Aus meiner Welt
Erwin Geschonneck spricht und singt

LP LITERA 8 65 286
Covertext:
Erwin Geschonneck
geboren am 27. 12. 1906 in Bartenstein, Kreis Friedland, als fünftes Kind eines Flickschusters.

1908 Übersiedlung der Familie nach Berlin, Ackerstr. 6-7
Besuch der Volksschule am Koppenplatz.
Keine Berufsausbildung, Gelegenheits- und Hilfsarbeiter; u. a. Kassenbote, Bauhilfsarbeiter, Hausdiener, Hilfsfahrstuhlführer, Arbeitslosigkeit.
Aktives Mitglied des Arbeitersportvereins „Fichte“, Sparte Faltboot.

1929 Eintritt in die KPD.
Marxistische Kurse an der MASCH.
Mitwirkung in Arbeiterchören und Agit-Prop-Gruppen der KPD und der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH).

1932 Mitwirkung an der Uraufführun von Johannes R. Bechers Versepos „Der große Plan und seine Feinde“.
Statist im ersten deutschen proletarischen Spielfilm „Kuhle Wampe“ (Regie: Slatan Dudow).

1933 Emigration mit einer Gruppe gleichgesinnter Schauspieler in das deutschsprachige Gebiet Polens.

1934 Ab Mai in Prag. Ruf durch Gustav von Wangenheim an ein zu gründendes deutschsprachiges Theater in Moskau.

1935 Mitwirkung in der Schlußszene von „Florisdorf“ (Friedrich Wolf), Aufführung zum ersten Jahrestag des Wiener Volksaufstandes (Gedenkveranstaltung der Komintern). Engagement an das Gebietstheater Deutscher Kollektivisten in Dnjepopetrowsk, später in Odessa. Mitwirkung in Inszenierungen verschiedener Theaterstücke und Revuen.

1937 Rückkehr nach Prag. Mitwirkender, dann Leiter der antifaschistischen. Freien Deutschen Spielgemeinschaft. Hauptrolle in der Satire „Der Rattenfänger von Schilda“ von Albin Stübs. Rolle des Pedro in der Prager Erstaufführung von Brechts „Die Gewehre der Frau Carrar“.

1939 Bei Fluchtversuch aus der CSR nach Polen in Ostrava von der Gestapo verhaftet.
Polizeipräsidium Berlin. KZ Sachsenhausen.

1940 KZ Dachau, Blockältester im sogenannten Pfaffenblock. Inszenierung und Mitwirkung an Häftlingsaufführungen.

1944 KZ Neuengamme.
Evakuierung des Lagers auf Befehl Himmlers auf das ehemalige KdF-Schiff „Cap Arkona“ und das Passagierschiff „Thielbeck“, Am 3. Mai versenkten britische Flugzeuge die in der Lübecker Bucht vor Anker liegenden und für Truppentransporter gehaltenen Schiffe. Mehr als 7000 Häftlinge aus 24 Nationen fanden den Tod, nur etwa 200 konnten sich retten.

1945/46 Aufbau der VVN-Organisation in Hamburg.

1946 Engagement als Schauspieler an den Hamburger Kammerspielen (Leitung Ida Ehre); zahlreiche Rollen, u, a. Hauptrolle in Sternheims „Bürger Schippel“, Kabarettdirektor in der Uraufführung von Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ Mitwirkung an Hörspielproduktionen und an Filmen (u. a. in jenen Tagen“, Regie Helmut Käutner, „Hafenmelodie“, Regie: Hans Müller)

1949 Engagement am Berliner Ensemble; zahlreiche profilierte Rollen, u. a. Matti in „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ (Regie: Erich Engel/Bertolt Brecht); Feldprediger in „Mutter Courage und ihre Kinder“ (Regie Bertolt Brecht); Titelrolle in „Don Juan“ (Regie: Benno Besson); Großbauer Grossmann in Strittmatters „Katzgraben“ (Regie: Bertolt Brecht).
Erste Filmrolle bei der DEFA: Motes in „Der Biberpelz“, (Regie: Erich Engel).

