Hurvinek im Traumland
Eine Geschichte, die kein Ende hat
LP SUPRAPHON 1118 3345
Covertext:
Hurvinek:
Gestattet uns, uns vorzustellen, liebe Jungs und Mädels. Ihr kennt uns ja sicher schon einigermaßen von unseren früheren Zusammentreffen auf Bühne und Schallplatten, aber man weiß eben nie ... Zum Beispiel mein Paps Spejbl ... Wußtet Ihr, daß er als Bühnenfigur schon im Jahre 1920 zur Welt kam? Es war in Pilsen, einer großen Industriestadt in Westböhmen. Ein recht munteres Amateur-Puppentheater spielte damals in dieser Stadt und widmete den ganzen Ertrag seiner Vorstellungen für die Erhaltung von Ferienkolonien für arme Kinder. Dort also erblickte mein Paps das Licht der Welt. Es war im Jahre 1920. Begreiflicherweise war ich damals nicht dabei. Meine Kleinigkeit tauchte erst etwas spater auf.

Spejbl:
Das war namlich so ... Ich sang, spielte und redete auf der Bühne, ich hielt Vorträge über alles und nichts, ich plauderte mit dem Kasperl und mit dem braven Soldaten Schwejk Aber das war alles nicht genug. Immerfort fehlte mir etwas. Ich kam mir die ganze Zeit so irgendwie einzig und allein vor. Und da hatte ein junger Schnitzer eine hervorragende Idee Er schnitzte heimlich einen Jungen für mich, der die gleichen Kulleraugen hatte wie ich, er brachte ihn ins Theater und unser Patron, Professor Josef Skupa, nahm sich seiner liebevoll an. Ich sag Euch, das war ein Festtag, dieser 2. Mai. Damals wußte ich allerdings noch nicht, welch ein Kreuz ich mit dem Jungen haben werde!

Hurvinek:
Der Herr Professor Skupa sprach für uns beide und tat es so gut, das wir in kürzester Zeit berühmt waren. Alle drei. Wir kamen sogar in den Rundfunk und auf Schallplatten und der Herr Professor schenkte uns so viel Vertrauen, daß er schließlich Schule Schule sein ließ und ein richtiges Profi-Puppentheater eröffnete. Und darin spielten wir beide immer die allererste Rolle Das war im Jahre 1930. Im selben Jahr gesellten sich noch die Manicka und das Hündchen Jerry zu uns. Und dann spielten wir alle in Pilsen und fuhren kreuz und quer durch Böhmen und Mähren bis 1943, denn da war Krieg und das Theater wurde gesperrt.

Spejbl:
Und der Herr Professor Skupa, der wurde auch eingesperrt Kaum war aber der Krieg zu Ende, da fuhr Skupa im Jahre 1945 schon wieder nach Prag und gründete dort ein neues Theater. Eigentlich ein altneues. Das Spejbl und Hurvinektheater! Und wieder spielten wir! Nur daß es um die Gesundheit unseres Herrn Professor nicht mehr so gut stand, das waren keine kleinen Sorgen. Er mußte sich kurzum nach einem Nachfolger umsehen. So ist es halt mit den Menschen, die halten nicht so viel aus, wie eine richtige Puppe. In Milos Kirschner fand Skupa einen guten Schüler. Der begann schon in den Jahren 1952-53 für ihn einzuspringen und machte es so gut, daß ihn der Herr Professor öffentlich zu seinem Erben und Nachfolger erklärte. Nun ja, wir haben uns an ihn gewöhnt. Und zwar ganz gern. Als Professor Skupa im Jahre 1957 starb, waren wir sehr traurig. Aber wir hatten unseren Milos. Heute würden wir ihn um keinen Preis hergeben; er spricht doch schon volle dreißig Jahre für uns!

