Bauernkrieg 1525
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LP LITERA 8 65 219
Covertext:
Will man den Bauernkrieg als Gipfel und stärksten Ausdruck der deutschen frühbürgerlichen Revolution zeigen, muß der Zustand in Sicht kommen, der Bauernerhebungen hervorrief.
Enorm entwickelte Warenproduktion mündete in zunehmend frühkapitalistische Verhältnisse, die zu der fortbestehenden feudalen Regierungsform in Widerspruch gerieten. Das auf vergangenen Wirtschaftsweisen aufgebaute Heilige Römische Reich deutscher Nation zerfiel. Große Lehensträger verwandelten sich in fast unabhängige Fürsten, je Provinz Zentralisation errichtend. Sie nahmen mietbare Söldnerheere in Dienst und machten so das Rittertum überflüssig, wodurch dieser niedere Adel verkam, den Fürsten seine Selbständigkeit verkaufte und dafür seine eigenen Bauern mit ins Elend riß, indem er sie rigoroser schinden durfte. Der Kaiser, einst Herr über die universaltaatliche Gesamtlage, war selber nur noch eine Art Reichsfürst neben anderen. Die Kirche setzte immer vielfältiger den Finanzhebel an und erwies sich ganz als weltliche Obrigkeit, durchdrang das ganze öffentliche und private Leben und ihr Reichtum nahm zu.
Wirtschaftliche Blüte der Städte – doch sonst politische Ohnmacht durch die Vielzahl der weltlichen und geistlichen Binnenstaaten machte das Reich wie geschaffen zum Ausbeutungsobjekt für Papst und Kaiser. Es war die schwächste der führenden Mächte Europas und wurde mühelos ausgeplündert von der römischen Kurie, die sich seit je auf die ergiebigsten Länder konzentrierte. Sie wurde der allen wahrnehmbare äußere Hauptfeind.
Die tiefe Krise um 1500 betraf Herrschende und Beherrschte. Adel raubte Gemeindeland, in den Städten stritten Zünfte gegeneinander, Patriziate wollten die stadtabhängige Agrarzone kolonisieren, Opposition des Volks gegen die Pfaffen wuchs. Durch derlei vielschichtige Veränderung war zunehmend Erregung in den Volksmassen, wogegen die Landesherren ihre territorialstaatliche Gewalt mehrten. Es kam zu Spaltung, weltliche Fürsten wollten die Besitzungen der geistlichen ihrem eigenen Machtbereich einverleiben und waren auf ein leicht hantierbares einheitliches Untertanenverhältnis aus. Da der Haß auf das Papsttum fast allen Ständen gemeinsam war, kegann der Kampf gegen die katholische Kirche, den größten feudalen Grundherrn, als Kirchenreform.
Die Bauern, durch vermehrte Fronen und Abgaben in Zwangslage, forderten zurück, was sie als Ursassen innegehabt hatten: Gemeinfreie zu sein und die Allmende, allen zur Verfügung. Vereinzelte Aufstände blieben ohne Erfolg. Und ihren ersten Erbietungen zu friedfertigem Vergleich antwortete unbeweglich bleibender Druck, jene „gedichtete Güte“, die Münzer als Schlafgesang an das Volk durchschaute und deren Friede nichts als die statische Diktatur von Unrecht ist. Im Brief an den höchsten Beamten zu Allstedt, den Schösser Zeiß, verwies er darauf; daß die herkömmliche Art der Menschenverwaltung untragbar geworden war.
Vielerorts gingen Prophezeiungen um. Offenbarungshafte Einströmungen, mit Sturz der Ungerechten, Aufstieg der Gerechten, durchdrangen die Massen. Das zuinnerst aufgewühlte Volk, angewiesen aufs Glauben, erwartete Weltende und den messianischen Rächer, der Papst und Kaiser stürzen und das Reich Christi errichten würde, das man sich vage als apostolisch-kommunistisch vorstellte. Unaufhaltsam war der geduldlose Drang zu Realisation des Paradieses. Jesus hatte Eigentum verboten; es schien an der Zeit, das hiesige Leben endlich zu ordnen. Kommunismus, der Anfang, galt auch als Postulat dieser Erwartungszeit: Eintreffen eines endlich brüderlichen Reichs. Seit langem wanderten wie Kundschafter Prediger umher, Lehren in abgelegenste Waldtäler bringend. Prädikanten fanden vorbereitetes Interesse und begierige Ohren. Wer diese hocherregte, noch an ihre Orte gekettete Menge zu Einheit brachte, konnte über regionale Wirkung hinaus Umwälzung unternehmen.
Die deutschen Lande um 1500 waren unterteilt in 350 Territorien. Im Ganzen dieses Gebiets lebten damals etwa 15 Millionen Menschen. 85% davon auf dem Lande. In unsicheren Zeiten gab der Bauer einem Schutzherrn seinen Boden und erhielt ihn als Lehen zurück: ab nun der bewirtschaftende Bauer seines ehemaligen Eigentums. Wer Erbpacht nahm, wurde dem Boden zugehörig. Eine dingliche Abhängigkeit, lösbar nur durch Aufgeben des Hofs. Dem Hörigen waren Grundzins, Abgaben, Dienste auferlegt.
Schärferer Grad feudaler Ausbeutung war die Leibeigenschaft. Sie war bezogen auf die Person. Blieb bestehen auch bei Wegzug in die Stadt oder in fremdes Gebiet. Selten lösbar und nur durch hohe Abfindung an den Herrn. Nahm ein Leibeigener einen Hof in Erbpacht, zahlte er zu den Hörigenabgaben und -dienstleistungen auch noch den Kopf- (Leib-) Zins und bei Todfall das „Besthaupt“. Am Beginn des Feudalismus wurden Naturalabgaben gefordert. Sie gingen nicht über die Konsumfähigkeit der Herrengeschlechter hinaus. So waren denen Frondienste einträglicher. Seit aber Geld regierte, war Akkumulation möglich. Geldrente überbot Produktenrente. Nun wurden ihnen die Abgaben wichtiger als die Fronen. Die Bauern sollten total ausbeutbar werden. Deshalb verwandelte man Hörige in Leibeigene.


Eine Liste der Lasten, herzählend das Maß der Unterdrückung

Abgaben:
Zins – entrichtbar in Getreide, für Landnutzung

Gült – 40% des Rohertrags, bei Verzug doppelte Summe

Küchenzins – Eier, Hühner, Käse, Fleisch an Herrenküche, für Nutzung des umzäunten Hofraums-, später in Geld zinsbar

Wisgeld – Gebühr, wenn die Wiese in Acker umgebrochen wurde (für Gültleistende etwas gemildert)

Besthaupt – bei Tod des Bauern erbte der Herr das beste Stück (Vieh, Kleidung, etc)

Kopfzins – jährlich eine Henne oder einige Schillinge an den Leibherrn

An- bzw. Abfahrt – 5%, zog einer zu oder weg

Vogthafer – an den Dienstaufseher, später als Geldsteuer

den 2osten Pfennig – 5% vom Wert aller mobilia et immobilia in Krieg- oder Notzeiten

Besitzänderungsgebühr – 5% vom Wert der Liegenschaften; neben Getreidegült und Besthaupt die drückendste Feudallast. 1/10 des Arbeitsertrages ging an den Klerus

der große Zehnte – Getreide

der kleine – Hanf, Flachs, Obst, Tiere, Erbsen, Linsen, Kraut und Rüben

Heu- u. Wiesenzehnter – meist in Geld zu zahlen

Neubruchzehnter – für urbar gemachtes Land

Ungeld – Zuschlag auf Wein, Bier, Salz, Fleisch

Zapfgeld – jedes 8. bis 12. Maß eines Fasses

Wucherzehnter – städtische Geldleiher hatten Erlaubnis, den Zehnten „auf dem Halm“ zu fordern

Dienste:
gemessene Dienste – auf Zahl oder Art fixiert, etwa: zwischen 4 und 72 Tagen im Jahr auf Herrenland arbeiten, östlich der Elbe an 6 Tagen je Woche

ungemessene Dienste – Inanspruchnahme zu jeder Zeit, somit abhängig von Gnade

Jagdfronen – als Fuhrleute, Treiber, Waffenträger

Spanndienste – große Bauern stellten einen Vierspänner, Kleinbauern (zu zweit oder dritt) einen Wagen. Die Ärmsten leisteten Ablade- und Handdienste

Scharrwerk – Befestigungs-, Schlösser-, Wegebau, Errichten von Dämmen; Fuhrfronen

weitere Erschwernis – Gehorsamzwang bis zu Befehlsnotstand, befohlene Unterwürfigkeit, gnadeabhängig

Bannrechte – da durften nur Gastwirtschaften, Backöfen, Mühlen benutzt werden, die innerhalb der Bannmeile lagen

praktiziertes Recht:
Vogt and Amtmann – meist aus niederem Adel, hatten Befehlsgewalt, Aufsicht über Dienste und den Vorsitz bei niederen Gerichtsfällen; kassierten Strafgelder und durften 50% davon behalten. So waren sie bestrebt, Strafen zu erhöhen, Rechtsfälle zu mehren

Strafen – Kirchenbann (auch bei Abgabeverzug); Kerker, Augenausstechen, Abhacken der Hände, Köpfen, Erhängen

römisches Recht – klarster Ausdruck der Beziehungen zwischen Privateigentümern. Kannte kein Gemeineigentum, römisch-rechtlich geschulte Juristen negierten es

Allmende – die gemeinsam genutzte Brache, Weideland und Gehölz. Feudalherren – gestützt auf römisches Recht, das die Vorwände lieferte – hatten es leicht, die Allmende den Gemeinden zu entwenden. Auch Wälder und Gewässer brachten sie so bequemer an sich.

Der ganze Bau der Feudalgesellschaft lastete auf den Bauern. Diese Unterdrücktesten vor allen hatten Grund, auf Veränderung aus zu sein. Es waren Not und schärfste Ausbeutung als erstes abzuwenden, und so interpretierten sie das „göttliche Recht“ sozial. „Zu gemeinem Nutz“ – dies Wort durchklingt alle ihre Entwürfe.

S. W. 1974
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Wissenschaftliche Erarbeitung, Transkription frühneuhochdeutscher Quellentexte, Auswahl, Musik und Regie: Siegfried Wittlich
,Ausgedrückte Entblößung‘, Artikel der Stühlinger Bauern und Texte von Engels und Meusel, Regie: Jürgen Schmidt

Musikbearbeitung. G. Katzer
Knaben und Mädchen des Philharmonischen Chors Dresden
Leitung: Wolfgang Berger
Herren des Chors der Staatsoper Dresden
Leitung: Franzpeter Müller-Sybel
Orgel: Christoph Albrecht
Schlagwerk: Frank Behsing, Konrad Müller, Bernhard Schmidt

Tonregie: Karl Hans Rockstedt/Horst Kunze
Schnitt: Rita Seddig