Wie die Tiere überhaupt regieren würden
Fabeln aus dem 18. und 19. Jahrhundert
LP LITERA 8 65 240
Covertext:
Heinrich Heine würde sich im Grabe umdrehen, wüßte er sich auf dieser Schallplatte mit einem preußischen Zensor vereint. Aber der Zensor August Friedrich Ernst Langbein aus Berlin hat Literatur nicht nur verboten, sondern auch bereichert – mit vielen Fabeln, von denen zumindest eine – die vom Adler und der Schnecke – in unserer begrenzten Auswahl das Recht hat, neben der Heines zu stehen. In ihr sind sicher persönliche Erfahrungen verarbeitet, und wir dürfen sie als eine frühe Form von Selbstkritik ansehen.

Heine schrieb Fabeln erst kurz vor seinem Tode „Ich muß mich auf alles gefaßt machen, denn wenn die Qualen, die ich jetzt erleide, nicht abnehmen, so muß ich die Boutique schließen. Meine geistige Aufregung ist vielmehr Produkt der Krankheit als des Genius, so z. B. habe ich in der letzten Zeit eine Menge drolliger Tierfabeln versifiziert.“ Sie sind seinen anderen Dichtungen so ebenbürtig geraten, daß Heine feststellen konnte: „Die Glöckchen der alten Kappe klingeln (wieder) mit unbarmherziger Lustigkeit.“ In Heines Werk bildet die Fabel eine Ausnahme. Auch bei dem Pädagogen Pestalozzi, bei dem Philosophen Schopenhauer und bei dem Romancier Turgenjew sind Fabeln Gelegenheitsdichtung. Nichtsdestoweniger wurde die Fabel von diesen Autoren hoch geschätzt. Sie hielten sie mit Herder für „einen Quell, für ein Miniaturstück der großen Dichtkunst, wo man die meisten Dichtungsregeln in ihrer ursprünglichen Einfalt, gewissermaßen in Originalgestalt findet.“

