Das Zeichen der vier Kreuze
Ein Sherlock-Holmes Roman

von Conan Doyle

LP LITERA 8 65 422
Covertext:
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Top Secret
Actenmaterial Royal Police Scotland Yard
Reg.-No. 88/007 - 677 B/Gr.
Protocoll

Dat.: 9. Juli 1888/9 Uhr abends
Loc.: An Bord Polic.-Barkasse „Dartmoor“
Unters.-Führ.: Detectiv-Sergeant Gregson, Tobias, Chief-Inspector
Mord-Comm. II., Sc. Y.
Zeugen: Holmes, Sherlock, Privat-Detectiv (Liz.-No. 0001 )
Dr. med. Watson, J. B./Morstan, Mary , Gesellschaftsdame
Text: Vor mir erscheint, auf der Flucht gestellt, der p. p. Small, Jonathan, geb. ca. 1831 in Worcester, Vater unbekannt, Mutter Landstreicherin, verst., und gibt, nachdem ich ihn mehrfach des Fluchens verwiesen und zu respectvollem Tone ermahnt, zu Protocoll, daß er dem am 7. dieses gewaltsam getöteten Sholto, Bartholomew (vergl,: Prot. Reg.-No. 88/007 - 676 B/Gr.), eine Truhe mit dem sog. Agra-Schatz entwendet und, nachdem er erkannt, daß er der Kgl. Pol. nicht könne entgehen, den Inhalt der Truhe, id est: den Schatz, in kleinen Portionen in die Themse versenkt, welches ich ihm als strafverschärfend vorhielt. Hingegen leugnet der Sm. hartnäckigst, den gewaltsamen Tod des Sh., B., beabsichtigt oder gar selbst herbeigeführt zu haben. Worauf ich ihm den Vorhalt tat, er könne einen Insp. des Yard nicht täuschen und sei ein ganz niederträchtiger Mörder, welches ich ihm schon noch nachweisen wollte. An diesem Punkt des Verh. machte der Zeuge H., Sh., Miene, sich einzumischen, welches ich ihm jedoch kraft meiner Autorität als Det.-Serg. u. Ch.-Insp. verwies. Die Frechheit des Sm. trat besonders hervor in der wiederh. erhobenen Behauptung, der sog. Agra-Sch. sei sein Eigentum. Des zum Beweise erzählte er – nachdem der Zeuge H., Sh., ihm wider alle Vorschrift einen Becher Sc. Wisky gereicht – folgende Geschichte, welche allerdings meine Ermittlungen glänzend bestätigt:

Er, Sm., habe sich 1852 freiwillig in Ihrer Maj. Indische Armee gemeldet, wo ihm, bei der Überquerung des Flusses Ganges, das rechte Bein von einem sog. Crocodil glattweg sei abgebissen worden. Darauf habe er, mit hölzerner Prothese versehen (auf Kosten der Kgl. Ind. Armee), Dienste als Aufseher bei dem Indigo-Pflanzer White, Abel, getan, bis dieser von indischen Rebellen bei ihrem Aufstand gegen die rechtm. brit. Herrschaft ( 1857 bis 1859, vergl.: Arch. d. Kgl. Ind. Col.-Armee) bestialisch ermordet worden, und er, Sm., sich in die Festung Agra geflüchtet und dort einem Freiw.-Corps angeschlossen, welches die Festung gegen die Rebellen verteidigt. Beim Wachestehen mit den uns verbundeten Sikhs Dost Akbar und Mahomet Khan sei er von letzterem in Kenntnis gesetzt worden, daß dessen Zwillingsbruder Abdullah Khan einen Kaufmann namens Achmet des nachts heimlich in die Festung Agra einschmuggeln werde, damit dieser hier den Schatz des Rajah von Assam vor den Wirren des Aufstands in Sicherheit bringe. Sie hatten dann gemeinsam zu vieren den besagten Achmet erschlagen, den Schatz in den Kasematten der Festung versteckt und die Lage des Verstecks sich jeder auf einen Zettel gezeichnet, welchen sie, zum Versprechen wechselseitiger Treue und Verschwiegenheit, mit ihren vier Namen und einer symbolischen Kette von vier Kreuzen versehen. In friedlicheren Zeiten hätten sie dann den Schatz unter sich gerecht aufteilen wollen. Der Mord an dem Kaufmann Achmet sei jedoch beobachtet worden und alle vier daraufhin, als unsere tapfere Armee den Colonial-Aufstand mit aller Strenge niedergeschlagen, zu lebenslanger Zwangsarbeit auf den Andamanen verurteilt worden, welche Strafe sie auch angetreten und welche die p.p. Dost Akbar, Mahomet und Abdullah Khan noch heute verbüßten.

Er, Sm., habe als Arztgehilfe von angebl. finanziellen Schwierigkeiten der Camp-Chiefs Major Sholto und Captain Morstan erfahren und daraufhin ihnen gegen seine und seiner Freunde Freilassung einen Teil des Schatzes angeboten. Mj. Sh. und Cpt. M. seien auf dieses Angebot eingegangen (hier begann der Delinquent erneut heftig zu fluchen und konnte erst durch eine weitere Whisky-Gabe des Zeugen H., Sh., besänftigt werden). Er, Sm., habe Mj. Sh. darauf den Lageplan ausgehändigt, damit Mj. Sh. sich an Ort und Stelle von der Existenz des Schatzes überzeugen könne, aber Mj. Sh. sei von seiner Inspections-Reise nach A. nicht zurückgekehrt. Statt dessen habe ein Jahr später auch Cpt. M. das Camp verlassen. Mit Hilfe des andamanischen Kannibalen Tonga, den er, Sm., in seiner Eigenschaft als Arztgehilfe vom Fiebertod errettet, sei ihm, Sm., endlich die Flucht nach A., wo er sich vom ... (folgen mehrere unaussprechliche Vervalinjurien) Diebstahl des Schatzes durch die ... (erneut Verbalinjurien) britischen Offiziere habe überzeugen müssen – und von da nach England gelungen. Hier habe er in Allison Room (Picadilly Circus) die Bekanntschaft des ehem. Box-Professionals und jetzigen Hausmeisters Mc Murdo gemacht, durch welchen er von allen Vorgängen auf Schloß Pondicherry Lodge, dem Sitz der Familie Sholto, erfahren, was ihn, Sm., erst zum Abwarten und dann, nach der Entdeckung des Schatzes durch Sh., B., zum Handeln veranlaßt habe.

Hier drängte sich mit so arroganter Besserwisserei, daß es mir nicht gelang, ihn zu unterbrechen, der Zeuge H., Sh., ins Verhör und schilderte den Hergang des Verbrechens in all den Einzelheiten, welche ich ermittelt und in meinem Abschlußbericht (Reg.-No. 88/007 - 678 B/Gr.) angegeben. In respectloser Weise legte der Zeuge H., Sh., seine Symphathie mit dem p.p. Sm. an den Tag, als dieser ausrief, es sei doch ein besch. Elend, wenn man Anspruch auf eine halbe Million habe und dabei die erste Hälfte seines Lebens in den Fiebersümpfen auf den Andamanen und die zweite Hälfte voraussichtlich im Zuchthaus von Dartmoor verbringen müsse. Hier tröstete nämlich der Zeuge H., Sh., den p.p. Sm., J., indem er eine seiner typischen intellektuellen Deduktionen anbrachte und behauptete, Sh., B., müsse am Giftstachel des Kannibalen T. augenblicklich gestorben und also schon tot gewesen sein, als Sm., am Seil heraufkletternd, das Zimmer des Sh., B., erreichte.

(Das Konstruierte dieser Vermutung liegt auf der Hand, dennoch gelang es mir nicht, dieselbe zu widerlegen, so daß man den Sm. nur wegen Beihilfe, Raub und bewaffnetem Ausbruch wird vor Gericht stellen können.)

Nachdem der Sm. (wieder unter Benutzung obszöner Ausdrücke) seine Aussage beendet, ließ ich ihn, der keinerlei Reue zeigte, in Ketten legen und zum Yard bringen. Dem Zeugen H., Sh., dankte ich mit der unserer Behörde angemessenen Großzügigkeit für seine bei meinen Recherchen erwiesenen unbedeutenden Hilfeleistungen. Widerstrebend akzeptierte ich die Bitte des H., Sh., in der Presseinformation über die Aufklärung des Falles seinen Namen nicht zu erwähnen. Damit schließe ich dies Protocoll.

Gez.: Gregson, Tobias, Det.-Serg., Ch.-Insp. M.-Comm. II Sc. Y.

P.S.: Der Direction des Y. empfehle ich den unverzüglichen Ankauf des Spürhundes Toby, gegenwärtig im Besitz des Tierzüchters Sherman (Pinchin Lane), welcher sich in diesem Fall als außerordentlich anstellig und sogar als schwimmfähig erwiesen.
Gez. : Ch.-Insp. G., T., Det.-Serg.

P.P.S.: Der Leichnam des Kannibalen T. war aufgrund stark getrübter Unterwassersichtverhältnisse in der Themse dennoch nicht auffindbar, so daß ich in bezug auf die Tatsache seiner Existenz ebenfalls auf die Deduktionen des Zeugen H., S., angewiesen bleibe. Was diesen betrifft, so empfehle ich der Dir. d. Y., seine fernere Entwicklung im Auge zu behalten. Wenn diese so fortgeht, könnte der H., Sh., eines Tages einen ganz brauchbaren Assistenz Detectiv abgeben, was man von seinem Freunde Dr. med. W. allerdings schwerlich behaupten kann.

Gez. : Ch.-I. G., T., Det.-Serg.
Dr. Watson: Günter Junghans
Sherlock-Holmes: Michael Gwisdek
Mrs. Hudson: Gertraut Last
Mary Morstan: Barbara Schnitzler
Individuum: Wolfgang Müller-Dhein
Thaddäus Sholto: Hans Teuscher
Mc Murdo: Holm Gärtner
Mrs. Bernstone: Elvira Schuster
Tobias Gregson: Jürgen Watzke
Mrs. Smith: Ursula Staack
Jacky: Andreas Dehler
Wiggin: Ralf Schauer
Jonathan Small: Ullrich Voß
Bande: Kinder des Pionierhauses
„German Titow“, Berlin,
vorbereitet von Sonja Mimra


von Conan Doyle
Schallplattenfassung und Regie: Andreas Scheinert

Musik: Aus der Kadenz des Violinkonzertes von Felix
Mendelssohn Bartholdy, gespielt von Wolf-Dieter Batzdorf
(Violine) Aus Raga Charu Keshi von Ravi Shanker (Sitar)

Geräusche: Heinz Heppner
dramaturgische Mitarbeit: Rainer Vangermain
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Bärbel Hintze

(ab 12 Jahren)