Völkerhumor Auswahl 3
für den Literaturunterricht, Klassen 5 – 10
LP SCHOLA 8 70 070
Covertext:
Was diese vorliegende Schallplatte an humorvollen Dichtungen von Chodscha Nasr ed-din über Uilenspiegel und Mark Twain bis zu Sergej Michalkow, ja auch bis zur skurrilen Lyrik Christian Morgensterns vermittelt, ist Spiegel unterschiedlicher Zeiten und ihres Humors, der, in welcher Form er auch erscheint, unsere Zuneigung hat. In dem einen oder anderen Fall wird leiser ironischer Abstand bleiben, anfänglich zumindest. Ihn aufzuheben, dazu trägt bei, daß alle dargebotenen Dichtungen im Dienst des Einfachen gegen das Verworrene, der Vernunft gegen die Dummheit stehen.
Durch diese Beiträge gewinnt der Unterricht mehr als nur Möglichkeiten, die Schüler humorvolle literarische Werke (siehe auch Schallplatten für den Literaturunterricht SCHOLA 45 und 47) hören zu lassen; zugleich kann beim Anhören zum Nachlesen und Vorlesen, zu eigenen Vortragsleistungen hingeführt werden. Diese Wirkung ist weniger in einem „Nachvollzug“ dessen zu sehen, was von der Schallplatte dargeboten wird, als vielmehr in der Anregung zur Lesung, Erzählung und Gedichtrezitation nach eigener Wahl, also unter selbständiger Auswahl von Textvorlagen aus den Bibliotheken, zum Beispiel der Schulbibliothek und der eigenen Büchersammlung der Schüler.
Insgesamt bietet sich der Schallplatteneinsatz für die unterrichtliche und außerunterrichtliche (auch wiederholte) Verwendung an, um beispielsweise ab Klasse 5
- Beziehungen zwischen dem Literaturunterricht einerseits und der Pionierarbeit sowie weiterreichender außerunterrichtlicher Beschäftigung andererseits herzustellen,
- Lektüreanregungen zu vermitteln und die Schüler auf aktive Mitwirkung an literarischen Veranstaltungen der Schule vorzubereiten.
Der Ausschnitt aus Mark Twains Erzählungen „Durch dick und dünn“ kann in der Arbeitsgemeinschaft „Literatur“ weiterverwendet werden. (Siehe entspr. Rahmenprogramm, Klassen 9 und 10.)
Darüber hinaus bleibt auch den anderen Beiträgen die Chance, nicht nur durch mehrmaligen Einsatz, sondern generell zur verstärkten unterrichtlichen Ausnutzung jener Kraft beizutragen, die in Scherz und Groteske steckt, mag sie nun phantastisch, derb, heiter, verspielt oder hintergründig erscheinen. Dieses Wenige sei hier gesagt, um darauf hinzuweisen, daß die Beispiele aus der humorvollen Dichtung keine Sache bloß der Ergänzung, Umrahmung sind, sondern daß ihnen eigene Bedeutung bei der Bildung und Erziehung in unserem Literaturunterricht zukommt.
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Christian Morgenstern. Die zwei Wurzeln

Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.

Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.

Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe die zwei.

Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.

(In: Poesiealbum 51. Verlag Neues Leben Beriin, Seite 30.)
Vortrag: Alexander Lang


Chodscha Nasr ed-din. Auf dem Basar war es still und leer ...
(Nach: Leonid Solowjow. Chodscha Nasr ed-din. Erster Teil / 13. und 14. Kapitel. Aufbau Verlag Berlin 1951, S. 84-97.)
Übersetzung: Ena V. Baer
Bearbeitung: Reinhold Andert Komposition: Werner Pauli
Vortrag: Gerry Wolff


Christian Morgenstern. Das Butterbrotpapier
Ein Butterbrotpapier im Wald, –
da es beschneit wird, fühlt sich kalt ...