Im 18. und 19. Jahrhundert erlebte in Europa diese älteste literarische Gattung, ihre letzte Blütezeit. Noch einmal wurde ihr hier ein literarischer Rang erkämpft gegen die Auffassung, daß sie nur Lehrgedicht sei. Für die Aufklärer Richardson und Lessing war die Pflege der antiken Fabel von Aesop, Phaedrus und Babrios ein Programm: Das bürgerliche Selbstbewußtsein, das sie in ihren Romanen und Dramen gestalteten, wurzelte in den „Urgeschichten der Menschheit“ (wie Goethe die Fabeln nannte), in den Kämpfen des Kleinen gegen den Großen – des Guten gegen das Böse, der Gerechtigkeit gegen die Ungerechtigkeit usf. Für Lessing war die Fabel von prinzipieller Bedeutung: „Ich hatte mich bei keiner Gattung von Gedichten langer verweilet als bei der Fabel. Es gefiel mir auf dem gemeinschaftlichen Raine der Poesie und Moral. Ich hatte die alten und neuesten Fabulisten so ziemlich alle, und die besten von ihnen mehr als einmal gelesen. Ich hatte über die Theorie der Fabel nachgedacht. Ich hatte mich oft gewundert, daß die gerade auf die Wahrheit führende Bahn des Äsopus, von den Neuern, für die blumenreichen Abwege der schwatzhaften Gabe zu erzählen so sehr verlassen werde.“ Lessing verteidigte die ehrwürdige Gattung gegen den französischen Fabeldichter La Fontaine, der die Fabel ihrer Natur- und Wirklichkeitsnahe beraubt und zur höfischen Unterhaltungsliteratur degradiert hätten Als Samuel Richardson die aesopischen Fabeln in England als „Sittenlehre“ herausgab, dichtete sie Lessing für das deutsche Bürgertum nach. Zwei Jahre später, 1759, brachte er seine eigenen Prosafabeln auf den Markt. Der Titel: „Gotthold Ephraim Lessings Fabeln. Drey Bücher. Nebst Abhandlungen mit dieser Dichtungsart verwandten Inhalts.“ Herder verteidigte Lessings Fabeltheorie als die „bündigste, gewiß philosophische Theorie, die seit Aristoteles’ Zeiten über eine Dichtungsart gemacht wurde“ und untersuchte selbst in mehreren Aufsätzen Wesen, Wert und Eigenschaften dieser literarischen Kleinform. Er verbannte die pure Didaktik aus dem Bereich der Fabel: „Menschen wollen nicht immer gern von andern belehrt, geschweige zurechtgewiesen sein; sie wollen sich durch Vorhalten der Sache selbst belehren. Dies tut die Fabel. In ihr wird eine Handlung dargestellt, die durch sich spricht.“ Ewiger Stoff der Fabel sei die Natur. Mit ihren Gesetzmäßigkeiten müsse sich der Mensch auseinandersetzen, um leben zu können. Nur dadurch bilde sich sein Verstand. Die Fabel, die die Gesetzmäßigkeiten der Natur nachahme, schule den Verstand, diene der „Bildung kluger Köpfe“ – In den Tierfiguren vieler Fabeln sieht Herder nicht nur simple Verkleidungen menschlicher Charaktere oder politischer Zustände, sondern eine Orientierung des Lesers auf einen historisch zwar verflossenen, dennoch aber erinnerungswerten Zustand der Menschheit, in dem noch natürliche Beziehungen zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Mensch herrschten: „Tiere handeln in der Fabel, weil dem sinnlichen Menschen alles Wirkende in der Natur zu handeln scheint; und welche wirkenden Wesen wären uns näher als die Tiere? Ein Kind zweifelt niemals, daß die lebendigen Geschöpfe, mit denen es umgeht, gewissermaßen seinesgleichen sind, also auch – seiner Art nach besehen – wollen und wirken. Es hält sie, selbst wenn es sie quält, nicht für Cartesische Maschinen. Mit allen sinnlichen Völkern ist’s dasselbe. Der Araber spricht mit seinem Roß, der Hirte mit seinem Schaf, der Jäger mit seinem Hunde, der Neger mit seiner Schlange, ja der arme Gefangene endlich mit seinen Spinnen und seiner Maus.“ Herders Wertschätzung der Fabel gipfelt in den Worten: „Die schönsten und eigentlichen Fabeln sind herausgerissene Blätter aus dem Buch der Schöpfung; ihre Charaktere sind lebendig-fortwährende ewige Typen, die vor uns stehen und lehren. So betrachteten alle Naturvölker die Fabel. Sie war ihnen ein Lehrbuch der Natur, dem nur ein Schwacher oder Irrer zu widersprechen wagte.“

Herder bestätigte Lessing in der Auffassung, daß dieser Gehalt in der zur Mode erstarrten französischen Fabel verlorengegangen sei, daß er aber wiedergewonnen werden könnte: „In den Händen sowohl als im Reich der Natur leben wir, ihr unendwindbar. Wenn nicht Zeder und Zypresse, so wachsen Birke und Fichte vor unseren Augen; wenn nicht Tiger, so kennen wir Wölfe, Bären, und Füchse. Ja, entgingen auch sie, die Naturordnung besteht und wird bestehen, sie, der ewige Grund der Fabel. Die großen Begebenheiten der Welt, auch unsrer neuern Geschichte Europas, jedes umgeworfene Blatt der Weltbegebenheiten (sind) ein einziges lebendiges Fabelbuch“, aus dem man nur schöpfen müsse. Nach Lessing hat eine ganze Generation noch in ihm gelesen und die Fülle schönster Fabeldichtungen hervorgebracht. Letztlich errangen viele Dichter im 18. und 19. Jahrhundert ihre literarische Geltung durch die ausschließliche Besinnung auf die Fabel – so z. B. Christian August Fischer, Magnus Lichtwer, Gottlieb Konrad Pfeffel. Ähnlich erging es auch dem russischen Dichter Krylow. Seine Komödien sind heute vergessen, aber seine über 200 Fabeln werden immer wieder verlegt. Die Fabeldichter des 18. und 19. Jahrhunderts, darin eingeschlossen Heinrich Heine und der preußische Zensor, machten die Fabel wieder zu einer witzig-ernsten Kostbarkeit, nach dem Rezept Lichtenbergs mit den wenigsten Worten zu erkennen zu geben, daß man viel gedacht habe.“

