Abendlicht

von Stephan Hermlin

Cover 1 2
LP LITERA 8 60 293
Covertext:
Dieses eigentümliche, aus Erinnerung, Rechenschaft, Trauer und Hoffnung gewobene Buch trägt ein Motto von Robert Walser: „Man sah es den Wegen am Abendlicht an, daß es Heimwege waren.“ Der 65jährige Stephan Hermlin blickt zurück auf seine Anfänge: die Kindheit in einem wohlbehüteten, kunstsinnigen Elternhaus; die Jugend, da die spannungsvolle Idylle unter dem Druck wachsender Bedrohungen zerbrach; den Aufbruch in die Welt der Gefahren und Kämpfe, der Massenmeetings, Straßenschlachten und bald der Illegalität.
„Du süßer Amsellaut, hinter Schneefall und Laubwerk formte sich eine Zeit, die immer die neue Zeit war, verurteilend und verheißend, immer die Schwelle zur niegeschauten, endlich und unaufhaltsam nahenden Zukunft, plötzlich stand die neue Zeit um mich, ich war in ihr, vom Glück ausersehen an ihr teilzuhaben, ich hatte von ihr nichts gewußt, nichts geahnt, jetzt umgab sie mich, es war, als hätte ich nur auf sie gewartet, hinter den Wäldern aus Stille hatte ich ihre Katarakte vernommen, jetzt schoß ich dahin inmitten ihrer Strömungen und Untiefen …“
Lebens- und Zeitgeschichte durchdringen sich im Mosaik der Rückschau. Was sich an Erfahrungen akkumuliert, läuft auf zwei Entschlüsse hinaus – beide wie beiläufig und ganz unspektakulär getroffen, beide sein Leben bestimmend: die Entscheidung des „5jährigen, der sich schon seit Jahren an Gedichten versucht hatte, für die Literatur; und die des 16jährigen für die kommunistische Bewegung.
Das öfter Mißverstandene, hier wird es ein weiteres Mal deutlich: Hermlin war vom tiefen Erlebnis der Kunst und ihrem humanen Anspruch her zum Kommunismus gekommen, als zu der Bewegung, die imstande ware, diesen Anspruch gegen die heraufziehende Nazibarbarei zu verteidigen und weiterzuführen. Und er hat seitdem immer wieder den Beweis zu leben und zu schreiben unternommen, daß beides untrennbar zusammengehöre. Das ging nicht ohne Konflikte ab, ohne oft mühsame, auch verzweifelte Suche nach widerspruchsvoller Identität. In diesem Buch wird sichtbar, wie ihm, der um der bedrohten Menschlichkeit willen in die Kämpfe ging, gerade die Kunst Kraft und Gewißheit vermitteln half. So ist „Abendlicht“ ein eminent politisches Buch. Nicht nur wegen seiner Berichte und Bekenntnisse, und weil darin eine Wandlung beschrieben wird, die aus dem Großbürgertum an die Seite der Arbeiter geführt hat. Vor allem wegen der darin exemplarisch hergestellten Einheit von Kunst und Politik. Das Buch ist politisch nicht trotz, sondern wegen seines Kunstcharakters. Es konstituiert sich, indem es Öffentliches privat und Privates öffentlich begreift. Noch und gerade Hermlins persönlichste, und kunstvollste, Texte sprechen in programmatischer Weise von den Kämpfen der Zeit.
Das Buch ist kein Erzählwerk in engerem Sinne, wenngleich es erzählerische Passagen einbegreift – es ist in hohem Grade Dichtung. Kunstwerk, ein Buch auch über Kunst: Es enthält Beschreibungen von und Reflexionen über Literatur, Musik, Malerei; und es nutzt Elemente verschiedener Künste für seine Gestaltung.
So ist das von Hermlin gewählte Strukturprinzip im Grunde musikalischer Art. Der Einleitungstext, poetische Analyse eines Bach-Werkes, schlägt die wichtigsten Motive an, die in den Folgekapiteln bereichert, differenziert, variiert werden, das ganze Werk durchziehen, sich verzweigend und wieder zusammenströmend – so in einer Schubert-Reminiszenz, oder in der visionären Alpenwanderung und Heimkehr des Schlusses. Die assoziative, zuweilen kontrapunktische Textreihung gehorcht musikalischen Gesetzen, nicht denen der Chronologie und der kausalen Abfolge. Musikalität waltet bis in den Aufbau der einzelnen Kapitel, bis in die schlichte und strenge Melodik der Sätze.
Auch Malerei wird immer wieder beschworen und einbezogen. Ihre Landschaften überlagern Erinnerungen an erlebte Natur oder treten an deren Stelle. Viele der Schilderungen und Porträts haben malerische Züge. Und die Schlußvision, letzte der Traumsequenzen des Buches, mundet in Szenerien erinnerter Malerei.