In seiner Angst, wiewohl es nie
an Denken vorher irgendwie

gedacht, natürlich als ein Ding
aus Lumpen usw., fing,

aus Angst, so sagte ich, fing an
zu denken, fing, hob an, begann

zu denken, denkt euch, was das heißt,
bekam (aus Angst, so sagt ich) – Geist,

und zwar, versteht sich, nicht bloß so
vom Himmel droben irgendwo,

vielmehr infolge einer ganz
exakt entstandnen Hirnsubstanz –

die aus Holz, Eiweiß, Mehl und Schmer,
(durch Angst), mit überspringen der

sonst üblichen Weltalter, an
ihm Boden und Gefäß gewann –

[(mit Überspringung) in und an
ihm Boden und Gefäß gewann].

Mit Hilfe dieser Hilfe nun
entschloß sich das Papier zum Tun, –

zum Leben, zum – gleichviel, es fing
zu gehn an – wie ein Schmetterling ...

zu kriechen erst, zu fliegen drauf,
bis übers Unterholz hinauf,

dann über die Chaussee und quer
und kreuz und links und hin und her –

wie eben solch ein Tier zur Welt
(je nach dem Wind) (und sonst) sich stellt.

Doch, Freunde! werdet bleich gleich mir! – :
Ein Vogel, dick und ganz voll Gier,

erblickt’s (wir sind im Januar ...) –
und schickt sich an, mit Haut und Haar –

und schickt sich an, mit Haar und Haut –
(wer mag da endigen!) (mir graut) –

(Bedenkt, was alles nötig war!) –
und schickt sich an, mit Haut und Haar – –

Ein Butterbrotpapier im Wald
gewannt – aus Angst – Naturgestalt ...

Genug!! Der wilde Specht verschluckt
das unersetzliche Produkt ...

(In: Poesiealbum 51. A. a. O., S. 15-17)
Vortrag: Alexander Lang
Auswahl 3 für den Literaturuntericht Klassen 5-10:
Dr. Wilfried Bütow und Dr. Horst Dahm


Charles De Coster. Uilenspiegel und Lamme Goedzak
Ein fröhliches Buch trotz Tod und Tränen
Erstes Buch / Kapitel 17
(Insel Verlag Leipzig 1949, S. 32-35)
Übertragen von Albert Wesselski
Vortrag: Ernst Kahler


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Jerome K. Jerome. Onkel schlagt einen Nagel ein
(In: Welthumor. Eine Anthologie. Herausgeber G. Albrecht.
Eulenspiegel Verlag Berlin 1960, S. 319-323.)
Aus dem Englischen von Heinz Seydel
Vortrag: Peter Dommisch


Christian Morgenstern. Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum.

Ein Anblick gräßlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri – od – Ameriko.

(In: Poesiealbum 51. A. a. O., S. 19.)
Vortrag: Alexander Lang


Mark Twain. Durch dick und dünn
2. Kapitel (gekürzt)

Ankunft in St. Joseph, Bis an die Zähne bewaffnet, Der „Allen“, Ein heiteres Faustrohr, Überredung zum Kauf
eines Maultieres, Verzeichnis der Luxusartikel, Wir verlassen die „Staaten“, Moderne Sphinx mit Unterhaltungstalent, Ein geselliges Frauenzimmer

(Aufbau Verlag Berlin 1960, S. 23-27.)
Übersetzung von Otto Wilck
Vortrag: Alexander Lang


Christian Morgenstern. Die unmögliche Tatsache
Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.

„Wie war“ (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend),
„möglich, wie dies Unglück ja – :
daß es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen
in bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?

Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, – kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht –?“

Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!

Und er kommt zu dem Ergebnis:
„Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil“, so schließt er messerscharf,
„nicht sein kann, was nicht sein darf.“

(In: Poesiealbum 51. A. a. O.; S. 8-9.)
Vortrag: Alexander Lang


Sergej Michalkow. Der Hase im Rausch
(In: Sternenflug und Apfelblüte. Verlag Kultur und Fortschritt Beriin 1963, S. 112.)
Aus dem Russischen von Bruno Tutenberg.
Vortrag: Eberhard Esche
Originalaufnahme AMIGA 8 55 151

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Auswahl durch Dr. Wilfried Bütow und Dr. Horst Dahm

Als Unterrichtsmittel zugelassen durch das Ministerium für Volksbildung der DDR, Hauptverwaltung Unterrichtsmittel und Schulversorgung.
Entwickelt von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, Institut für Unterrichtsmittel

Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Redaktion: Dr. Horst Dahm