Aus dem wunderlichen Alltag des Karl Valentin

LP LITERA 8 60 172
Covertext:
Karl Valentin (zu sprechen „Falentin“), das weiß jeder, der ihn kannte, war mehr als nur ein Komiker Münchner Provenienz. Schon rein quantitativ: Er war ja nicht nur Volkssänger, Musikclown, Schauspieler, Dichter, Museumsmann, sondern auch Handwerker, der er zeitlebens blieb, obwohl er einst bei seinem Lehrmeister einen großen Nagel entwendete, um das goldene Handwerkder Schreinerei daran aufzuhängen. Und wenn er all diese Berufe gerade nicht ausübte, dann sammelte er: Er war ein leidenschaftlicher Sammler von Raritäten und Antiquitäten aller Art. Worin jedoch qualitativ jenes „mehr“ besteht, das läßt sich schwer ausmachen. Es läßt sich auf keinen Begriff bringen. Soviel steht fest, daß Valentins Komik einem Grenzbereich angehört, wo sie sich mit dem Hintergründigen, selbst mit dem Tragischen berührt. Schon der Anblick seiner Figur – lang und spindeldürr – rief Lachen und Weinen zugleich hervor. Und sein meist erfolgloser Kampf mit der Tücke des Objekts (wozu auch die Sprache zählt), war so echt, daß man ihn für das halten mußte, was man in München einen „Depp“ nennt. Einen Depp freilich, der es in sich hat, der sich dauernd im Widerspruch zum Bestehenden befindet und noch im Resignieren weiterbohrt. Sein unnachahmliches „Wieso?“ konnte jeden, der mit ihm in Berührung kam, aus dem Konzept bringen, ja bis zur Verzweiflung treiben. Noch in seinem schlechtesten Witz (von den Kalauern einmal abgesehen) lag ein Problem verborgen (wie Goethe so ähnlich von Lichtenberg sagte). Deshalb ist er „für viele kein Komiker, für viele gerade aus diesen Gründen der größte Komiker unserer Tage“, schrieb einmal Hannes König, der Leiter des Münchner Valentin-„Musäums“, zu Recht.

Karl Valentin hieß eigentlich Valentin Ludwig Fey und wurde am 4. Juni 1882 in der Münchner Vorstadt Au, deren Dialekt er dann auch sprach, geboren. Der Vater, von Beruf Möbeltransporteur, stammte aus Darmstadt, die Mutter aus Zittau in Sachsen. Valentin war also nicht einfach ein „Münchner G’wachs“, obwohl er kaum in einer anderen Stadt als München möglich gewesen sein dürfte. Als Junge zu allen denkbaren Lausbubenstreichen aufgelegt, stürzt er eines Tages in die Isar und holt sich ein chronisches Asthma, das ihm später so sehr mitspielte, daß er jedesmal Angst bekam, er könne einen Auftritt nicht beenden. (Der Hypochonder hatte übrigens mehrere beinahe krankhafte Ängste. Gastspiele in anderen Städten fanden nur sporadisch statt: aus Furcht vor der Eisenbahn.)

Nach der Schulzeit erlernt er ab 1896 die Schreinerei, die er jedoch 1902 (sozusagen hauptberuflich) wieder aufgibt, um eine Münchner Varieteschule zu besuchen und zum ersten Mal die Bühne zu betreten. Im selben Jahr stirbt sein Vater, und in der Folgezeit muß er sich um dessen Speditionsfirma kümmern. Nebenher lernt er allerhand Musikinstrumente beherrschen, die Geige, die Zither und verschiedene Blasinstrumente, die er bald ebenso genial falsch wie richtig spielen kann. Auch interessiert ihn alles Mechanische (vorab Uhren und Fotoapparate). Kein Wunder, daß er sich einen komplizierten Musikapparat bastelt, ein wahres Wunderwerk, mit dem er durch artistisches Geschick an die 20 Instrumente sowie einige Kanonen gleichzeitig zum Erklingen bzw. zum Krachen bringt. Das erwähnte Geschäft geht nicht mehr so recht; es wird verkauft, und Valentin zieht 1906 mit der Mutter nach Zittau. Freilich hält er es da nicht lange aus. Er geht mit seinem Orchestrion auf Tournee, muß aber bald erfolglos nach München zurückkehren. Der Apparat wird zertrümmert. 1908 tritt er im „Baderwirt“ auf und hat mit selbstverfaßten Couplets und „Blödsinn-Vorträgen (z. B. „Aquarium“) endlich Erfolg. Im Volkssängerlokal „Frankfurter Hof“ lernt er 1911 Elisabeth Wellano kennen, mit der er zwei Jahre später erstmals zusammen auf der Bühne erscheint. Aus Verehrung für den Gesangshumoristen Karl Maxstadt erhält sie den Namen Liesl Karlstadt. Von nun an spielen beide gemeinsam in allen bekannten Münchner Kabaretts. Es entstehen im Laufe der Jahre rund 400 Szenen und Komödien, so die ersten Fassungen von „Tingeltangel“, 1922 „Das Christbaumbrettl“ und „Der Firmling“, 1924 „Die Raubritter vor München“ 1926 “Brillantfeuerwerk“, 1927 „Im Fotoatelier“, 1930 „An Bord“, 1938 „Der Umzug“, um wenigstens einige zu nennen. An ihrer Ausarbeitung hat die Karlstadt nicht unwesentlichen Anteil. Viele Stücke werden verfilmt. Zwischendurch mehrere Gastspiele in Berlin, Wien und Zürich. Die Berliner machen Valentin berühmt; für die meisten Münchner hingegen bleibt er der „spinnete Teifi“. Man will dort Humor, zieht ihm also den „Platzl-Stil“, d. h. Weiß Ferdl, vor. 1934 eröffnet er eine Kuriositätenschau („Panoptikum“), 1939 die „Ritterspelunke“ ein Etablissement, das „Musäum“ Kellerkneipe und Kabarett vereint. Schon vorher hat sich Valentin den Unmut der Nazis zugezogen. Er verläßt 1941 die Bühne und begibt sich nach Planegg bei München. Zwar tritt er nach dem Kriege nochmals auf, wieder mit der Karlstadt, doch wartet er vergeblich auf das große Engagement, das er vom Rundfunk oder vom Film erhalten müßte. In der Öffentlichkeit ist er so gut wie vergessen. Das ändert sich erst nach dem Tod. Er starb am 9. Februar 1948 (an einem Rosenmontag – das sei auch von uns nicht verschwiegen).

