Albert Schweitzer
Mein Wort an die Menschen

LP LITERA 8 60 325
Covertext:
Albert Schweitzer (1875–1965) sei – so heißt es zuweilen – schon zu Lebzeiten so etwas wie ein Mythus gewesen. Indes: wer das sagt, weiß wenig von dem Theologen und Philosophen, dem Musiker und Tropenarzt – oder er will die Botschaft der Menschlichkeit und des Friedens, die Schweitzer nicht nur verkündet, sondern vorgelebt hat, mit Legenden zudecken.
Wahr ist: Schweitzer genoß weltweit Autorität, und sie dauert bis in die Gegenwart an. Sein Ansehen bei allen, die nach Menschenwohl und Völkerfrieden streben, gründet sich auf die geistige Universalität und moralische Integrität seiner Persönlichkeit, auf die unbedingte Einheit von Denken und Tun, die seinen Lebensgang und sein Lebenswerk auszeichnet, auf die innere Konsequenz seines Ethos von der „Ehrfurcht vor dem Leben“, auf sein jahrzehntelanges aufopferndes Wirken im äquatorialafrikanischen Urwaldspital von Lambarene, auf seinen entschiedenen Protest gegen die Massenvernichtungswaffen, seinen Widerstand gegen alles, was die Gefahr einer nuklearen Katastrophe heraufbeschwört.
Um so weniger sollte man ihn zu einer Symbolfigur hoch- oder besser: herabstilisieren; denn damit soll manchenorts nur die Vorbildwirkung abgeblockt werden, die von Schweitzer ausgeht. Und um so wichtiger ist es, daß er selbst uns Schilderungen hinterlassen hat, aus denen sich klare Aufschlüsse über sein Leben und über sein Wollen gewinnen lassen. Zu ihnen gehören die beiden Tondokumente, die auf dieser Platte vereint sind.
Da ist zunächst die Selbstdarstellung, die der 57jährige am 20. April 1932 im Kölner Rundfunk gesprochen hat. Sein dritter Lambarene-Aufenthalt (Dezember 1929–Januar 1932) und seine zweite Goethe-Rede (zum 100. Todestag des Dichters am 22. März 1932 in Frankfurt/Main gehalten) lagen gerade hinter ihm; eine Konzertreise durch England und Schottland im Juni 1932 stand ihm unmittelbar bevor. Mitten zwischen diesen drängenden Aufgaben – sie lassen ausschnitthaft die Fülle der Pflichten ahnen, denen er sich fortwährend ausgesetzt sah – arbeitete Schweitzer, sorgfältig den Text dieses Vortrags aus. Eindringlich und eindrucksvoll sagt er hier, worum es ihm in seinem Leben geht und welche Leitbilder sein Handeln bestimmen.
Auffällig ist der hohe Stellenwert, den Schweitzer, der philosophische Idealist, dem rationalen Denken beimißt. Menschliches Denken ist imstande die Wahrheit zu erkennen; das Denken hält den Menschen zu ethisch verantwortbarem Verhalten an. In dieser Auffassung Schweitzers wurzelt auch seine Lehre von der „Ehrfurcht vor dem Leben“, die er einmal „das als denknotwendig erkannte Grundprinzip des Sittlichen“ genannt hat. Aus Denknotwendigkeit, aber auch aus Dankbarkeit – das ist Schweitzers zweiter gedanklicher Ausgangspunkt – sollte sich jeder verpflichtet wissen, sich dem Mitmenschen zuzuwenden und ihm Gutes zu tun. – Der Züricher Musikwissenschaftler Prof. Dr. Erwin R. Jacobi fand das Manuskript des Vortrags 1968 im Albert-Schweitzer-Zentralarchiv Günsbach (Elsaß) und ließ es im Juni 1970 in den „Schweitzer Monatsheften“ (3/70) erstabdrucken.
Noch deutlichere, gesellschaftlich konkreter umrissene Konturen gewinnen Schweitzers ethische Motive in seinem „Wort an die Menschen“, das der 89jährige im September 1964 dem aus der BRD gekommenen Arzt Dr. Christoph Staewen in Lambarene auf Band sprach. Hier äußert er sich überzeugend darüber, daß ihn vor allem der Wille, das vom Kolonialismus angerichtete Leid zu sühnen, 1913 nach Lambarene gehen ließ, und hier spricht er aus, daß Ehrfurcht vor dem Leben –„die ins Universelle erweiterte Verantwortung für alles, was lebt“, wie er sie einmal bezeichnet hat heute vorrangig zum Dienst am Frieden und zum Kampf gegen das atomare Wettrüsten veranlassen muß. Albert Schweitzer, der Denker, der Seelsorger, der Urwaldarzt, war gleichzeitig Musiker durch und durch. „Mit acht Jahren, kaum daß die Füße lang genug waren, um die Pedaltasten zu erreichen, begann ich Orgel zu spielen“, schreibt er in seiner Selbstbiographie „Aus meinem Leben und Denken“ (1931). Seine reguläre Ausbildung an dieser „Königin der Instrumente“ begann er als Gymnasiast 1885 in Mülhausen (Elsaß) bei Eugen Münch (1857–1898) an der dortigen Stephanskirche und setzte sie ab 1893 in seiner Studentenzeit bei Charles Marie Widor (1845–1937) an der Orgel von St. Sulpice in Paris fort. Seit 1894 wirkte er in den Bach-Konzerten des 1885 von Ernst Münch (1859–1928) gegründeten Straßburger Wilhelmer-Chors an der Orgel mit, und 1904 gehörte er zu den Gründern der Pariser Bach-Gesellschaft, deren Organist er bis zu seiner ersten Ausreise nach Lambarene (1913) war – neben seiner Tätigkeit als Vikar und Direktor des theologischen Studienstifts in Straßburg, als Privatdozent an der dortigen Universität und neben seinem Medizinstudium!
