Arnold Zweig

LP LITERA 8 60 092
Covertext:
„Seht her, hier steht ein Denkmal von Romanen“, heißt es in dem schönen Sonett, das Johannes R. Becher seinem Schriftstellerkollegen Arnold Zweig zu dessen 65. Geburtstag widmete. Jedermann denkt dabei an den sechsbändigen Zyklus, den sein Verfasser gern „Der große Krieg der weißen Männer“ nennt: „Die Zeit ist reif“, „Junge Frau von 1914“, „Erziehung vor Verdun“, „Der Streit um den Sergeanten Grischa“, „Einsetzung eines Königs“, „Die Feuerpause“. Mit dem Grischa-Zyklus ist seinem Autor etwas sehr Wichtiges gelungen, nämlich in Menschen verschiedener Generationen die Liebe zum Buch zu wecken, sie das Buch als Lebewesen sehen, es als Bestandteil des Lebens erkennen zu lassen. Für Arnold Zweig ist der Roman eine Form, „die wie der Spaten des Archäologen geeignet ist, in die Tiefen gesellschaftlicher Vorgänge zu dringen“, und er weiß diese Form meisterhaft zu handhaben.

„Der Streit um den Sergeanten Grischa“, 1926 als erster Band des Zyklus entstanden, wurde von dem Grunderlebnis des einstigen Armierungssoldaten Arnold Zweig ausgelöst, den Erfahrungen des ersten Weltkrieges. Dieses Grunderlebnis ist auch in seinen anderen Bänden literarisch-kritisch wirksam geworden. Zweig legt in ihnen das Räderwerk des imperialistischen Krieges bloß, weiß Ursache und Wirkung bis in die feinsten Verästelungen darzustellen, läßt – obwohl keineswegs ein Schlachtenmaler – den Leser die ganze Grausamkeit des modernen Krieges fühlbar werden. Er entlarvt die Drahtzieher des Krieges in den Spitzen der Schwerindustrie und in den Generalstäben. Er enthüllt das Geheimnis, wie Kriege zustande kommen. Welches seiner Bücher wir auch immer lesen, stets meinen wir, die Personen, die er uns vorführt, sofort zu erkennen, würden wir ihnen im Leben begegnen; so einprägsam ist alles geschrieben, so anschaulich klar und phantasievoll zugleich.

Die Gestalt seines Grischa ist Unzähligen vertraut, dieses russischen Menschen, Soldat aus dem ersten Weltkrieg, der Schluß gemacht hat mit dem Krieg des Zaren und der Imperialisten. Willi Bredel sagte von ihm: „... Immer wieder habe ich vor allem Deinen russischen Sergeanten bewundert. In den letzten Winkel seines Wesens hast Du hineingeleuchtet, noch in seine Träume, und noch heute denke ich manchmal, wenn ich einem sowjetischen Soldaten begegne: wie Grischa. Für mich ist Dein Grischa der erste gelungene, absolut lebenswahre Russe in der deutschen Romanliteratur. Er ist es für mich in noch verstärktem Maße geblieben, nachdem ich viele Jahre in der Sowjetunion gelebt und den russischen Menschen kennengelemt habe“.

Ist der „Grischa“-Zyklus seine berühmteste Leistung, so weist das Lebenswerk des nunmehr achtzigjährigen Arnold Zweig eine bedeutende Anzahl weiterer Arbeiten auf: Romane, Novellen, Dramen, Gedichte, literarische Essays, politische Publizistik. Am 10. November 1887 in Glogau geboren, nach einem Besuch der Oberrealschule in Kattowitz, dem Studium der Germanistik, moderner Sprachen, der Philosophie, Kunstgeschichte und Psychologie, er hielt er 1915 für seine Tragödie „Ritualmord in Ungarn“ den Kleistpreis. Ersten schriftstellerischen Erfolg erwarb er bereits 1912 mit den „Novellen um Claudia“. 1922 erschienen seine Essays über Lessing, Kleist, Büchner. Im gleichen Jahr erhebt er Protest gegen die Ermordung von Erzberger und Rathenau, nimmt in den folgenden Jahren Stellung gegen die reaktionäre Klassenjustiz in der Weimarer Republik, warnt vor dem aufkommenden Hitlerfaschismus. 1926, im Jahr der Entstehung des „Streit um den Sergeanten Grischa“, wird er Mitglied der Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland. 1932 beendet er „De Vriendt kehrt heim“.

1933 in die Emigration getrieben, arbeitet er in den vierzehn Jahren des Exils, ausgerüstet mit neuen Erkenntnissen, weiter an seinem Weltkriegs-Zyklus, schreibt den Roman „Verklungene Tage“ und „Das Beil von Wandsbeck“.

Über den antifaschistischen Freiheitssender 29,8 hatte Arnold Zweig seinen deutschen Landsleuten zugerufen : „Ich komme wieder“. Und er kam. Im Jahre 1948 traf Arnold Zweig, aus Palästina kommend, über Prag im demokratischen Berlin ein. Wenige Tage später fand im Klub des Kulturbundes jene denkwürdige Zusammenkunft statt, bei der ihn alte und neue Freunde begrüßen konnten. Die dokumentarische Aufzeichnung von dieser festlichen Stunde ist erhalten geblieben, so daß es möglich wurde, auf unserer Schallplatte Ausschnitte zu Gehör zu bringen, charakteristisch ebenso für die Situation des schweren Anfangs jener Jahre, wie für den Wunsch und Willen des Romanciers Arnold Zweig, seine Persönlichkeit und sein Werk mit den Gestaltern eines neuen Lebens zu verbinden. Mit Ehrfurcht nehmen wir heute die Worte auf, mit denen Arnold Zweig damals seine Hoffnung bekundete, „in den nächsten zwanzig Jahren“ die begonnenen Romane zu vollenden, die in seinem Notizbuch festgehaltenen Pläne auszuführen. Ihm kam es vor allem darauf an, was er bereits 1947 schrieb und nun aufs neue bekräftigte, „gerade jetzt unsere Kulturansprüche und -aufgaben auf das höchste Niveau emporzuschrauben, um der neuen Leserschaft willen, für die wir jetzt schreiben“. Die stattliche Reihe neuer Arbeiten, darunter die dem Weltkriegs-Zyklus angehörenden Romane „Die Zeit ist reif“ und „Die Feuerpause“ sowie der Roman „Traum ist teuer“ legt von der neuen fruchtbaren Schaffensperiode der beiden Jahrzehnte seines Wirkens in der Deutschen Demokratischen Republik Zeugnis ab.

Arnold Zweig, Ehrenpräsident der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin, Mitglied des Weltfriedensrates und Träger des Leninfriedenspreises, geht von der Maxime aus: „Die Gesittung der Menschheit ist an den Frieden gebunden“, und er bekennt sich, um diese Maxime durchzusetzen, zu jener „wirklich menschlichen gesellschaftlichen Welt, die durch die Oktoberrevolution real geworden, das sozialistische Zeitalter als Kulturepoche hundertprozentig legitimiert“. In dieses Zeitalter ist auch der große Menschengestalter Arnold Zweig mit seinem Schaffen eingegangen.

Johanna Rudolph
Berlin, Nov. 1967
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DER ENGLISCHE GARTEN
von Arnold Zweig
Sonette I, III, IV, VII

Sprecher: Egon Aderhold

Aus einem Interview mit Arnold Zweig
Gesprächspartner: Klaus Helbig

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RÜCKKEHR AUS DER EMIGRATION
Feierstunde am 20. Oktober 1948 im Klub
der Kulturschaffenden zu Berlin (Ausschnitte)

Sprecher: Arnold Zweig, Friedrich Wolf
Reporter: Horst Heydeck

Auswahl und Zusammenstellung: Johanna Rudolph, Ulrich Rabow
Das dieser Aufnahme zugrundeliegende Dokumentarmaterial
wurde freundlicherweise vom Staatlichen Rundfunkkomitee
zur Verfügung gestellt.


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DER STREIT UM DEN SERGEANTEN GRISCHA
von Arnold Zweig
1. Buch. Aus Kapitel IV „Der Wald“

Sprecher: Erwin Geschonneck
Regie: Ulrich Rabow

Wissenschaftliche und künstlerische Beratung: Johanna Rudolph
Mit freundlicher Genehmigung des Aufbau Verlages Berlin und Weimar.