„So runde dunkelschwarze Platten“ wie diese hier sind freilich nur ein Notbehelf. Man muß sich Valentins Mimik, die hin und wieder noch im Kino zu sehen ist, hinzudenken. „Immerhin besser als gar nix“, jedenfalls besser, als wenn wir gedruckte Texte vorlegen würden, denn dann fehlte sogar die Stimme. Die ist freilich kaum nachzuahmen, weder das bedächtig Langsame, wenn er bohrend fragt, noch das Leise und Sanfte, wenn er selber eine doppelbödige Feststellung trifft. Die entscheidenden Sätze werden bei Valentin im Nebenbei gesprochen. Unsere Auswahl bringt Beispiele für wahre Sprachexerzitien. Wie immer, hat Valentin etwas vergessen, diesmal den Namen der Arznei. Die Karlstadt, sein relativ normaler Widerpart, an dem sich sein Witz erst so richtig entzündet, weiß natürlich die Arznei: „Isopropilprophemilbarbitursauresphenildimethildimenthylaminophirazolon.“ „Jaaa! Des is! So einfach, und man kann sichs doch nicht merken.“ Er kann sich auch die vielen Meiers nicht merken, die alle irgendwie anders geschrieben werden. – Valentin fühlt sich natürlich immer so beengt, wenn er auf einen Fußballplatz geht, auf dem einmal mehr als 30 000 Zuschauer sind. Er hat dann Platzangst, genau gesagt – ja, er kriegt’s sogar heraus – „Fußballplatzangst“. – Er weidet sich daran, jemandem „wieder widersprechen“, oder ihm einen „Vorwurf vorwerfen“ zu können. – Dem bayrischen Talmudisten, wie man ihn nennen könnte, ist die Suche nach der Brille, die er „irgendwo“ verlegt hat, längst nicht so wichtig wie die Frage, wo denn das „irgendwo“ ist. Die Brille ist eben „woanders“ sagt man ihm. Aber „woanders ist doch irgendwo“. – Valentin hat nicht nur zur Sprache ein verhextes Verhältnis, sondern auch zur geschichtlichen Vergangenheit, falls man ihr den Trompeter von Säckingen zurechnet. – Und dann der „Buchbinder Wanninger“, einer seiner berühmtesten Dialoge. Es gibt da keine Pointen, und doch ist jedes Wort, jede Antwort, jeder „Versprecher“ von Anfang bis Ende bis ins kleinste ausgetüftelt. Eine Alltags-Szene, die schon symbolische Bedeutung hat. – Überhaupt erwarte man bei ihm nicht zuviel Pointen. Darauf sind seine Texte zuallerletzt angelegt. Außerdem: an so manchem gewaltsamen Schluß ist nichts anderes als die Schallplatte schuld. Ja, eine Platte müßte eigentlich einen Durchmesser von mindestens 1 m haben.

Eberhardt Klemm
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Das Lied vom Sonntag
Hasen braten
Beim Arzt
Der neue Buchhalter
Der Trompeter von Säckingen
Die alten Rittersleut’



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Buchbinder Wanninger
Die Brille
Vor Gericht
In der Apotheke
Am Fußballplatz
Die vier Jahreszeiten


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Komiker: Karl Valentin, Liesl Karlstadt

(Historische Aufnahmen)