Hans Nadolny (1978)


Kleine Anmerkung zur Musik

Die Musik zu dieser Platte bedient sich des Mittels der Musikparodie. Ausgangspunkt ist ein Thema von Mendelssohn. Es bildet die Grundlage für die folgenden freien Variationen, die sich stilistisch ziemlich unbekümmert ausnehmen und auch nicht „tierisch ernst“ gehört werden wollen. Alle Variationen sind parodistisch angelegt, d. h. sie lassen das am Anfang der Platte unverfälscht erklingende Thema fremd erscheinen. Es entsteht ein unstimmiges Inhalt-Form Verhältnis, das die Lüge als Lüge, die Schmeichelei als Schmeichelei entlarvt und Mißtände bloßstellen hilft. Als Beispiele seien genannt: der falsch klingende Tango steht in Beziehung zur „Schmeichelei“, der geschwätzige Walzer zum Jahrmarktstreiben des „schlechte Tuches“, die kratzenden 8tel zwischen Flöte, Klarinette und Violine zu den „Ratten in der Bildsäule“ und der Kampf zwischen tugendhaftem Mendelssohn- und frechem Offenbachthema der Schlußmusik zu den Hunden der Heine-Fabel.

Bernd Wefelmeyer
|  Seite 1  |

Magnus Gottfried Lichtwer (1719-1783)
Die beraubte Fabel

Phädrus (um 40 u. Z.)
Der Wolf und das Lamm
deutsch von Johannes Siebelis

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)
Der Wolf und das Schaf

Gotthold Ephraim Lessing
Die Wasserschlange

Gottlieb Konrad Pfeffel (1736-1808)
Die Stufenleiter

Johann Gottfried Herder (1744-1803)
Der Löwe und die Stiere

Gotthold Ephraim Lessing
Die Geschichte des alten Wolfs in sieben Fabeln

Magnus Gottfried Lichtwer
Das schlechte Tuch

Iwan Andrejewitsch Krylow (1769-1844)
Die Katze und die Nachtigall
deutsch von Ferdinand Löwe

Iwan Andrejewitsch Krylow
Der Baum
deutsch von Ferdinand Löwe

Christian August Fischer (1771-1829)
Die Birken und die Fruchtbäume


|  Seite 2  |

August Friedrich Ernst Langbein (1757-1835)
Der Adler und die Schnecke

Iwan Andrejewitsch Krylow
Die Sau unter der Eiche
deutsch von Ferdinand Löwe

Gotthold Ephraim Lessing
Die Eiche und das Schwein

Johann Gottfried Herder
Die Ratte in der Bildsäule
Nachdichtung aus dem Chinesischen

Arthur Schopenhauer (1788-1860)
Die Stachelschweine

Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827)
Wie die Tiere überhaupt regieren würden

Iwan Sergejewitsch Turgenjew (1818-1883)
Das Fest des höchsten Wesens

Gotthold Ephraim Lessing
Der Knabe und die Schlange

Samuel Richardson (1689-1761)
Die unmöglich abzuschaffende Schmeichelei
deutsch von Gotthold Ephraim Lessing

Heinrich Heine (1797-1856)
Der tugendhafte Hund

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Leser: Walfriede Schmitt, Eberhard Esche,
Herwart Grosse


Musik: Bernd Wefelmeyer
Variationen des Frühlingsliedes op. 62,6 von
Mendelssohn aus dem Zyklus „Lieder ohne Worte“
Es spielt eine Instrumentalgruppe unter
der Leitung des Komponisten

Regie: Hannelore Solter
Redation: Hans Nadolny
Tonregie: Karl Hans Rockstedt