„Wenn es ans Leben geht“

von Peter Edel

LP LITERA 8 60 298
Covertext:
Es gelingt mir nicht, mich an die Jahreszeit bei unserer ersten Begegnung zu erinnern. Aber wie ich ihn das erste Mal am Rednerpult erlebte, das weiß ich noch genau. Ich erinnere mich der Leidenschaft und Strenge, die aus seinen Worten sprach, und wie alles in der Stimme mitschwang, was sein Leben geprägt hatte. Ich empfand das, ahnte es, wußte aber nur wenig über ihn. So war er für mich ein Mann, geprägt von Strenge, Vernunft und Überzeugung, der mir zu weit voraus und zu anders war, als daß ich ehemaliges „Jungmädel“ und nun glühende Weißnichtwas ihm hätte ganz folgen können.

Aber dann war ich das erste Mal hingerissen von seinem Witz und seiner brillanten Fähigkeit, eine Anekdote so fein zu formen, sie zu gestalten, ihr Stimmen und Gesichter zu verleihen, daß unversehens daraus die ganze Zeit wurde, in der sie sich begab, oder begeben haben sollte.

Wir hatten gemeinsame Arbeit im Vorstand des Schriftstellerverbandes zu tun, wurden dann Nachbarn, so gingen wir den langen Weg der Freundschaft aufeinander zu. Und es war gut, daß ich die Lebensgeschichte des „Zeugen Schattmann“ nicht bis in jede Einzelheit kannte, sonst hätte der Respekt mir wohl die Unbefangenheit verschlagen. Dieses sein zweites Buch durchlas ich, durchlebte ich, ähnlich, wie wir als Kinder Bücher erlebt und durchlitten haben, ganz mit dem Helden, ganz außer uns. Ich kannte das nächste, sein größtes, immer wieder von ihm selber bezweifeltes, auch gefürchtetes Vorhaben, seine Geschichte aufzuschreiben, sich also hinter keiner literarischen Gestalt mehr zu verbergen, sondern zu bekennen, daß er der sei, von dem da die Rede ist.

Das zweibändige Werk „Wenn es ans Leben geht“ war etwa sechs Jahre danach zu lesen. Ich hörte dabei innerlich unablässig seine Stimme, es zwang mich, den Text so zu lesen, wie ich wußte, daß er selber ihn lesen würde. Im Verlaufe der Jahre hatte er mir manches vorgetragen, aus den Mappen, die so hoffnungsvoll, wenn auch langsam anschwollen, mitunter aber auch wieder schrumpften, wenn die Erinnerungen oder die Gegenwärtigkeiten andere Wege wiesen, als sich der Künstler vorgenommen hatte. Er schrieb und änderte, erkannte neue Zusammenhänge und mußte ein Stück schöpferischen Weges zurück – nein, in atemberaubendem Tempo wurde die Geschichte des Sohnes aus dem musischen Fabrikantenhause nicht aufgeschrieben.

Er war zwölf Jahre alt, als Hitler an die Macht kam und sich das Leben der Familie dem Ende zuzuneigen begann. Als ganz und gar unheilvoll erwies sich, daß man dort an nichts glauben wollte, was es nicht schon einmal gegeben hatte. Politik, das war etwas, worüber man lange reden konnte, aber sie betraf nicht ausgerechnet solche gediegenen Leute, deren Verhältnisse gesichert waren, aufgeschlossene erfolgreiche Menschen. Aber dann gingen die bürgerlichen Rechte verloren, danach der Besitz, endlich fast allen von ihnen das Leben.

Für den Schüler Peter Edel gab es keine Schule mehr, alle Zukunft war zu Ende geträumt, es würde kein Maler aus ihm werden, kein Mann, der seine reichen Talente ausbilden konnte, außer in heimlichem Unterricht durch die große Käthe Kollwitz, und da war es mehr Anregung und Wegweisung, als regelrechter Unterricht.

Die Zukunft für Peter Edel hieß Auschwitz, war die Nummer 164 145, war die Ermordung seiner Frau Esther – und übrig blieb all diese grausige Zeit hindurch nur ein Schimmer Hoffnung, vielleicht doch zu überleben.

Uberleben mußte er ja nicht nur, daß er Halbjude war, sondern auch, daß er Kommunist wurde, als darauf schon die Todesstrafe stand.

