Aus Volkslied-Übersetzungen und „Adrastea“

von Johann Gottfried Herder
LP LITERA 8 65 253
Covertext:
Ohne den konventionell ausgearteten Umweg über ein fiktives Griechentum nötig zu haben … faßte er, der geniale Seher, die wirklichen Völker, die vor ihm niemand gleich eindringlich nach dem Geiste geschaut und beschrieben, eingereiht und gedeutet hatte, zur wirklichen Menschheit zusammen.

Arnold Zweig, Notiz über Herder, 1921


Das Wesen des Liedes ist Gesang, nicht Gemälde: seine Vollkommenheit liegt im melodischen Gange der Leidenschaft oder Empfindung, den man mit dem alten treffenden Ausdruck Weise nennen könnte …
Auch beim Übersetzen ist dos schwerste, diesen Ton, den Gesangton einer fremden Sprache, zu übertragen, wie hundert gescheiterte Lieder und lyrische Fahrzeuge am Ufer unsrer und fremden Sprachen zeigen …

Herder in der Vorrede zum II. Teil der Volkslieder, 1779


Sie wissen aus Reisebeschreibungen, wie stark und fest sich immer die Wilden ausdrücken. Immer die Sache, die sie sagen wollen, sinnlich, klar, lebendig, anschauend, den Zweck, zu dem sie reden, unmittelbar und genau fühlend, nicht durch Schattenbegriffe, Halbideen und symbolischen Letternverstand (von dem sie in keinem Worte ihrer Sprache, da sie fast keine abstracta haben, wissen), durch alle dies nicht zerstreuet, noch minder durch Künsteleien, sklavische Erwartungen, furchtsam schleichende Politik und verwirrende Prämeditation verdorben – über alle diese Schwächungen des Geistes selig unwissend, erfassen sie den ganzen Gedanken mit dem ganzen Worte und dies mit jenem. Sie schweigen entweder oder reden im Moment des Interesses mit einer unvorbedachten Festigkeit, Sicherheit und Schönheit, die alle wohlstudierten Europäer allzeit haben bewundern müssen und – müssen bleiben lassen …
Wer noch bei uns Spuren von dieser Festigkeit finden will, der suche sie ja nicht bei solchen: – unverdorbene Kinder, Frauenzimmer, Leute von gutem Naturverstande, mehr durch Tätigkeit als Spekulation gebildet, die sind, wenn das, was ich anführete, Beredsamkeit ist, alsdenn die einzigen und besten Redner unsrer Zeit.

Unter 136 Rhythmusarten der Skalden habe ich nur einen, den sangbaren, in Worm näher studiert, und was denken Sie, wenn in diesem Rhythmus von 8 Reihen nicht bloß 2 Disticha, sondern in jedem Distichon 3 anfangähnliche Buchstaben, 3 consone Wörter und Schälle, und diese in ihren Regionen wieder so metrisch bestimmt sind, daß die ganze Strophe gleichsam eine prosodische Runentextur geworden ist – und alles waren Schälle, Laute eines lebenden Gesanges, Wecker des Takts und der Erinnerung, alles klopfte und stieß und schallte zusammen! …

Alle Gesänge solcher wilden Völker weben um daseiende Gegenstände, Handlungen, Begebenheiten, um eine lebendige Welt! Wie reich und vielfach sind da nun Umstände, gegenwärtige Züge, Teilvorfälle! Und alle hat das Auge gesehen! Die Seele stellet sie sich vor! Das setzt Sprünge und Würfe! Es ist kein anderer Zusammenhang unter den Teilen des Gesanges als unter den Bäumen und Gebüschen im Walde, unter den Felsen und Grotten in der Einöde, als unter den Szenen der Begebenheiten selbst. Wenn der Grönländer von seinem Seehundfange erzählt: so redet er nicht, sondern malet mit Worten und Bewegungen jeden Umstand, jede Bewegung: denn alle sind Teile vom Bilde seiner Seele. Wenn er also auch seinem Verstorbenen das Leichenlob und die Totenklage hält, er lobt, er klagt nicht: er malt, und das Leben des Verstorbnen selbst, mit allen Würfen der Einbildung herbeigerissen, muß reden und bejammern … und der Vater, Sohn oder nächste Verwandte fängt mit heulender Stimme an: ,Wehe mir, daß ich deinen Sitz ansehen soll, der nun leer ist!‘

Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker, 1773


Zu dieser LP
Da ist Frühzeit von Dichten. Das erlegt eine stille, weitem Atem Raum gebende Gangart auf. Zu Anfang: der in die Nacht lauschende Sang aus Ossian, der einst stark Sturm und Drang fesselte. Dann, 1 000 Jahre alt, der Skaldensang auf Hako den Guten, ihn preisend zuungunsten des Nachfolgers, der solchen Mut anhören mußte (Schlußwendung). Kühne Metaphern darin, Bildwucht und Dichte der Strophen, kontergegliedert und durchsichtig gehalten durch einen komplizierten Akzentbau aus Stabreim. All das vom Mohrunger gewissenhaft nachvollzogen. Ab da schlägt typische Herder-Prosa Brücke ins Nächste, zeigt den Mann der Wissenschaft, dessen Gedanken Herkunftgegend reflektieren: nach kriegerischem Nord die friedfertigen Gefilde baltischer Region. Die Auswahl griff nach Gebilden großer Gelungenheit. Agrarstadium der Gesellschaft spiegelt sich in ihnen, noch dünn bevölkerte Erde. Stille, wohinein die Verse fallen wie Schnee oder Laub. Immer ist Landschaft zugegen, Wind, Aromen der Gegend und alter Zeit. Die litauischen Dainos der Mädchen oder die estnische Klage über Leibeigenschaft, das archaische Totengedenken des wortkargen Grönländers – Herder erweckt sie zu Klang, als treuer Fährmann, sie ans andere Sprachufer übersetzend. Die soziale Relevanz der Texte wird verdeutlicht. Und wie dem Nachdichter nichts entging, so sollte auch der Hörende um kein Detail geprellt werden. Pausen stiften Muße; ermöglichen, auf Strukturen achtzuhaben und gewähren langsamen Umblick, der fremdwirkende, schöne Einzelheiten erntet: reingestimmte Einfachheit. Nicht, sich darin zu verlieren. Wohl aber wird möglich Seltengewordenes: hörend Ruhe finden. Zu eindringendem Verstehen. Nur zwei Prosa-Parabeln, wie aus plebejischer Sicht Ratte und Richtspruch erwägend, warten auf mit freigelassenem Temperament, rasch erzählter Aktion, Spaß und bedenkenswerter Moral. Zu zeigen: Herder konnte auch dies.
Schwierig, von nur einem Dreitausendstel des Gesamtwerks Licht auf das Ganze zu werfen. Wir begnügen uns, ihn als einfühlsamen Übertrager fremdregionaler anonymer Volksdichtung zu zeigen.

Herder, aus auf menschlicheres Handeln, schritt seiner Mitwelt vor, half sie durch seine Schriften prägen, ein nie ermüdender Anreger. Selbst Abstraktes abhandelnd, fand er aus sich eine blühende Sprache von durchschauender Schönheit, in klaren Sinnfortschreitungen immer Ursache und Wirkung benennend. Das riesige Werk, ganz Welterklärung, weist enorme Vorgriffe auf und Erstsetzungen einer Terminologie, die frisch blieben – eine Fundgrube. Sein Hauptwerk, die ,Ideen …‘, zeigt modellhaft: auch Philosophietext kann sprachlich erquickend sein.

Die Sturm-und-Drang-Revolte gegen Despotie, Philistertum, Regelzwang – als erkannter Unnatur – war Zuschuß des Gefühls zur Verstandesseite der Aufklärung. Jugend um 1770 wollte Selbsterweiterung, aus auf Welt. Menschliche Ganzheit wurde erstrebt. Kunst sollte dem Leben nützen, Ethos des Inhalts wurde betont. Man pries wilde Natur, Empfindbarkeit, Demokratie des Volkslieds.
Da war auch ein Sog aus Nordregion. Nachtschauer, Sturmgewölk, fliegendes Mondlicht, gezauste Wipfel, Gruftkühle: grausiges Draußen nahm die Seelen gefangen. Viel davon fand sich in den Versen des Ossian, alten Bardensängen, die, aus gälischem Sprachzweig des Keltischen stammend, Sagenwelt heraufholten (worin aber der Schotte Macpherson ab 1760 seine eigenen empfindsamen Gedichte als Übersetzung vorzeithafter Funde – Ancient Poetry – ausgab; talentvolle Fälschung, erst 23 Jahre nach Herders Tod entlarvt). Um 1770 nahm zu das Wehen aus Ossianwelt, Archaik, Nordlandschaft, Volkslied und Shakespeare, wie ein anderer Philosoph feststellte. Klopstock, Herder, Goethe und kleinere Genien gerieten in diesen Sog auf eine Zeit. Nicht nur im ,Werther‘ sind Spuren dessen.

