Vom Wasser, das zu singen aufhörte

von Jiri Kafka
nach vietnamesischen Märchenmotiven

LP LITERA 8 65 224
Covertext:
„Spiel nicht“, rauschte der Wasserfall, „spiel nicht“, rief der Fluß, „spiel nicht“ baten die Wellen des Sees – aber Unzej, der Herr über Himmel und Erde, spielte und spielte, ohne auf den Gesang des Wassers zu hören. Unzej war kein böser Herrscher. Er hatte alles, was er sich nur wünschen konnte: über ihm funkelten die Sterne und unter ihm lag die Erde in all ihrer Pracht. Nur die Menschen fehlten. Damals gab es noch keine Menschen auf der Erde. Und weil nicht einmal ein Vogel zu ihm geflogen kam, plagte ihn meist furchtbare Langeweile. Der Herrscher über Himmel und Erde war nicht gern allein. Er liebte Unterhaltung, am meisten das Schachspiel. Doch es gelang ihm nur selten, die Dürre, seine einzige Freundin, schachmatt zu setzen. Die Dürre war eine vortreffliche Schachspielerin. Beinahe alle Sterne am Himmel gehörten bereits ihr, sogar seinen Lieblingsstern hatte Unzej verspielt. Die Aussicht auf neue Spiele ließ ihn den Kummer darüber schnell vergessen. Die Dürre spielte ebenfalls mit Leidenschaft immer weiter. Sie hatte nämlich einen Plan. Sie liebte den Wüstensand und überhaupt alles Trockene, aber sie haßte das Wasser und was vom Wasser zum Leben erweckt wurde. Sie hatte Angst, vom Wasser auf der Erde verdrängt zu werden. Und darum sagte sie eines Tages zu Unzej: „Diese Partie spiele ich um die Wasserfälle.“ Unzej war es gleich, wenn er nur spielen konnte. Ob das eine wahre Geschichte ist? Nehmen wir einfach an, daß sie sich tatsächlich zugetragen hätte.

Dort, wo die Sonne scheint, wenn es bei uns noch Nacht ist, in Vietnam, wo das lebensspendende Wasser die Reisfelder überflutet und fruchtbar macht, dort erzählen sich die Menschen noch heute vom Wasser, das zu singen aufhörte, weil der Herrscher über Himmel und Erde es aus Langeweile verspielte. Woher die Menschen die Geschichte kennen? Vielleicht von den Fröschen. Wer weiß, was geschehen wäre mit dem Fisch und der Seeschlange, dem Elefanten und dem Tiger, mit der Füchsin und dem Bären und all ihren Jungen, die ohne Wasser nicht leben können, wenn nicht „ein ganz gewöhnlicher Frosch“ sich außergewöhnlich betragen hätte. Weil er nicht nur an sich dachte, fand er den hilfreichen Ausweg für alle. Weil er allen helfen wollte, wuchs sein Mut. Mit Hilfe der anderen Tiere schließlich wagte er, was niemand vor ihm gewagt hatte.

Maria Schüler (1975)
Erzähler: Jürgen Holtz
Unzej: Dietrich Körner
Dürre: Ruth Glöss
Frosch: Carmen-Maja Antoni
Füchsin, Fuchsjunges: Margit Bendokat
Bär, Bärenjunges: Gerd Ehlers
Tiger, Tigerjunges: Ingolf Gorges
Elefant, Elefantenjunges: Wolfgang Brunecker
Fisch: Monica Bielenstein
Schlange: Gabriele Gysi
Kampfhahn: Hans Oldenbürger
Wachhund: Werner Kamenik
Drache: Peter Bause
Gesang: Barbara Dollfuß


Märchen von Jiri Kafka nach vietnamesischen Motiven
Aus dem Tschechischen übersetzt von Ekkehard Thiele

Musik: Tilo Medek
Studiogruppe unter Leitung des Komponisten
Elektronische Klangrealisation
am Subharchord: Tilo Medek und Jürgen Meinel

Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Regie: Albrecht Surkau