Peter Edel nahm die Unwürde, für die er ausersehen war, nicht an. Ich kenne den originalen gelben Stern, der einst den Gestapoakten beilag und bewies, daß der „Jude Peter Israel Edel“ auf dessen Rückseite eine Nadel angebracht hatte und den Stern also nach Belieben befestigen oder abnehmen konnte, was auf den Tod verboten war. Die Handbewegung, mit der er das unauffällig tun konnte, ist ihm heute noch verfügbar. Was ist Lanzelot, was sein Kampf wider den Drachen, gegen den Mut, einen solchen Beweis der Auflehnung in einer chancenlosen Zeit bei sich zu tragen. Peter Edels Lebensgeschichte ist im Wortsinn atemberaubend, auch wenn dieser Begriff sich nicht zu schicken scheint ob all der biblischen Tragik. Was kann bleiben von einem Menschen nach so viel Angst, Erniedrigungen, solchen Erduldungen? Kann er dem Leben noch einmal unbefangen gegenübertreten, lachen über Schwächen nachsichtig sein mit zu kleinen Gedanken, nachsehen, daß der Mensch eben langsam lernt? Das verfolgte Kind, der todesmutige junge Widerstandskämpfer, der Liebende, dem die Frau erschlagen wurde, das alles lebt nach in dem reifen Mann, der sich eines Tages daran machte, sein Credo aufzuschreiben, daß Kunde davon bleiben soll noch in eine Zeit, in der die Menschen es kaum glauben wollen, daß so Furchtbares erlebbar und überlebbar sein soll.

Sein Buch zu lesen ist das eine Erlebnis. Auf andere Art hat mich immer bleibend beeindruckt, wie Peter Edel seine Literatur selber liest. Ich habe über das Buch sagen hören, es sei der Grundton auch, der es unvergeßlich mache, sei der Klang des Gleichmuts, in dem von Erschütterung berichtet wird und sei die Gerechtigkeit, die seine Erzählungen durchzieht. Er berichtet das Unglaubliche im Guten wie im Bösen, erinnert noch die kleine Geste, den einen Blick des Mitempfindens noch dankbar.

In den Lesungen, bei denen ich zugegen war, wurde der Wunsch nach dem Besitz eines solchen Erlebnisses, Peter Edel lesen zu hören, immer dringlich geäußert. Würde das möglich sein bei so dichtem Geflecht von Vergangenheit und Gegenwart und der Schwierigkeit, etwa gar „das Wichtigste“ auszuwählen? Größer als diese Bedenken war der Wunsch, zu vervielfältigen und aufzubewahren. Peter Edel hat uns viel zu geben. Er ist Kronzeuge für die Judenverfolgung, den antifaschistischen Widerstand, Gestapoverhöre, Gefängnisse, Auschwitz, Sachsenhausen, Mauthausen-Ebensee – aber auch für die Solidarität der Leidenden, den Willen zum Leben, die Größe der Überwindung, die da gefordert war, und für den langen schweren Weg des Aufbaus einer menschlichen Ordnung. Sein Glaube an den Menschen ist stark, trotz allem, er hat seine Güte, seinen Humor. Es ist nicht die Art Humor, die einem in die Wiege gelegt wird. Es ist ein Humor, der die Bildung brauchte, weites Wissen, alte Kultur, auch weitergegebene Feinheit des Herzens und des Verstandes, über Generationen.

Ausgewählt wurde im Wissen um Verlust der Zusammenhänge und des Gesamteindrucks, aber nach Möglichkeit sollte der Vorgang erhalten bleiben und Raum werden für den anderen, nicht minder ungeheuerlichen. Es wurden weit voneinander entfernte Passagen des Buches genommen, sie boten den Vorteil, Etappen des Weges zu zeigen.

Eine Schallplatte ist kein Ersatz dafür, ein Buch zu lesen. Aber sie ist mehr als eine Beigabe, schöne Begleitung eines eindrucksvollen Werkes. Die Schallplatte läßt die Stimme jenes Mannes hören, dem viele Wege in die Kunst offen gestanden hätten, wären ihm nicht mit den „Nürnberger Rassegesetzen“ alle Wege ins Leben überhaupt verschlossen wurden.

So ist ihm nun das Talent des Malers, des Mimen, des Journalisten, Essayisten, des Kritikers und des Schriftstellers zusammengeflossen in eins: die Kunst, zu erzählen.

Schon bisher war sein Leben nicht nur auf schreckliche Weise besonders, sondern auch groß, was immer es noch bringen mag.

Die Jugend fragt so oft nach Helden, die einem nahe sind, verständlich sein können, denen nach zustreben möglich wäre. Seht her, hört hin, hier ist einer. Ein mittelgroßer Mann, kein Athlet, mit einem schönen starken Kopf und der Kraft eines Menschen, der sich zu seinen Ängsten und Sorgen bekennt.

Es sind nur drei Episoden aus hundert.

Gisela Steineckert
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Einmal ganz glücklich sein ...
(Bd. 1, Seite 192 f.)

Die Papiersärge
(Bd. 2, Seite 169 f.)


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Die Papiersärge (Fortsetzung)

Ein Zettel und ein Nelkenstrauß
(Bd. 1, Seite 289 f.)

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Leser: Peter Edel

von Peter Edel
Die Texte wurden vom Autor für die Schallplatte
in sich geringfügig gekürzt und bearbeitet.

Aufnahmeleitung: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt

Die Autobiografie erschien im Verlag der Nation, Berlin
(Seitenangaben nach der 2. Auflage, Berlin 1979)