Seit 1956 fast ausschließlich für Film und Fernsehen tätig, daneben auch Hörspiel- und Schallplattenproduktionen. Erwin Geschonneck profiliert sich zu einem der populärsten Charakterdarsteller in Film und Fernsehen der DDR, Hauptdarsteller in „Sonnensucher“ (1958, Regie: Konrad Wolf); „Gewissen in Aufruhr“ (1961, Regie Günther Reisch/Hans-Joachim Kasprzik); „Nackt unter Wölfen“ (1963, Regie: Frank Beyer); „Karbid und Sauerampfer“ (1964, Regie: Frank Beyer); ,Asta, mein Engelchen“ (1981, Regie: Roland Oehme); und viele andere Rollen.
Umfangreiche gesellschaftliche Arbeit, so im Kampf um die Befreiung des westdeutschen Antifaschisten Emil Bechtle; im Präsidium des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR; in Jurys internationaler Filmfestspiele.

1969 Wahl zum Ordentlichen Mitglied der Akademie der Künste der DDR, Sektion Darstellende Kunst.
Zahlreiche Auszeichnungen, darunter mehrere Nationalpreise


Geschonneck und ich

Weiß der Teufel, weshalb mich die Leute mit Geschonneck verwechseln! Eine Weile glaubte ich, es läge an unseren Bärten. Dann ließ sich Geschonneck seinen Bart abrasieren, und ich blieb erst recht Geschonneck.
Ich kann Bücher und Bücher schreiben, Romane, Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke, ich bleibe Geschonneck, Sobald ich mich auf den Straßen einer Kleinstadt blicken lasse, bleiben die Leute stehen, Radfahrer, sogar Autos halten an. „Sind Sie’s oder sind Sie’s nicht?“
Ich sage sofort: „Ich bin es.“
„Wirklich nett, daß Sie unsere Stadt beehren!“
„Ich sah, es gibt hier Sauerkraut.“
„Die Rolle als Petershagen haben Sie wunderbar gespielt.“
Ich sage: „Und die Rolle als Knecht Matti in Brechts Puntila vielleicht nicht? Und den Großbauer in Strittmatters Katzgraben?“
Die Leute zucken mit den Schultern; das ist schon zu lange her.
In Lokalen und auf Untergrundbahnstationen der Hauptstadt werde ich um Autogramme gebeten. Ich gebe reichlich und gern: Erwin Geschonneck. Ich sprach mit Geschonneck darüber. Er sagte: „Das tust du?“
Ich sagte: „Es fällt mir schwer, die Leute zu enttäuschen.“
„Aber das ist ja Urkundenfälschung!“
„Eine halbe nur“, sagte ich, „denn ich heiße zu allem auch Erwin.“
Ich nahm mit Geschonneck an einer Veranstaltung in Zörbig bei Bitterfeld teil, auf der Künstler gezeigt wurden. Der gemütliche Teil der Veranstaltung wurde mit Tanz umrahmt. Geschonneck saß auf einem Barhocker an der Theke. Ich leider nicht, Ich wurde getanzt. Eine Dame holte mich, und ich wußte sofort, daß ich wieder Geschonneck war, und versuchte mich zu retten: „Aber ich tanze so gut wie ganz schlecht“, sagte ich.
Die Dame aber sagte: „Herr Geschonneck, sind Sie still, ich habe Sie doch im Film tanzen sehn.“
Ich sagte: „Aber im Film hatte ich andere Bedingungen; es wurde Schmierseife aufs Parkett gebracht.“
Die Dame lachte, weil ich Geschonneck und so geistreich war. Sie bekam zu spüren, daß ich nicht tanzen kann, doch es machte ihr nichts aus, und es war ihr direkt angenehm, daß ich ihr die schönen Trommler-Schuhe betrat.
Eine Zeitlang trug ich mich mit dem Gedanken, zum Film zu gehen. Ein Bekannter riet ab, es sei mit dem Film bei uns nicht mehr recht was los. Er empfahl mir, zum Fernsehn zu gehen, Das wollte ich wieder nicht, weil man beim Fernsehn spielen kann, wie und was man will, ohne nicht gelobt zu werden; wenigstens in den Rezensionen unserer Zeitungen, Ich aber benötige Kritik.
Nur einmal konnte ich in meiner Laufbahn als Geschonneck einen kleinen Erfolg erringen. Es war in der Pause einer großen Konferenz, und die Teilnehmer standen in Gruppen auf den Gängen. Ich stand mit Geschonneck zusammen in einer Gruppe. Zwei Mädchen aus der Freien Deutschen Jugend steuerten auf uns zu. Geschonneck sah sie herankommen, und auch ich sah sie herankommen, und Geschonneck behauptete: „Die wollen natürlich ein Autogramm von mir.“
Die Mädchen gingen tatsächlich auf Geschonneck los. „Dürfen wir Sie einen Augenblick stören, Herr Strittmatter?“
Ich verschwand sofort hinter einer Säule und ließ Geschonneck einmal Strittmatter sein. Und die Mädchen fragten, noch ehe Geschonneck richtigstellen konnte: „Weshalb behandeln Sie die Frauen in Ihrem letzten Roman so schlecht?“
Das gönnte ich Geschonneck. Es war eine kleine, schmutzige Rache, die Rache des Mannes im Schatten.
Aber das ist lange her. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, Geschonneck zu sein, und meinen Namen habe ich fast vergessen.
Aber, wie das so ist, manchmal drängt sich das, was man einmal gewesen ist, doch wieder boshaft-eitel nach vorn, und ich sage den Autogrammjägern: „Ich bin zwar nicht Herr Geschonneck, aber ich spiele die schwierigen Sachen in seinen Filmrollen.“
„Dann sind Sie also der, der für Geschonneck vom Pferd stürzt wenn im Film geritten wird?“
„So was Ähnliches“, sage ich.
Und siehe da, die Leute wollen trotzdem ein Autogramm von mir, und ich schreibe: „In Dankbarkeit Erwin Strittmatter“, und ich sehe, daß sich die Leute freuen, weil das Autogramm eines Mannes, der sich die Knochen nicht bricht, wenn er vom Pferd fällt, auch nicht zu verachten ist.

