Bauernkrieg 1525
Dokumente 2

LP LITERA 8 65 220
Covertext:
Luthers Thesen von 1517 – zu Gelehrtendisput über Mißbrauch des Ablaßwesens und seine finanziellen Hintergründe aufrufend – wurden unter den Bedingungen des brisanten Augenblicks zum Initial-Akt und setzten frühbürgerliche Revolution in Gang. Die 1. Phase, Reformation, einte die Stände gegen Ausplünderung durch Rom, akzentuierte also nationalen Aspekt. Der Papstkirche versetzte er den stärksten Schlag, indem er sie einfach als überflüssig zeigte, 9/10 aller Deutschen standen damals hinter ihm. Doch der bekannte Gang der Dinge zeigt, er bog die Freiheit nach Fürsteninteressen zurecht, seine Reformation blieb eine der Kirche und repräsentierte das von Fürstenmacht abhängige Stadtbürgertum. Nach dem Wartburgaufenthalt bekämpfte er öffentlich die Konsequenzen seines eigenen Anfangs und verstieg sich dahin, gegen die Aufständischen loszuziehen.
Münzer, einst Anhänger des Wittenbergers, verstand unter Reformation ein Umgestalten gerade des irdischen Lebens. Ganz aus sich, ein Verlassener, wuchs er auf, durchlebte Not, doch nahm nichts von anderen. Er sah, Umgestaltung der Welt durchs Volk setzt voraus: Erziehung des Volks zur Umgestaltung. Denn ohne „Entgröbung“, d. h. Wissendmachen des Volks, kein Sturz der Tyrannen. Die Fürstenklasse wurde bald sein Erbfeind; und er ab 1522 der umsichtige, auf Umwälzung drängende Stratege. In der kursächsischen Exklave Allstedt begann er den Gottesdienst zu reformieren, übersetzte vor Luther Bibeltexte, damit der einfache Mensch endlich wisse, wovon die Schrift handelt. Von den Psalmen bevorzugte er die, in denen er seine Aufgabe beschrieben sah und er brachte diese Texte an den Punkt ihrer Anwendbarkeit. Durch seine Verdolmetschung wurden sie hantierbare Argumente. Seine Predigten hatten enormen Zulauf. Von den drei Gipfelschriften Münzers, alle 1524 erschienen, enthält die „Auslegung des andern Unterschieds Danielis“ (Fürstenpredigt) schon viel Geschichtsbild plus Agitatio; die „Ausgedrückte Entblößung des falschen Glaubens …“, philosophisch von ungeheuren Vorwegnahmen, sein theologisches Konzept und revolutionäre Grundlegung; die „Hoch verursachte Schutzrede …“ klare Abrechnung mit Luther. Münzer wirkte durchs Wort, und zwar so, daß es die spontanen Aufstände zunehmend auf allgemeine Umwälzung orientieren half. Ab 1524, sich ganz in den Kampf der Bauern werfend, wurde er Kopf und Gewissen volksreformatorischer Konsequenzen.
Die 2. Phase, Bauernkrieg, zeigt den sozialen Aspekt. Am 6. April 1524 wurden 62 Beschwerdeartikel der Stühlinger Bauern dem Kammergericht übergeben, am 23. Juni begann der Aufstand. Hans Müller von Bulgenbach brachte auf einem Marsch bis Donaueschingen 4 500 dieser Unterdrücktesten in Bewegung, durch die Dörfer ziehend, Anhänger sammelnd. Das war der Anfang. Im Dezember griff die Bewegung auf Oberschwaben über, am Bodensee hatte sich inzwischen der riesige Seehaufe gebildet, 12 000 stark, im Donaugebiet der Baltringer Hauf, 10 000 umfassend. Zentren waren meist die Städtelandschaften im Reich und in 180 Städten waren selber Aufstände. Aus etwa 300 Beschwerden stellte Sebastian Lotzer, bibelkundiger Kürschnergeselle, Ende Februar 1525 die berühmt gewordenen 12 Artikel zusammen. Sie wurden Muster für spätere Beschwerdsammlungen. Der weit radikalere „Artikelbrief“, ab zweitem schwarzwälder Aufstand in Umlauf, enthielt keinerlei Kompromisse, sondern war ein früh voraufgehendes „Friede den Hütten - Krieg den Palästen“. Er bot – auch Herren – Aufnahme in die Vereinigung an, hatte aber für Verweigerer und Abtrünnige den weltlichen Bann parat, der sie isolierte. Mit einzelnen Schindern wurden die Bauern rasch fertig. Vereinsamt liegende Burgen gingen in Rauch auf Von Bodensee