Altberliner Humor

von Adolf Glaßbrenner

LP LITERA 8 60 039
Covertext:
Ein Maurer hatte das Unglück von einem hohen Gerüst zu fallen und sich den Hals zu brechen. Als man ihn wegbringen wollte, entdeckte eine Köchin, welche dabeistand, ein Messer in der Hand des Toten. „Herrjees“, rief sie, „et is doch en wahres Jlück des der Mensch nich uf det Messer gefallen is!“

Unzählige solcher Anekdoten, Witze und Geschichten stammen aus der Feder Adolf Glaßbrenners. Unverkennbar im Berlinischen angesiedelte Schlagfertigkeit, Geistesschärfe und Schnoddrigkeit verbinden sich mit Zügen des „schwarzen Humors“. Als Anwalt und Fürsprecher der mittleren und unteren Volksschichten konnte er mit Recht von sich sagen, daß er „der erste war“, der das Volk von Berlin „sprechen ließ, als es noch schweigen mußte“. Ihm verdanken wir jene lebendige und realistische Schilderung des vormärzlichen Berliner Lebens, das in seinen meisterhaft gezeichneten Volksgestalten, den Eckenstehern, Fuhrleuten, Holzhauern und Nachtwächtern, den Hökerinnen und Köchinnen, vor allem im Guckkästner und in solchen waschechten Kleinbürgerfiguren und Weißbierphilistern vom Schlage des Herrn Buffey in unverwechselbarer Frische und Anschaulichkeit überliefert ist.

Diese bis ins kleinste Detail genau getroffenen Konterfeis der verschiedenen sozialen Volksschichten, beobachtet, gewissermaßen „fotografiert“ bei ihren Sonn- und alltäglichen Beschäftigungen, bei der Arbeit und bei ihren Vergnügungen, sind treffende sozialtypologische (und zunehmend auch individualisierte) Charakteristiken, in denen der Autor, parallel zur Entwicklung der politischen Oppositionsbewegung, in mehr oder weniger direkten Anspielungen den zeitgeschichtlichen Hintergrund mitliefert: Die Szenen und Dialoge gaben nicht nur die sich festigende „demokratische Anschauungsweise“ der Berliner Volksschichten wieder, sondern bestärkten und förderten auch deren Aufsässigkeit durch das Bereitstellen aktueller oppositioneller Argumente. Wie sehr Glaßbrenner damit einem Zeitbedürfnis nachkam, bezeugt die Vielzahl von Nachahmungen im ganzen Lande. „Durch ganz Deutschland machen sie sich Bahn“, schrieb ein Zeitgenosse, „nicht allein im Norden, für den sie ihrer Form nach zunächst berechnet scheinen, auch im Süden werden sie verschlungen ... Manches Tagesblatt hat sich monatelang von Glaßbrenners Einfällen genährt, ohne auch nur anzudeuten, wem sie gestohlen wurden“.

„Dem Gewöhnlichsten ..., ohne seiner naiven Wahrheit zu schaden, Reiz und Form“ abzugewinnen, Wahrheit und Schönheit einander anzunähern, war für Glaßbrenner nur lösbar durch humoristische Gestaltung: Durch einen Humor allerdings, der keine Versöhnung mit der sozialen und politischen Wirklichkeit zuließ, sondern die Brücke schlug zwischen oft rohen Erscheinungsformen des Lebens, die das Ergebnis einer Jahrhunderte währenden Unterdrückung des Volkes waren, und den Möglichkeiten, die in jedem Menschen angelegt sind, unter den Bedingungen des feudal-bürokratischen Systems und der beginnenden kapitalistischen Ausbeutung jedoch nicht zur Entfaltung kommen konnten. In diesem Sinne öffnete Glaßbrenner den Blick nach vorne, konnte er, ohne herablassend-moralisierend zu sein, auch in den Verkrüppelten und Verrohten den unterdrückten menschlichen Kern aufspüren: den gesunden Menschenverstand, die Kraft, Natürlichkeit und Ehrlichkeit des Volkes, seine Sehnsucht nach einem würdigen Leben. So wurde er, was auch H. v. Treitschke zugestand, „der Liebling und Erzieher des zungenfertigen demokratischen Berliner Kleinbürgertums“ Glaßbrenner selbst hat diesen Sachverhalt poetisch umschrieben: „Meine Späße sind aus einer sehr ernsten Familie, der Vater heißt Schmerz und die Mutter Herz.“ An anderer Stelle sagt er: „Aus einem Volke läßt sich viel machen, z. B. ein Volk.“