Erwin Strittmatter
(aus „Schulzenhofer Kramkalender“)
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Die Ballade vom Förster und der schonen Gräfin
(aus: Herr Puntila und sein Knecht Matti)
von Bertolt Brecht, Musik: Paul Dessau
aufgenommen 1981

Die Besteigung des Hatelmaberges
(aus: Herr Puntila und sein Knecht Matti)
von Bertolt Brecht
Puntila: Erwin Geschonneck
Regie: Jürgen Schmidt
aufgenommen 1981

Wie Gottlieb Grambauer den Pastor in Verlegenheit brachte
(aus: Die Gerechten von Kummerow)
von Ehm Welk
Regie: Theodor Popp
aufgenommen 1966

Das Lied von der Aussichtslosigkeit menschlichen Strebens
(aus: Die Dreigroschenoper)
von Bertolt Brecht, Musik: Kurt Weill
aufgenommen 1981

Kabale und Liebe, 1. Aufzug, 6. Auftritt
von Friedrich Schiller
Präsident: Erwin Geschonneck
Ferdinand: Horst Drinda
Regie: Erich Alexander Winds
aufgenommen 1962


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Bericht vom Untergang des KZ-Schiffes „Cap Arkona“
von Erwin Geschonneck
aufgenommen 1979

Ein älterer, aber leicht besoffener Herr
von Kurt Tucholsky
Regie: Jürgen Schmidt
aufgenommen 1981

Das Lied vom Heidegrab
Folklore, Satz: Improvisation
aufgenommen 1981

Das Magyarenschloß
Folklore, Satz: Improvisation
aufgenommen 1981

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Leser, Gesang: Erwin Geschonneck

Akkordeon: Norbert Lange; Violine: Otto Karl Beck

Dramaturgische Mitarbeit: Günther Agde, Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt