„Aber Herr Preil!“
Ein heiterer LITERA-Tee

mit Rolf Herricht & Hans-Joachim Preil
LP LITERA 8 60 107
Covertext:
Was ist eigentlich Humor?
„Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“
Das Zitat liegt auf der Hand, aber es ist als Definition – nicht mehr als ein guter Witz. Und gewiß hat Wilhelm Buschs Vogel, der, vom Kater verfolgt, schnell noch ein Lied singt, bevor er gefressen wird, nicht Humor, sondern allenfalls Galgenhumor, was etwas ganz anderes ist. Ja, wenn die Geschichte ausginge wie in dem berühmten Märchen, wo der Fuchs auf eine Herde schöner fetter Gänse trifft. Er wetzt schon seine Zunge, als die Gänse ihn flehentlich bitten, schnell noch einmal beten zu dürfen. Und dann schnattern und schnattern und schnattern sie so lange, bis der Fuchs unverrichteterdinge abzieht. Die Gänse (aber mag das Märchen Gänse meinen?) haben Humor, weil sie den sich sonst so listig gebenden Fuchs respektlos überlisten, indem sie ihn bei seiner schwachen Seite packen: der eitlen Selbstsicherheit, mit der er denen, die ihm verfallen sind, einen billigen Aufschub gewährt. Sie kommt ihm teuer zu stehen, als seine Arroganz ihn so weit treibt, das gegebene Wort auch zu halten, um nicht das Gesicht zu verlieren, Er zieht verdrießlich ab. Natürlich könnte auch der Fuchs Humor zeigen. Er müßte einsehen, daß die Gänse – wenigstens in diesem Falle – überlegen waren und würde dann über ihren „Witz“ lachen und darüber, daß er hereingefallen ist – und vielleicht erkennen, daß Macht durch Geist besiegt werden kann. Aber im Märchen gibt es so etwas nicht, da haben nur die Unterdrückten Humor, und die Unterdrücker sind starr und stur – wie ihr Prototyp, die Preußen. Die einzige Ausnahme ist Hegel, dem Ziffel in Brechts „Flüchtlingsgesprächen“ bescheinigt, daß er „das Zeug zu einem der größten Humoristen unter den Philosophen gehabt“ habe, „wie sonst nur noch der Sokrates, der eine ähnliche Methode gehabt hat“. Aber ihm war „das Augenzwinkern“ eben „angeboren wie ein Geburtsfehler“, und er stammte bekanntlich nicht aus Preußen und hatte nur das Pech, dort angestellt zu werden. „Sein Buch ,Die große Logik‘“, sagt Ziffel, „ist eines der größten humoristischen Werke der Weltliteratur. Es behandelte die Lebensweise der Begriffe, dieser schlüpfrigen, unstabilen, verantwortungslosen Existenzen; wie sie einander beschimpfen und mit dem Messer bekämpfen und sich dann zusammen zum Abendbrot setzen, als sei nichts gewesen.“ „Den Witz einer Sache hat er die Dialektik genannt. Wie alle Humoristen hat er alles mit todernstem Gesicht vorgebracht.“ Einer von seinen Witzen sei, daß „die größten Aufrührer sich als die Schüler des größten Verfechters des Staates bezeichnen. Nebenbei, es spricht für sie, daß sie Humor haben. Ich habe nämlich noch keinen Menschen ohne Humor getroffen, der die Dialektik des Hegel verstanden hat.“ Man sieht, hier handelt es sich um die anspruchsvollste Form von Humor. Aber man sieht auch: Humor ist nötig wie das tägliche Brot. Denn wie sollten wir ohne Dialektik auskommen?
Die Hippokratiker haben die Angelegenheit vor zweieinhalbtausend Jahren ganz materiell gesehen. Unter „humor“ verstanden sie „Feuchtigkeit“, und zwar die Zusammensetzung der Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. Ein richtiges Verhältnis führe zu Wohlbefinden, ein falsches zu Krankheit. Auch die mittelalterliche Medizin berief sich noch auf diese Weisheit, wobei sie es allerdings weitgehend der Natur überlassen mußte, welche Mischung sie herzustellen beliebte.
Jedenfalls ist mit Humor ein bestimmtes Lebensgefühl verbunden. Es setzt Souveränität voraus. Denn zum Humor gehört nicht bloße Lustigkeit, sondern Ernst, Achtung, Liebe, Freiheit des Geistes. Ohne Humanität gibt es keinen Humor. Deshalb kann man von humorlosen und sogar von humorfeindlichen Gemeinschaften und Epochen sprechen. Es gibt aber auch den speziellen Humor einer bestimmten Klasse oder Schicht, der auf der intimen Kenntnis einer bestimmten widerspruchsvollen Wirklichkeit beruht und nicht für jedermann verständlich ist.
In der Literatur findet man Humor zwar seit jeher, aber doch nicht durchgängig und nicht überall und nicht immer in gleicher Weise. Wir erinnern an die berühmte Herkulessage und an die Schilderung des Ehelebens von Göttervater Zeus in der griechischen Mythologie, an Cervantes’ „Don Quixote“ und an Grimmelshausens „Simplizissimus“. Der berühmte Kronzeuge des „reinen“ humoristischen Romans ist Lawrence Sterne’s „Leben und Ansichten Tristram Shandys“ aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Er übte einen unwiderstehlichen Einfluß auf den großen deutschen Humoristen Jean Paul aus. („Dieser Gaukler trinkt, auf dem Kopfe tanzend, den Nektar hnaufwärts.“) So beherrschend wie bei ihm haben wir den Humor, in keinem anderen Werk, obwohl es viele Dichtungen gibt – von Wieland bis zu Thomas Mann –, in denen der Humor ein wichtiges Element ist. Er beruht im Darüberstehen über den Dingen, im heiter souveränen Spiel mit den Erscheinungen des Lebens und erweckt das Gefühl einer stillen Heiterkeit aber auch der gesteigerten Lebenszuversicht – wenn man ihn zu genießen weiß. Oft dauerte es einige Zeit, bis die Werke in ihrer Bedeutung erkannt wurden. Cervantes mußte seinen „Don Quixote“ erst selbst angreifen, bevor spätere Jahrhunderte darüber lachen konnten, und Sterne’s „Tristram Shandy“ wurde, wie Jean Paul feststellt, „anfangs in England so kalt empfangen, als hätte er ihn in Deutschland für Deutsche geschrieben“. Angesichts der „Frösche“ und der „Wolken“ von Aristophanes, zwei der humorvollsten Stücke der Weltliteratur, denen aber der längst verschollene Ameipsias seinerzeit den Preis abzujagen vermochte, kann man jedoch sicher sein, daß auf die Dauer sich das Wertvolle durchsetzt.
Die vorliegende Schallplattenaufnahme mit Hans-Joachim Preil und Rolf Herricht erhebt nicht Anspruch auf unvergängliche Weltliteratur, sondern betont bewußt den „kleinen“ Humor des Kindermundes, der Verwechslungskomik, des Wortwitzes; er spießt die Angeberei, das Klischee, Unkenntnis und Unlogik auf – und man wird erleben: „Lachen ist gesund.“

Hans-Joachim Bunge
Komiker: Rolf Herricht, Hans-Joachim Preil

Text: Hans-Joachim Preil
Musik, Klavier: Siegfried Schäfer
Gesamtleitung: Ulrich Rabow