Aus: „Die Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn Francois Villon“ und „Das große Testament“

von Francois Villon
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LP LITERA 8 60 015
Covertext:
Viele große Dichter sind uns seit der Schulzeit bekannt. Ihre Namen werden immer wieder mit großer Hochachtung ausgesprochen; ihre Werke liest man allerdings nicht so häufig.

Die Lieder’ des französischen Dichters Francois Villon lernt man nicht in den Schulen – dafür wären sie wohl auch kaum geeignet -; aber man kennt sie in der ganzen Welt. Menschen verschiedener Länder und Generationen lesen Villons Balladen und seine Strophen aus dem kleinen oder „Großen Testament“ und fühlen sich von der glutvollen Schönheit dieser Verse angezogen, die vor über fünfhundert Jahren entstanden. Befreit von der Konvention des Mittelalters, den ganzen Reiz kritischer Denkweise kennend, hat der Mensch damals begonnen, die Fesseln der Demut, des Gehorchens und des blinden Glaubens abzuwerfen. Er fand neue Freuden und neue Leiden. Die Poesie Villons ist die erstaunliche Offenbarung eines Menschen, der uns Einblick gibt in die vielschichtige Welt seiner subtilsten Empfindungen.

Die lasterhaften Lieder des vagabundierenden Scholaren Villon, in denen er Dirnen und Spelunken, den Galgen und den Tod besingt, stehen in dem Geruch, „anstößig“ zu sein. Doch wer könnte bestreiten, daß Villons Verse echte Dichtung sind? Auf bedeutende Dichter des 19. und 20. Jahrhunderts in Frankreich und weit über seine Grenzen hinaus hat Villon großen Einfluß ausgeübt. Seine Lieder leben in zahlreichen Übersetzungen und Nachdichtungen, und es zeigt sich, daß sie auch unserer Zeit vertraut und verständlich sein können. Man denke nur an manche Gedichte von Brecht, z. B. seine Ballade „Vom angenehmen Leben“ (nach Villon).

Woher kam Francois Villon? Er wurde 1431 geboren, im gleichen Jahr, als die englischen Eroberer Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orleans, auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Franqois’ Vater, der verarmte Edelmann de Montcorbier, war aus einem im Krieg völlig zerstörten Dorf nach Paris gezogen. Nach seinem Tode konnte die Mutter den achtjährigen Francois nicht mehr ernähren. Sie brachte den Jungen zu dem Kaplan Guillaume de Villon, einem begüterten Stiftsherrn, der Francois später adoptierte. Ihm zu Ehren nahm der Dichter den Namen Villon an. Der Junge lernte gut, er besuchte die Lateinschule und wurde später auf die Universität geschickt. An der Pariser Universität bestand er mit achtzehn Jahren das Baccaloureat. Drei Jahre danach errang er den Grad eines Magisters, eines Doktors der Philosophie.

Es war eine Zeit des Umbruchs und des Schreckens, eine Zeit des Chaos’ und des Todes, in die Villon hineingeboren war. Was hatte Paris, die Hauptstadt des Landes, das seit hundert Jahren Krieg gegen England und seine eigenen Feudalherrn führte, nicht schon alles erlebt! 1436 räumte die englische Besatzung die Stadt. Der französische König konnte wieder in seine Hauptstadt einziehen. Ein Jahr davor raffte die Pest fast 50.000 Pariser hinweg. Ein furchtbarer Winter brachte wiederum Tod durch Verhungern und Erfrieren. In Frankreich und vor allem in Paris tobte damals ein erbitterter Kampf zwischen den verschiedenen Klassen und Ständen. Feudale, der hohe Klerus, die reichen Bürger, Angehörige der Universität, entlassene Soldaten und bettelnde Flüchtlinge aus den vom Krieg verwüsteten Dörfern, Königstreue und Rebellen – sie alle verfolgten skrupellos ihre Ziele. Die einen versuchten, ihre Privilegien zu erhalten oder ihre reaktionäre Tyrannei weiter auszuüben, die anderen wollten sich von ihrem Hungerdasein, von Ausbeutung und Entrechtung befreien. Die Besitzlosen übernahmen das Gesetz der Unmoral von den Besitzenden. Gleich ihnen machten sie den Raub zu ihrem Gewerbe. Auch viele Studenten lagen nachts als Strauchdiebe auf der Lauer und brachen in unbewachte Häuser ein.

In eine solche Welt war Villon gestellt, ein Mensch ohne Vorurteile und Illusionen. Seine scharfen Augen sahen die Dinge und durch die Dinge hindurch. Er war den meisten seiner Zeitgenossen an Wissen, Verstand und Menschenkenntnis überlegen. Obgleich ihm die Wahl zwischen einem gesicherten bürgerlichen Leben und der Unsicherheit eines Vagantendaseins freistand, wählte er das letztere. Weil er selbst die Sicherheit des bürgerlichen Lebens für unsicher hielt, teilte Villon die allgemeine Verachtung alles dessen, was Bindung war. In allen seinen dichterischen Äußerungen stand Villon mit beiden Füßen auf einer sehr irdischen, lasterhaften, staubigen Erde. Aber gerade in diesem Zustand liebte er sie. Er liebte das Leben mit ganzer Leidenschaft, obwohl es weder schön noch friedlich war. Er liebte auch das Herbe und Bittere, den Schmutz und Widerwillen, die Enttäuschung und den Haß. Sie alle gehörten zum Leben. Villon wich ihnen nicht aus. So entstanden seine Verse voll brennender Wahrheit. Er war kein Gesellschaftskritiker; aber seine Gedichte sind Aufruhr, Empörung gegen die Festungen des Bestehenden. Mancher Reim, manche Zeile ist ein Pfeil, der die gehaßte Ordnung mitten ins Herz trifft. Er war der erste Dichter Frankreichs, der nicht in den Wolken lebte und der es verstand, sein Dasein dichterisch auszulegen. Wir wissen nicht viel von seinem kurzen Leben. In den Schenken und Bordellen von Paris fühlte er sich zu Haus. Hier war er Zechgenosse der Coquillards, der Muschelbrüder, der Brüderschar der Räuber. Bald gehörte er zu ihnen, und die Diebe und Frauen schätzten den rauflustigen Akademiker, der meisterhaft aus dem Stegreif seine frechen Lieder vortrug.