Ein Geschenk der Mitglieder dieser Gesellschaft war jenes berühmte Tropenklavier mit Orgelpedal, mit dessen Hilfe er sich im Urwaldspital durch möglichst tägliches Üben die nötige Fingerfertigkeit und Literaturkenntnis bewahren konnte. Sie kamen ihm zugute, als er ab 1920 fast jeden Europa-Aufenthalt nutzte, um durch Konzerte – in der Schweiz, im damaligen Deutschland, in Großbritannien, Holland, den skandinavischen Ländern, der Tschechoslowakei und Frankreich, letztmalig 1954 – Mittel für sein „Krankendorf“ am Ogowe zu beschaffen. Bach habe ihm geholfen, Lambarene zu bauen, bekannte er einmal. Außerdem entstanden 1928 und 1935 (London), 1936 (Strasbourg) und 1951/52 (Gunsbach/Elsaß) vier Serien von Schallplattenaufnahmen mit Werken vorwiegend von Bach, aber auch von Mendelssohn-Bartholdy, Cesar Franck und Widor.
Schon kurz nach der Jahrhundertwende hatte sich Schweitzer auch als Musikwissenschaftler – „Musikschriftsteller“ nannte er sich mit der ihm eigenen Bescheidenheit – und Orgelbausachverständiger zu Wort gemeldet: 1905 mit der französischsprachigen, 1908 mit der wesentlich umfangreicheren deutschsprachigen Ausgabe seines Buches über Johann Sebastian Bach, das seitdem zahlreiche Neuauflagen und Übersetzungen erlebt hat, daneben 1906 mit der kleinen Schrift „Deutsche und französische Orgelbaukunst und Orgelkunst“, 1909 mit dem Internationalen Regulativ für Orgelbau, ferner mit zahlreichen Gutachten für die Rekonstruktion erhaltenswerter Orgeln. „In Afrika errettet er alte Neger, in Europa alte Orgeln“, sagten seine Freunde scherzhaft von ihm. Zusammen mit Widor, der auch die Vorrede zu Schweitzers Bach-Buch verfaßt hatte, gab er seit 1912 in einem USA-Verlag Bachs Orgelwerke in acht Bänden heraus, die drei letzten gemeinsam mit Edouard Nies-Berger (1954, 1967). Schweitzers Bach-Interpretation an der Orgel ist ausgesprochen unpathetisch, weil sie sich um Stilgerechtigkeit im Sinne der Bach-Zeit bemüht. „Es handelt sich also zuerst immer darum, die einfachen architektonischen Linien des Stückes aufzusuchen“, gibt er allen, die Bach richtig wiedergeben wollen, in seinem Buch über ihn mit auf den Weg. Er weiß: „Von der Wiedergabe hängt es ab, ob diese Werke den Hörern wirklich nahegebracht werden oder ob sie etwas bleiben, das man mit ehrfürchtigem Staunen bewundert, nicht weil man es schön findet, sondern weil es schön sein soll.“ So erklärt sich Schweitzers Streben nach „Tonschönheit“ und „Tonreichtum“ beim Spiel ebenso wie seine Abneigung gegen „Tonstarke“ und überhastete Tempi. „Die Linien müssen in ruhiger Plastik vor dem Hörer stehen“, mahnt er. „Er muß auch Zeit haben, sich ihr Ineinander und Nebeneinander vorzustellen. Sowie er den Eindruck des Undeutlichen und Verworrenen hat, ist es mit der Wirkung des Orgelstückes vorbei.“
Schweitzer selbst gab an der Orgel das Beispiel dafür, wie diese so berechtigten Ratschläge zu beherzigen sind. Man höre auf unserer Platte, deren Aufnahmen 1936 an der Silbermann-Orgel in der Kirche von St. Aurelie in Strasbourg entstanden, unter diesen Gesichtspunkten beispielsweise den Orgelchoral „Christ lag in Todesbanden“, den Bach 1724 als Osterkantate komponierte. „Jeder Vers ist wie in Musik gemeißelt!“ schrieb Schweitzer in seinem Bach-Buch. „Diese Kantate gehört zu den gewaltigsten, aber auch zu den schwierigsten.“ Gerade dank seiner durchsichtigen Spielweise meisterte er diese Schwierigkeiten hervorragend. Gleiches gilt etwa für Präludium und Fuge e-moll, die wohl in der letzten Lebenszeit des Leipziger Thomaskantors entstanden sind und die, wie Schweitzer urteilt, „in ihrer lapidaren Kürze einzig dastehen“.
Wer diese Aufnahmen beim Anhören innerlich durchdringt – und Schweitzer macht ihm das leicht –, wird feststellen, wie sehr der große Bach-Deuter im Recht war, als er im Oktober 1980 bei einem Vortrag „Von Bachs Persönlichkeit und Kunst“ in Barcelona betonte, „das Allerwesentlichste“ bei jeder Bach-Aufführung solle sein, dem Hörer „die Aussage der Musik“ zu vermitteln: „Die Töne sollen ihm vom Frieden und von der Heiterkeit und von jener Sanftheit erzählen, aus der wir Kräfte zum Weiterleben schöpfen. Versetzt Bachs Musik in diesen eigenartigen Zustand der Entrückung, kann man durch Aufführungen etwas davon den anderen mitteilen, dann hat man den Meister wirklich verstanden und darf sein wahrhaftiger Verkünder heißen.“