bis Harz gab es bald eine lange Reihe von Bauernlagern. Die Aufständischen wollten gegen die Pfaffen ziehn bis nach Rom. Die Bewegung breitete sich über Oberdeutschland aus, von Elsaß bis Tirol, griff nach Franken, Thüringen und ins Erzgebirge über. Ab Mitte April bis Mitte Mai hatte sie ihre weiteste Ausdehnung und stärkste Intensität. Weite Gebiete waren in der Hand der Insurrektoren, nur Bayern blieb fast unberührt, wie auch der Nordwesten. Es gelang nicht, die Erhebungen, mächtige Einzelaktionen, zusammenzufassen in dem zersplitterten Reich. Da waren Ansätze, die ungeschulten Haufen zweckmäßiger zu organisieren, auf das Ziel einer allgemeinen Umwälzung auszurichten, individuellen Terror, Plündersucht, lumpenproletarische Umtriebe von Mitläufern, die dem bewußteren Kern der Haufen zu schaffen machten, abzustellen. Große Erfolge waren Weinsberg, Freiburg. Der Vertrag von Weingarten aber wandelte die Lage, verschenkte den sicheren Sieg und gab dem schwäbischen Bundesheer unterm Truchseß von Waldburg die Möglichkeit, ab nun die oberdeutschen Haufen einzeln auszuschalten oder gar zu vernichten. Truppen Herzog Antons von Lothringen schlugen im Elsaß die Bauern und in Thüringen siegte das Heer Philipps von Hessen über sie. Nach dem späten Tiroler Aufstand endeten mit dem Übertritt des praxiserfahrenen Gaismair auf venezianisches Gebiet am 2. Juli 1526 die Kriegsereignisse.
Die Verbündnisse der Bauern waren Schwurgemeinschaften, organisiert nach dem Vorbild der Schweizer, zuweilen auch der Landsknechte. Feldordnungen regelten das Leben innerhab der Haufen. Sie waren auf Schlösser- und Klostereroberung angewiesen, um Nachschub und Operationsbasis zu haben. Trugen selbstherstellbare Waffen: Kriegssichel, Morgenstern, Spieß, Hellebarde, Schwert, Aus eroberten Adelssitzen stammten Geschütz; doch auch Städte lieferten Kanonen, Munition. Man sagt, auf 100 Aufständische kamen 8 Handfeuerwaffen, auf 300 ein Geschütz. Sie hatten keine Reiterei.
Höhepunkt des Bauernkrieges und seine kürzeste Phase war in Thüringen. Hier war durchdachte Aktion. Münzer, von den oberrheinischen Haufen zurück, bereitete die Anhänger auf die entscheidende Auseinandersetzung mit den Fürsten vor. Im tuchproduzierenden Mühlhausen versuchte er, eine Stadt sozial umzugestalten und ein Modell künftigen Zusammenlebens zu entwickeln. Kirchengut ging hier, statt an die Fürsten, an die Gemeinde; die Ärmsten wurden bedacht, und innerhalb der Möglichkeiten herrschten gerechtere Maßnahmen. Von Mühlhausen wollte Münzer mit starkem Aufgebot gegen die Mansfelder Grafen ziehen, die sich mit geflüchteten Adligen in Heldrungen und Schloß Mansfeld verschanzt hielten. Da hätte er sie alle beisammen gehabt. Danach sollte in einem Heerzug durch ganz Thüringen die revolutionäre Bewegung zusammengefaßt werden, und der Werrahaufe hätte die Erhebung nach Hessen hineintragen können. Das enorme Voransein dieses Mannes ist durch sein Ziel gekennzeichnet: Abschaffen der sozialen Unterschiede zwischen Menschen. Er hatte den Bauern gepredigt, das Ihre zusammenzulegen und forderte vollkommene Gütergemeinschaft, Beseitigung aller Obrigkeit, Reduktion des Gesetzes auf Moralität. Eine Weltrepublik theokratischen Grundtons schwebte ihm vor, funktionierend als klassenlose Gesellschaft. Er hatte das Bergwerkproletariat einbezogen, und wo er zum Zuge kam, spürte man überlegene Taktik, geniale Vorwegnahme. Aber nach der Schlacht bei Frankenhausen und Münzers Hinrichtung erlosch auch in dieser Region der Aufstand. Die Bauern hatten die Hauptlast getragen. Nach ihrer Niederlage waren es vor allem Wiedertäufer, die den Gedanken an soziale Befreiung wachhielten. Unbehaust, hart verfolgt, ihre Gleichheitslehren verkündend und vorlebend, durchzogen sie das Land.