Begriffe und Namen
Fingal – König von Marven. Schottland
Ossian – sein Sohn Oisian
Alpin – Barde bei Fingal
Ullin – Fingols Hauptbarde und Waffengefährte Ossians
Carril – Barde
Ryno – Barde, Sohn Fingals (bei Herder Raono)
Selma – Fingols Burg
Hako – norweg. König, genannt der Gute
Gaundul – Totenwählerin, Walküre
Skogul – Totenwählerin, Walkure
Yngua – nordgermanisches Königsgeschlecht
Walhall – Götterhalle, Gefallene aufnehmend
Biärners Bruder – Hako
Haleyger – Halligbewohner
Halmeyger – Holmbewohner
Tyr – siegverleihender Kriegsgott
Bauga – (Von böugurr = biegen; Ringschmuck etc)
Storda – in Westnorwegen
Mühlsteinspalter – Schwertname
Schwertwolkhimmel – poetisch für Schild
Hermoder – Sendbote der Götter, einst Held
Braga – frühester Skalde, deren Gottheit (auch bragi)
Wolf Fenris – verschlang bei Weltuntergang Odin
Skalden – altnordische Dichter-Sänger, priesen in äußerst kunstreichen Stabreimdichtungen Herrscher und gefallene Helden. Eyvind Skaldaspillir (= Tönedieb) schilderte um 960, wie Hako in Walhall empfangen wird.
Adrastea – benannte Herder seine Zeitschrift, die ab 1801 herauskam und reife Zusammenschau enthält. Hevelius war der erste Monderforscher; Hartknoch, Prätorius, Klein, Lengnich, Baczko etc berühmte Gelehrte, Historiker, Forscher im 17, und 18. Jh.
Heruler – Bewohner Jütlands bis 250 n. Chr.
hyperboräisch – Wohngegend der Nordvölker (hyper boreas = jenseits des Nordwinds)
Schlözer – Historiker. Herder zitiert dessen ,Allgemeine nordische Geschichte‘, 1771, S. 244

Die ,Zueignung der Volkslieder‘ an die beiden Adrasteen Wahrheit und Gerechtigkeit, in herrliche Hexameter gefaßt, ist eine poetische Variante des Aufsatzes ,Volksgesang‘ und stammt aus den letzten Lebensjahren Herders. Nur dieser Vers-Text und das hymnische Gedicht an die Ostsee, in das die forschende Prosa dieses Polyhistors mündet, sind Herder-Gedicht, alle anderen Übersetzung.

S. W.
|  Seite 1  |

Erinnerung des Gesanges der Vorzeit, aus Ossian
Fred Düren

König Hakos Todesgesang, skaldisch
Wolfgang Dehler

Als der Norden noch in Dunkel lag …
An die Ostsee, aus Adrastea
Hans-Dieter Lange


|  Seite 2  |

Der versunkene Brautring, litauisch
Evelyn Opoczynski/Gunter Schoß

Der unglückliche Weidenbaum, litauisch
Klaus Piontek

Brautlied, litauisch
Evelyn Opoczynski

Klage über die Tyrannen der Leibeignen, estnisch
Otto Mellies

Fragmente lettischer Lieder, lettisch
Wolfgang Dehler/Gunter Schoß

Totenlied, grönländisch
Klaus Piontek

Zueignung der Volkslieder, aus Adrastea
Otto Mellies

Die Ratte in der Bildsäule, aus Adrastea
Hans-Dieter Lange

Der afrikanische Rechtsspruch
Fred Düren

Aus den Liedern der Madagasker
Otto Mellies
Nachlaß, postum 1807

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Auswahl und Regie: Siegfried Wittlich
Tonregie: Karl Hans Rockstedt