Der goldene Walnussbaum
Märchen und Lieder der Freundschaft

LP LITERA 8 60 033
Covertext:
Eines Tages, vor langer, langer Zeit, hatte das Märchen keine Lust mehr, sich im Elfenbeinturm einsperren zu lassen und beschloß, sich einmal in der Welt umzuschauen. Es zog die Siebenmeilenstiefel an, nahm ein Tüchlein und band das dicke Buch Allwissend hinein und machte sich auf den Weg.

Es war ein wunderschöner warmer Sommertag, an dem sich das Märchen auf Wanderschaft begab. Am Himmel war ein leuchtend blaues Seidentuch ausgespannt, und nur hier und da hatte sich ein Wolkenschäfchen verirrt und huschte – wie ein weicher, weißer Wattebausch – vorüber. Die Sonne lag in der Hängematte und blinzelte schläfrig auf die Erde herab. „Schön ist die Welt!“ lachte das Märchen vergnügt und sprang in die Luft. Dabei hatte es nicht an seine Siebenmeilenstiefel gedacht – und hastdunichtgesehen stand es mitten auf einer Wese.

„Hier ist es ja noch schöner!“ freute es sich. „Hier ruhe ich mich ein bißchen aus.“ Es zog die Stiefel aus, legte das Tüchlein mit dem Buch daneben und streckte sich der Länge lang hin auf dem grünen, grünen Teppich aus Gras. Über seinem Kopf rutschten die Schmetterlinge bäuchlings auf den dicken goldenen Sonnenstrahlen in das bunte Blumenmeer. „Eine hübsche Rutschbahn!“ dachte das Märchen „Ob ich es auch mal probiere?“ Doch die ungewohnte lange Wanderung hatte es müde gemacht, und nachdem es eine Weile so dagelegen und geschaut hatte, wurden seine Augen kleiner und immer kleiner, und schließlich fielen sie ganz zu – es war eingeschlafen. Als es endlich wieder aufwachte, war es schon Abend geworden. Das Märchen sprang erschrocken auf. Da sah es, wie sich am Flußufer einige Gestalten erhoben. Sie breiteten über die Wiese dichte graue Schleier aus und kamen langsam auf das Märchen zu. „Die Nebelfrauen!“ sagte es dann erleichtert und – „Guten Abend !“ Die Nebelfrauen nickten ihm freundlich zu und verschwanden dann im Wald. „Was mache ich jetzt nur?“ überlegte das Märchen „Es wird immer dunkler. Die Stiefel kann ich nicht anziehen, denn wer weiß was mir geschehen kann, wenn ich immerzu mit jedem Schritt sieben ganze Meilen hinter mich bringe.“ Dann sah es sich um: Vor ihm lag ein großer Wald, hinter ihm ein Dorf, rechterhand breiteten sich Felder aus und auf der anderen Seite rauschte der Fluß, von dessen Ufern die Nebelfrauen gekommen waren. Wohin sollte es nun gehen? „Ich werde das Buch Allwissend befragen!“ entschied es. Daraufhin schnippte es dreimal mit den Fingern und husch! kamen Glühwürchen und setzten sich auf den Rand des Buches. Das Märchen blätterte darin herum und fand, daß man in solch einem Falle den Weg ging, auf dem die größten und meisten Abenteuer zu erwarten seien. Und wo anders konnte das sein als im Wald? „Also gehe ich in den Wald!“ beschloß es und machte sich auf den Weg. „Brauchst du uns noch, Märchen?“ fragten die Glühwürmchen „wir möchten so gern spielen gehen! Spielen!“ „Aber es ist doch schon dunkel – wie soll ich ohne euch den Weg finden?" rief das Märchen bestürzt. „Bitte doch den guten alten Mond und die lustigen Funkelsterne, daß sie dir leuchten!“ „Natürlich! Das werde ich tun. Ich dank euch recht schön. Auf Wiedersehen!“ „Auf Wiedersehen!“ nickten die Glühwürmchen und zick-zack schwirrten sie davon. „Leuchte doch bitte, lieber guter alter Mond! Zeigt mir den Weg, liebe Funkelsterne!“ bat das Märchen. Da erhob sich hinter einem Wolkenhügel das gelbe runde Gesicht des Mondes. Er schaute fragend hinunter auf die Erde und erblickte dann das Märchen. „Ach, du bist es! Was tust du denn noch so spät unterwegs? Warum bist du denn nicht in deinem Bettchen?“ „Ich will mir die Welt ansehen, guter alter Mond!“ antwortete das Märchen. „Nun, und am Tage hattest du keine Zeit dafür?“ „Ich habe den ganzen Tag verschlafen“, gestand das Märchen zerknirscht. Da lachte der Mond gutmütig und sagte: „Ja, dann muß ich wohl meine Laterne anzünden. Auf, Kinderchen!“ rief er den Sternen zu, „kommt, leuchtet!“ „Danke!“ sagte das Märchen und lief vergnügt davon, auf den Wald zu. Je mehr es sich ihm näherte desto langsamer wurden seine Schritte: Es gehörte schon ein bißchen Mut dazu, so mutterseelenallein in der Nacht mitten durch einen dichten dunklen Wald zu wandern. Doch dann faßte es sich ein Herz: Angst durfte das Märchen wirklich keine haben. Was sollten denn sonst seine Freunde von ihm denken? Und dann war es im Wald. Die Bäume seufzten und stöhnten, weil der Wind, dieser übermütige Schlingel, fortwährend ihre Wipfel zerzauste. Dabei wollten sie sich doch ausruhen, um am nächsten Tage recht schön frisch und grün auszusehen. Ab und zu störte sein tolles Spiel ein Vöglein im Schlaf, und ein leises, klägliches „Kiwitt“ erklang aus manchem Nestchen. „Wind!“ rief das Märchen, dem die Bäume und vor allem die bunten Sänger leid taten, „Wind! Du Bruder Übermut! Darf ich ein Stückchen mit dir fliegen?“ „Wer bist du denn?“ fragte der Wind neugierig. „Kenne ich dich?“ „Ich bin das Märchen!“ „Ach, du bist es. Eigentlich wollte ich ja die Bäume noch ein bißchen ärgern - aber weil du es bist! Steig auf meinen Rücken. Warte, ich komme zu dir. So! Da bin ich. Steig auf! Aber – wohin willst du denn?“ „Ich will mir die Welt ansehen. Flieg dorthin, wo es etwas Schönes zu sehen gibt!“ antwortete das Märchen dem Wind. Es setzte sich auf seinen Rücken, der Wind breitete seine Flügel aus und hui! flog er mit dem Märchen auf und davon. Über Berge und Täler ging es, über Städte und Dörfer, die in tiefem Schlafe lagen, über Wiesen, Wälder, Seen und Felder. Lange, lange flogen sie so. „Da!“ rief das Märchen plötzlich. „Sieh doch nur, Wind!“ „Bleib ruhig sitzen! Du fällst mir ja sonst ins Meer hinunter! Was soll ich denn sehen?“ „Schau nur, wie lustig! Die Morgenröte. Sie versucht ihre Mutter zu wecken, und die Sonne mag einfach nicht aufstehen! Immer wieder deckt sie sich mit einem Wolkenzipfel zu!“ „Das ist nichts Neues für mich!“ lachte der Wind. „Da müßtest du sie erst im Winter sehen! Da mag sie gar nicht aus ihrem Bett. Aber die Morgenröte weckt sie immer noch rechtzeitig. Siehst du, sie steht schon auf.“ „Guten Morgen, liebe Frau Sonne! Haben Sie gut geschlafen?“ rief das Märchen. „Danke, Märchen und dir auch einen guten Morgen“, antwortete die Sonne und putzte ihre Augen blank. „Wohin soll’s denn gehen?“ „In die weite, weite Welt!“ „Dann werden wir uns ja noch oft begegnen. Viel Spaß! Auf Wiedersehen! Ich muß jetzt die schlafende Erde wecken!“ Die Sonne winkte dem Märchen zum Abschied freundlich zu und begab sich dann auf ihre tägliche Weltreise. „Wohin fliegen wir jetzt, Wind?“ fragte das Märchen. „Wir sind gleich da!“ antwortete der Wind. „Siehst du dort die Insel?“ „Das winzige bunte Ding da unten?“ „Ja. Das ist die Insel lrgendwo.“ „Von der habe ich noch nie gehört! meinte das Märchen. „Deshalb fliegen wir ja dorthin. Halt dich fest! Wir landen!“