Gerhard Fischer
|  Seite 1  |

Jesus Christus, unser Heiland BWV 665
aus den 18 Leipziger Chorälen BWV 651–669

Aus meinem Leben

Liebster Jesu, wir sind hier BWV 633
aus dem Orgelbüchlein BWV 599–644



|  Seite 2  |

Christ lag in Todesbanden BWV 625
aus dem Orgelbüchlein BWV 599–644

Präludium und Fuge e-moll BWV 548

Mein Wort an die Menschen


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Sprecher: Albert Schweitzer

Albert Schweitzer spielt Werke von Johann Sebastian Bach an der Orgel von St. Aurelie, Strasbourg
Aufgenommen Oktober 1936

spricht „Aus meinem Leben“
Vortrag im Kölner Rundfunk, April 1932

und „Mein Wort an die Menschen“
aufgenommen in Lambarene 1964

Orgelaufnahmen mit Genehmigung von Electrola MBH Köln
„Aus meinem Leben“ mit Genehmigung von Harold E. Robles; Albert-Schweitzer-Centrum, Deventer, Holland.
Erstmals auf der Platte: „Albert Schweitzer spricht zu uns“ bei Deogram, Holland, veröffentlicht.
„Mein Wort an die Menschen“ mit Genehmigung von Fa. Renate Dehn, Versand, Frankfurt M.