Es bezeugt Einsicht in die Besonderheit seiner Begabung und Zielstellung, daß er in den „Formen der ästhetischen Konvention“, der Erzählung dem Epos, dem Drama, „fremde Klimate“ für seine Gegenstände und Stoffe sah. Um das Tun und Denken, die soziale Topographie wirklicher Menschen auch aus den untersten Volksschichten zu erfassen, suchte er nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten. Er stellte seine Figuren – wie er es nannte – in „Formen des wirklichen Lebens“, in betont wirklichkeitsgetreue Szenen und machte sich so von den für „volkstümliche Darstellungen“ reservierten, herkömmlichen Genres, wie etwa der Lokalposse, frei. Von hier erklären sich der vorwiegend epische, beinahe statische Charakter seiner dialogischen Szenen, der Verzicht auf „Handlung und die Entwicklung von Charakteren. Die „große dramatische Aktion ist gleichsam durch eine Summe kleiner Vorgänge ersetzt, die durch einen quicklebendigen, „verquatschten“ Dialog und die Kontrastwirkung der auftretenden Figuren getragen werden. So befindet sich dennoch alles in ständiger Bewegung. Auslösender Moment ist jeweils eine besondere Situation, der sich Vertreter verschiedener sozialer Schichten oder Klassen gegenübersehen. Deren unterschiedliche Reaktionen demonstrieren sowohl gesellschaftliche wie individuelle Verhaltensweisen.

In den vierziger Jahren, mit dem Übergang der Bourgeoisie in das Lager der Opposition, wuchs auch die literarische Opposition in die Breite. Glaßbrenners Humor verschärfte sich in diesem Jahrzehnt zur Satire. Seine Volksgestalten wurden zu Trägern vehementer politischer Angriffe: gegen den Adel und die feudalen Kräfte, die sogenannten gebildeten Stände, die „Reichen“ und Kapitalisten (Rothschild), die religiösen Mucker, überhaupt gegen alle reaktionären Mächte nicht nur im eigenen Land, sondern auch in Europa (besonders gern attackierte er den russischen Zarismus). Gleichzeitig verstand es Glaßbrenner, seine Volkstypen zu Teilnehmern, zumindest zu Kommentatoren bedeutender gesellschaftlicher, ja sogar weltpolitischer Ereignisse zu machen, wobei jene Staaten (England, Frankreich, Vereinigte Staaten), die bereits gewisse bürgerliche Freiheiten errungen hatten, oft als Vorbilder herausgestellt werden. Das geschah vor allem durch die Figur des Guckkästners. Dieser Plebejer, Soldat und Invalide der Befreiungskriege, glossierte fortan und beinahe Jahr für Jahr die Tagesereignisse in einem unvergorenen Durcheinander von freiheitlicher und königstreuer Gesinnung – in der Wirkung jedoch stets so, daß auch seine konservativen Argumente zugunsten des Fortschritts ausschlugen. Zum erstenmal knüpfte hier ein Schriftsteller auf solche Art systematisch an politische Tagesgeschehnisse großen und kleinen Formats an, um die Volksmassen zu politisieren: Adolf Glaßbrenner, über den der Philosoph Karl Rosenkranz das wohl treffendste Wort fand: „Es gibt Schriftsteller, die wir nicht zu den Klassikern rechnen und welche doch auf ihrem Gebiet klassisch sind.“

Kurt Böttcher
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Die Menagerie

Breese: Walter Richter-Reinick
Karoline - seine Frau: Myriam Sello-Christian
August - deren Sohn
Wärter: Norbert Christian
Buchdrucker Krumpel: Werner Trögner



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Berliner Guckkästner

Guckkästner: Norbert Christian
Dorothea - seine Frau: Myriam Sello-Christian
Gendarm: Walter Richter-Reinick
Schuster: Fritz-Ernst Fechner
1. Junge: Dietmar Richter-Reinick
2. Junge: Werner Trögner


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von Adolf Glaßbrenner (1810-1876)
Regie: Theodor Popp