Da waren sie nun auf der Insel lrgendwo, und das Märchen schaute sich staunend um. Mitten auf einer Wiese stand ein großer alter Walnussbaum. Sonst sah es nichts, gar nichts. „Was soll ich denn nur hier, Wind?“ fragte es. „Schau dir den Baum einmal ganz genau an, Märchen!“ riet der Wind. „Es ist ein alter Walnußbaum. Aber es hängen nicht einmal Nüsse daran.“ „Das ist es ja eben! Die Nüsse sollst du ihm schenken! Hänge so viele goldene Nüsse an seine Zweige, wie es Länder in der großen weiten Welt gibt, und lege in jede Nuß eines deiner Märchen, das man sich irgendwo erzählt und ein Lied, das die Kinder dort singen.“ „Und dann?“ wollte das Märchen wissen. „Dann erzählen wir den Menschen vom goldenen WaInußbaum.“ „Und dann ?“ fragte das Märchen wieder. „Nun, dann werden wir sicher einen Menschen finden, der dich, das Märchen und die Kinder aller Länder sehr lieb hat. Der wird hierherkommen, die goldenen Nüsse aufknacken und den Kindern deine Märchen erzählen und deine Lieder vorsingen!“ „Meinst du wirklich, daß ich das tun sollte, Wind?“ „Natürlich!“ „Gut!“ sagte das Märchen. Es kletterte auf den Walnußbaum, griff dann in seine Hosentaschen und behängte die Äste und Zweige mit so viel goldenen Nüssen, wie es Länder in der großen weiten Welt gibt, und jede dieser Nüsse enthielt das Märchen eines Landes und ein Kinderlied, so, wie es der Wind dem Märchen geraten hatte. Wollt ihr ein paar von ihnen kennenlernen? Dann hört euch doch einmal unsere Platte an.

Hannelore
|  Seite 1  |

DORNRÖSCHEN
Lied: Dornröschen war ein schönes Kind

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DER WEISSE SCHWAN
Lied: Der weiße Schwan
O Abendklang, zur Dämmerung

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VOM MÜLLERBURSCHEN UND VOM WASSERMANN
Lied: Der Kuckuck (polnisches Kinderlied)

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|  Seite 2  |

DAS MÄRCHEN VOM KLEINEN LOMMEL

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VON DER BOHNE, DlE BIS IN DEN HIMMEL WUCHS
Lied: Ungarisches Kinderlied

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DAS MÄRCHEN VON DER SONNENPRINZESSIN
Lied: Die Blümelein, sie schlafen (Brahms)

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Es erzählt und singt: Marta Rafael

Für die Schallplatte zusammengestellt und bearbeitet
von Andreas Bauer

Musik: Manfred Nitschke
lnstrumentalgruppe des Staatlichen Rundfunkkomitees
Leitung: Manfred Nitschke

Regie: Theodor Popp