Ferdinands Zauberhäuschen
Ein modernes Märchen

nach einer Idee von Jiri Cirkl und Jindrich Polak
von Andreas Bauer

LP LITERA 8 60 076
Covertext:
Meine lieben kleinen Freunde!
Tante Platte meinte, ich müßte mich eigentlich zuerst vorstellen. Oho – da kann ich nur lachen! Als ob wir es nötig hätten uns gegenseitig vorzustellen! Wir kennen uns doch schon lange, lange Jahre. Ich kenne Euch und Ihr kennt mich. Ich weiß von Euren Freuden und auch von den kleinen Sorgen, ich weiß, wie es bei Euch in der Schule zugeht, was Ihr so alles auf der Straße und auf dem Spielplatz treibt und wie Ihr zu Hause Eurer Mutti helft. Ich kenn’ Dich doch Angelika und Michael, ich kenn’ Dich Peter, Bärbel, Detlev, Monika, Jürgen, Hannelore, Siegfried, Horst, Gisela, Werner, Hans, Ingrid, Andreas, Günther, Helmut, Annemarie, Rainer, Joachim, Evelyn, Kurt, Wolfgang und Klaus, Karin und Ursula ... ich kenne Euch alle, alle, alle ...

Und Ihr kennt mich auch, Ihr habt mich schon so oft auf dem Bildschirm gesehen, auf der Bühne des Friedrichstadtpalastes und auf der Leinwand in Eurem Kino. Ihr schreibt mir auch schöne, liebe Briefe, Ihr kommt zu mir mit Euren kleinen Geheimnissen. Kurz und gut: Wir sind doch alte Freunde!

Aber Tante Platte hat einen harten Kopf, sie meint, ich müßte etwas über mich erzählen, woher ich komme, was ich so alles mache und noch machen möchte. Na gut, ich will es also versuchen, ihr zuliebe und Euch zur Kenntnis meinen Lebenslauf zu erzählen:

Als ich geboren wurde, hatte ich bereits meinen buntkarierten Mantel mit den tiefen Taschen an. Und eine weite Schlepphose. Und ein lustig gestreiftes Trikot. Und ein Taschentuch, riesengroß. Eigentlich – schon damals sah ich genauso aus wie jetzt. Aber ich wußte noch nicht, daß die Taschen keinen Boden haben; du ziehst, ziehst – und du ziehst einen Ball heraus, eine Kugel, ein Märchen, Schlittschuhe, Lieder, Geige, Gedichte, Farben, Pinsel und Erzählungen – was dir gerade einfällt. Ich wußte noch nicht, daß man bloß mit dem Taschentuch zu winken braucht, und schon stehst du vor einer Burg, noch einmal winken, und du bist zu Hause, und wieder winken, und du reist durch unbekannte Länder. Und das gestreifte Trikot? Streifen wie Saiten – du klimperst, und schon ist ein Liedchen da! Und du spannst den Mantel und läßt die weite Hose flattern, und gleich schwebst du und schwimmst in der Luft wie ein Flugzeug, auf dem Fluß wie ein Schiff.

Ich wurde geboren, ich kam aus der Finsternis ins helle Licht und mußte die Augenlider schließen; trotzdem stiegen mir die Tränen in die Augen. Aber da strahlte schon hellgelb eine Sonnenblume in meinem Knopfloch: Sonnenblümchen Lachhans.

Und so bin ich schon geblieben; manchmal weine ich, manchmal lache ich. Und so schreite ich durch die Welt; wenn du willst – ich greife in die Tasche; wenn du willst – ich spanne meinen Mantel, winke mit dem Taschentuch. Ich schreite durch die Welt und rufe dir zu: Komm mit mir ...

Genügt das? Oder soll ich noch weitererzählen? Soll ich Euch noch verraten, daß ich die Sonnenblumen schrecklich liebe? Warum? Weil sie sich nach der Sonne drehen. Sie suchen die Sonne ... Ich auch. Auch ich suche die Sonne, nur daß ich diese Sonne in den Menschen suche ...

Wollt Ihr vielleicht noch wissen wo ich wohne? Schwer zu sagen! Überall! Mal bin ich im Fernsehapparat, mal wieder im Weltall. Mal auf einem Schiff, mal in einem Traumland, in einem Zauberland. Dann fliege ich wieder mit einer Rakete um die Erde – und manchmal stehe ich ganz still an Euren Betten und bewache Euren Schlaf ...

Manchmal ziehe ich mich zurück und lebe ganz einsam in meinem Wohnwagen. Dort habe ich meine Ruhe. Na ja, ab und zu möchte ich doch mit jemandem ein bißchen plaudern, aber mit wem? Höchstens mit Robert. Die Schwierigkeit besteht darin, daß Robertchens Vogelhirn meine tiefen Probleme nicht begreift. Robert ist nämlich ein Papagei ...

Dafür herrscht hier aber Ruhe. Wohltuende Stille. An jedem Morgen stehe ich mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Der alte Plattenspieler singt meine Lieblingsmelodie. Karlchen, ein Hund aus dem Milchladen, bringt mir das Frühstück Ich esse und füttere den Papagei Robert. Dann lüfte ich die Betten, räume auf und begieße die Sonnenblumen vor meinem Wohnwagen. Ich wasche mich, mache die übliche Morgengymnastik, und dann gehe ich ins Theater.

Ins Theater, in das Filmatelier oder zum Fernsehfunk. Um für Euch zu spielen. Für die Kinder. Denn Ihr, Kinder, Ihr seid meine besten Freunde. Ich möchte daß Ihr lacht, daß es Euch schön und gut geht. Euch und allen Kindern auf der ganzen Welt! Wenn ich ein Präsident der ganzen Erdkugel wäre, dann möchte ich ein Gesetz zum Schutz der Kinderfreude erlassen.

Aber ich bin kein Präsident der ganzen Weltkugel. Ich bin nur der Clown Ferdinand und mache, was ich kann. Ich spiele für Euch ...

Und ich glaube, wir verstehen uns!

Hier überreiche ich Euch eine Schallplatte. Von mir für Euch. Setzt Euch also schön vor den Plattenspieler, bleibt mäuschenstill und hört gut zu ...

Viel Spaß wünscht Euch Euer Ferdinand
Ferdinand
Ännchen Wetterwendig:
Barbara Witte
Tänzerin Belinde: Marianne Klussmann
Schornsteinfeger Mohr: Hans-Edgar Stecher
Bärchen Emanek: Horst Torka
Störteufel: Hans-Joachim Hanisch


Ein modernes Märchen nach einer
Idee von Jiri Cirkl und Jindrich Polak
von Andreas Bauer

Musik: Manfred Nitschke
Instrumentalgruppe
Leitung: Manfred Nitschke

Regie: Theodor Popp
Regieassistenz: Manfred Täubert