Hurvinek:
Mit Milos und mit unserem ganzen Theater machten wir Reisen nach allen Weltrichtungen. Und was wir dabei alles erlebt und genossen haben. Wir waren nicht nur in England, Frankreich, Polen und in der Sowjetunion, sondern auch in Indien, Ägypten, Kanada und in den USA. Und zuletzt fuhren wir bis nach Japan! Und für jede Gastreise mußten wir mit unserem Milos eine neue Sprache lernen! Nach den Schallplatten und dem Rundfunk folgte auch das Fernsehen. Es gab so viel zu tun, daß uns Sehen und Hören verging. Dank unseren Schriftstellern kamen wir sogar ins Märchenland, unter die Käfer, ins Mittelalter, in den Kosmos, in weitentfernte Länder, auf den Meeresgrund, wir kämpften gegen die verschiedensten Märchenungeheuer, gegen Vampire und wilde Tiere, wir trafen mit verschiedenen altprager Gespensterlein zusammen und auch wieder mit belebten Maschinen und Robotern, die uns eine recht derbe Lektion erteilt haben, als wir uns mit Hilfe der Technik das Leben allzu leicht machen wollten ...

Spejbl:
Ja, es gab wirklich vieles zu erleben und wir sind allen, die für uns sprechen und die unsere Faden ziehen, sehr dankbar dafür; welche Puppe hat denn so bald ein solches Glück? Und zugleich sind wir froh darüber, daß wir durch unser Spielen und Erzählen Tausende von kleinen und großen Zuschauern und Zuhörern in vielen Ländern Europas und anderer Weltteile erfreuen, unterhalten und belehren können.

Hurvinek:
Unsere funkelnagelneue Geschichte, die Ihr in einer Weile hören werdet, wird Euch vielleicht ein wenig verwirrt vorkommen. Aber das scheint nur so. Mit Träumen ist es immer so. Traum und Wirklichkeit sind miteinander vermischt, so zum Beispiel, wenn einer träumt daß er heute in der Schule sicher, aber ganz sicher eine erbärmlich schlechte Note einstecken wird ... und er dann erwacht und die erbärmlich schlechte Note wirklich kriegt. So ist das Alltagsleben mit dem Traum und der Traum mit dem Leben verflochten. Alles kommt durcheinander und man weiß oft nicht, was man sich denken soll. Da sagt man dann zu sich selbst, wenn man das eigene Schulzeugnis in Händen hält. Ist es ein Traum oder ist es wahr? Ist dies wirklich eine Fünf? Und dies eine Eins? Na, da mag ich nicht hören was mein Paps sagen wird ... aber ich werde es leider hören. Und es wird nicht bloß im Traum sein ...

Spejbl:
Nun ja, wir träumen nämlich auch, müßt Ihr wissen. Wir haben auch unsere Träume, Freuden und Sorgen, wenn wir auch nur Puppen sind. Schon deshalb, weil wir auf der Bühne wahrhaftige Menschen vertreten. Daß wir manchmal ein wenig sonderbar sind? Daß wir lacherlich sind? (Und das sind wir, fast immer.) Ja, aber die wirklichen Menschen sind doch nicht anders! Sie sind weder besser noch schlechter. Und wir beide sind wiederum Eueretwegen so. Damit Ihr Euch freut. Und Euere Freude ist dann auch unsere Freude. Denn wir mögen seit jeher rund um uns gute Laune und überall lachende Gesichter

Spejbl und Hurvinek
ausgehorcht und aufgezeichnet von Pavel Grym
Hurvinek, Spejbl: Milos Kirschner
Manicka: Helena Stachova
Zeryk: Miroslav Cerny
Reporter: Jiri Sramek
Korrepetitor: Jan Fuchs
Erzähler -  
der auch alle männlichen Rollen spricht:
Otto Budin
Eine Frau -  
die alle weiblichen Rollen spricht:
Lena Birkova


Deutsche Übersetzung: Jan Fuchs

Musik: Mojmir Balling
Regie: Jan Fuchs
Ton, Mix und Schnitt: Ivan Mikota

Originalaufnahme Supraphon, Prag, CSSR
Studio Lucerna
8.-10. 3. 1982