1455 mußte Villon Paris verlassen. Er hatte einen wilden Streit mit einem Priester gehabt, offenbar einem Nebenbuhler der derzeitigen Geliebten. Der Priester hatte eine tötliche Wunde davongetragen. Erst ein Jahr später gestattete eine Amnestie des Königs Villon die Rückkehr nach Paris. Der Vagabund, der von der Bürgerklasse verfemte Dichter, warb nun um eine Tochter aus gutem Hause, um Catherine de Vausselles. Der Liebhaber wurde schroff abgewiesen und obendrein noch verhöhnt. Villon mußte bald abermals aus Paris verschwinden. An einem Einbruch in das Haus des Kollegiums, dem Villon als Student angehört hatte, war er beteiligt. Die Polizei suchte die Schuldigen. Einer der Diebe war bereits verhaftet und hatte Villon verraten. Der Dichter begab sich nach Angers. Sicherlich hatte er auch auf dem Lande Verbindung zu den Coquillards. Aus jenen Jahren stammen zahlreiche Argotballaden. Eine kurze Zeit war der Landstreicher Villon Hofpoet beim Herzog von Orleans, der selbst ein bedeutender Dichter war. Wenig später ließ der Bischof Thibault d’Aussigny Villon wegen Diebstahlverdachts in das Gefängnis von Meung werfen. Der in Eisen geschlagene und an die Wand geschmiedete Gefangene sah den Galgen schon deutlich vor sich. Da wird er durch einen Gnadenakt des eben auf den Thron gelangten Königs Ludwig XI. frei. Wieder in Paris, schrieb Villon das „Große Testament“. Noch einmal beschenkte er, wie einige Jahre zuvor im „Kleinen Testament“ alle mit allem; doch diesmal haben wir das ausgereifte Werk eines großen Meisters vor uns. Neben scherzhaften Versen und spitzen Epigrammen finden wir die Lebensweisheit und Philosophie des Dichters. Er wußte, daß den Reichen Macht und Recht zu Gebote standen und erzählte die Geschichte von Alexander von Mazedonien und dem Piraten. Er, der in Hunger und Armut gelebt hatte, beschrieb die üppige Tafel der Reichen. Die Huldigungen an seine Freunde, an Dirnen und Gauner, die Bittbriefe an Mächtige und Behörden, die Nachrufe auf Gehängte bejahen und loben das Leben selbst dann, wenn der Dichter seine Erlebnisse beklagt und verflucht. Wenn Villon um Hilfe bat, versuchte er seine Beschützer zu rühren, mitunter verspottete er sie auch, denn er war kein Höfling. Seine Gedichte sprengen die herrschende „Gesittung“. Sie sind manchmal verschmitzt, bisweilen aber offenherzig bis zur Grobheit. Durch sie weht der Alltag und seine Sprache und – durch die Jahrhunderte hindurch – eine tiefe Menschlichkeit. Wer ist nicht angerührt von jener „Ballade von der Mäusefrau“ die im Kerker letzter Gegenstand menschlicher Anteilnahme eines Todgeweihten ist, oder von der melancholisch-frechen Bitte um Verzeihung an seine Mitmenschen? Villons Liebesgedichte enthalten viele verschlüsselte poetische Formulierungen und eine gehörige Portion Spott. Der Dichter scheute sich nicht, die Dinge direkt und volkstümlich beim richtigen Namen zu nennen. Frauen, die ihm gefielen – und das waren nicht wenige – setzte er mit seinen Liedern ein unauslöschliches Denkmal. 1462 erreichte Villon in einem Pariser Gefängnis das Todesurteil wegen mörderischen Stadtfriedensbruches. Der Dichter schrieb einen sarkastischen Vierzeiler darunter, doch dann wandte er sich mit der Bitte um Gnadenerlaß an das Parlament. Noch einmal entsprang er dem Henker. Das Todesurteil wurde in Verbannung umgewandelt. Söldner des Königs vertrieben den Dichter im Januar 1463 aus Paris. Über sein Ende ist nichts bekannt.

Villons künstlerisches Genie, das schon seine Zeitgenossen bewundernd anerkannten, hat sein Werk unsterblich gemacht.

E. Dornhof


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Eine Ballade für den Hausgebrauch im Winter
Eine Ballade gedichtet für Mira I’ Ydolle
Die Ballade von der schönen Stadt Moorah
Die Ballade von der ewigen Unzufriedenheit
Die Liebesballade für ein kleines Zigeunermädchen namens Leylah
Eine kleine Liebesballade gedichtet für Jeanne Cut de Quee
Eine kleine Ballade vom Prinzen Florestan
Eine kleine Ballade von der Mäusefrau, die in Villons Zelle Junge bekam
Die Räuberballade vom roten Coquillard


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Arm war ich eh und je
Zur Zeit, da Alexander noch die Welt regiert
Auf weichen Daunenkissen
Eine kleine Rauberballade von den drei Coquillards
Eine Ballade vom Appell Villons an den Reichstag
Eine nette kleine Ballade an den Herzog
Sagt mir: wo, in welchem Land
Die Ballade von den Vogelfreien
Eine Ballade, mit der Meister Villon seine lieben Mitmenschen um Verzeihung bittet
Notwendige Anweisung, welches Gebet ihr an meinem Grabe zu sprechen habt
Vierzeiler, den Villon unter sein Todesurteil schrieb

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Sprecher: Horst Drinda

Nachdichtungen von Paul Zech und Walter Widmer
Zusammengestellt von Ursula Püschel

Vertont und begleitet von Chris Baumgarten, Cembalo
Regie: Theodor Popp