In einer der erschütterndsten Passagen des Bandes berichtet Hermlin, wie er zum Gedichtschreiben kam und wie es ihm damit erging, auch wie er – nach Zeiten hoher Kreativität – die lyrische Stimme in sich verstummen ließ. Was er einst in seiner außerordentlichen Lyrik zu sagen hatte, ist in „Abendlicht“ auf eine prosaisch-durchnüchterte und doch hochpoetische Weise fortgeführt, mit gelassenerem und kühlerem Pathos. Einige der Kapitel sind eigentlich Prosagedichte. Andere erinnern an seine Novellistik, an die Porträts der „Ersten Reihe“ oder seine konzisen Essays – unterschiedliche Stimmlagen des Autors, die in der meisterlichen Polyphonie des Werkes zusammenklingen.
Dieses Erinnerungsbuch verzichtet auf manches, was man von Autobiografien gewohnt ist, vor allem auf die Suggestion lückenloser Kontinuität. Vieles ist ausgespart. Selbst das Ich wird häufig in die Rolle des reflektierenden Beobachters zurückgenommen. Wer Anekdotenfülle erwartet, mag enttäuscht sein. Der Autor hebt hervor, was ihm wichtig war oder seither wichtig wurde, das ihm Sagenswette und Sagbare, das Feuer in der Asche des Vergangenen.
Erinnerung war schon in den Jahren nach 1945 ein Grundmotiv seiner Dichtung gewesen. Schon damals der Abend als die Zeit der Klärungen: „Wenn die Feuer in der Asche sich rühren / Und die Glocken auf den Türmen gehn, / Im Abend an die Türen / Gelehnt beginn ich zu verstehn …“ Auch in „Abendlicht“ wird Erinnerung zum Thema. Erinnern, Vergessen, Verdrängen als Gegenstand der Reflexion. Auch die eigene Lese-Besonderheit, „daß dargestellte Personen und Handlungen nicht so sehr wichtig waren für mich, sondern vielmehr eine vorgestellte Landschaft, eine Tageszeit, eine Aura, in denen sich Personen bewegten, ihre Handlungen vollbrachten“ – sie hat seine Erinnerung an Bücher wie an Wirklichkeit, und hat seine Art, darüber zu schreiben, beeinflußt.
In der Mitte des Buches steht ein Abschnitt – gedichthaft, beginnend mit „Damals als ein schräges Licht auf El Gesira ruhte“ –, in dem die Erinnerung wie stammelnd immer wieder ansetzt, um sofort abzubrechen und neuem Beginn Raum zu geben; wo es aus Ungesagten hervorquillt, sich artikulieren möchte, aber vorerst in Sprachlosigkeit endet. In den Textabschnitten vorher und nachher währt das Sprechen länger; aber auch hier setzt es immer neu ein, von unterschiedlichen Erinnerungspunkten her, versiegt wieder und sucht einen anderen Beginn, der aus den Labyrinthen des Vergangenen heraus- oder in sie zurückführt.
Der Dichter stellt sich der eigenen Vergangenheit, ohne selbstgerecht zu werden, mit dem Bemühen um Gerechtigkeit. Und er stellt sich der eigenen Vergänglichkeit. Er ist einverstanden mit dem gelebten Leben, selbst mit seinen Leiden, Konflikten und Irrtümern. Da ist Trauer, aber keine Resignation. Da ist heitere Melancholie und gelassene Unerbittlichkeit.
Aus dem großen Abstand wie aus der großen Nähe ergibt sich manches verklärende Licht, das auf einzelne Begebenheiten fällt, und auf einige der Gestalten, die seine Jugend begleitet haben. Dies Abendlicht begreift sich nicht als Gegensatz zu Morgenlicht, sondern zu Finsternis. Ein Licht, in dem noch vieles zu tun und zu sagen bleibt.

Die vorliegende Schallplatte bietet, mit sechs von siebenundzwanzig Abschnitten des Buches, charakteristische Proben; sie gibt dabei erzählerischen Parteien den Vorzug. Das eingangs gelesene Kapitel – ein Schulausflug als Kristallisationszentrum der Erinnerung vermittelt einiges davon, was die poetischen Passagen des Buches leisten. Der Text über frühe Leseerlebnisse enthält, bei größter Knappheit, weitreichende literarische und theoretische Bekenntnisse. Die folgende Episode des Eintritts in den kommunistischen Jugendverband, die so wenig Episode bleiben sollte, und die Hommages auf Mutter, Bruder, Vater belegen, außer so vielem, Hermlins exzellente Erzähl- und Porträtkunst.
Die Sprache ist schlicht und kostbar zugleich, von großer Eindringlichkeit; und die gespannte, sehr modulationsreiche Stimme des Vorlesenden bringt sie bis in die feinsten Nuancen dieser Prosa zum Klingen.
Leser: Stephan Hermlin

von Stephan Hermlin