tag ...)
Volkslied

Die Baume im Laube
Schwedisches Volkslied - Mittsommerlied
Satz: Hans-Joachim Quasner

Esti szellö (Abendlüftchen)
Komponist: Zoltan Kodaly
Dirigent: Ferenc Toth

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Kinder- und Jugendchor
des Pionierpalastes Dresden (1-12)
Pionierchor Weimar (13-16)

Dirigenten :
Manfred Winter (1-12)
Hans-Joachim Quasner (13-15)
Ferenc Toth (16)

Aufnahmen: Rundfunk der DDR