Hier ist die seltene Chance, sehr alte Dokumente – sonst schwer entzifferbares frakturhaft-kalligraphisches Geschling – ohne den Umweg übers Zeichenrepertoire (Schrift) zu Kenntnis zu bringen. Nämlich sozial-historische Auskünfte zugleich als Dokumente frühneuhochdeutscben Sprachklangs hörbar zu machen.
Durchsicht des umfangreichen Materials erwies Zug um Zug: die ursprüngliche Sprachgestalt bot immer die kräftigere, lebenspralle, enorm gestische Lösung. Es ging darum, den unmittelbaren, starken Eindruck der Originale als unverblaßte Authentizität für das Hören zu retten. Die alte Schreibweise, worin diese Gedanken zuerst ans Licht kamen, kann nun gewissermaßen für das Ohr nachlesbar werden. Doch muß ein heutiger Sprecher den Lettern nach eine Fassung vorfinden, die Hürden vermied und ihn instand setzt, den alten Wortlaut fließend zu verlesen, unausgesetzt Durchblicke auf Geschehnisfeld und auf den Sinn der Information freigebend. So mußten die Quellentexte in eine Umschrift gebracht, also transkribiert werden. Der Satz bspw. „Zu eyner forderung der ehre Gottes/vnnd des gemeynen nutzes/thue ich arm man wissen/das yhenige das do kunfftig ist/also das Got wil demuttigen alle Stenden/die dörffer/schlösser/stifft vnnd Clöster vnd wil eynsetzen eyn new wandlung/ynn welcher wird niemand sprechen/das ist meyn …“ – in Hans Hergots Sozial-Utopie – verliert seine einmalige Geprägtheit, Corpus und scharfes Relief, wenn man ihn nur „übersetzt“. Etwa: „Zu einer Förderung der Ehre Gottes und des gemeinen Nutzens weiß ich armer Mann dasjenige, das da künftig ist: also daß Gott alle Stände gleichmachen wird, die Dörfer, Schlösser, Stifte und Klöster, und wird einsetzen ein neuer Wandel, in welchem niemand sprechen wird, das ist mein.“ Die Information wird hier nivelliert, wirkt ungestischer, blasser, „geglättet“. Zu erreichen, daß der Urtext, aus dem Zeit-Aura mitspricht, fließend lesbar wird und dennoch nichts von seinem Ausdrucksprofil einbüßt, hatte diese Strecke Sprachbau im Typoscript der Auswahl so auszusehen: „Zu einer Furderung der Ehre Gottes und des gemeinen Nutzes tue ich arm Mann wissen dasjenige, das do kunftig ist: also daß Gott will demutigen alle Ständen, die Dörfer, Schlösser, Stift’ und Klöster, und will einsetzen ein neu Wandlung, in welcher wird niemand sprechen: das ist mein.“ Es kommt so das Material physischer auf uns. Eben durch den Fremdklang, unüblich gewordene Syntax, Lautstand, schärfere Rhythmik. Die alte Form geht uns nicht ein wie durch Gewohnheit Abgenutztes, sondern fällt auf! Wird, lange außer Gebrauch, frisch und plötzlich selber das Neue, weil Andersartige; läßt mithin aufhorchen. Und das, Dokumente lang, Satz für Satz. Der alte Sprachklang trägt Ereignisfülle, Kampfaktualität, Landschaft unverblaßt in sich und hilft, die Inhalte total zu erfassen. Die Absicht ist immer da am besten erreicht, wo ein Interpret zu plausiblem, sinnfälligem Tonfall fand. Nur wenn ein Wort so unverständlich blieb, daß sein Sinn auch aus dem Umgebungstext nicht hervorging, wurde es ausgetauscht. Wenige Stücke – Text von Celtes, Hutten, Erasmus, Fiskalprokurator, Luther – kamen aus Literaturgeschichte in diese Auswahl, unterlagen also nicht der beschriebenen Prozedur.

Musik, hier sparsam verwendet, gliedert den Ablauf, trennt Geschehnisphasen. Von 98 überlieferten Liedtexten, Bauernkrieg behandelnd, sind nur 2 wirklich Bauernsänge. Denen die Melodie amputiert wurde durch Aufhören der mündlichen Überlieferung. Die anderen wurden von den siegreichen Gegnern der Bauern gesungen, enthalten entstellende Chroniken und münden meist in Zurechtweisen, Auffordern zu Gehorsam, schadenfrohe Losung. Aus solchen Schmährefrains wurde eine kurze Suite hergestellt, singbar von impertinent trompetenden Knabenstimmen, gewissermaßen den Küken der Reaktion, künftigen Ecks und Waldburgs; aus Nachzuchtgebieten und Retorten, worin spätere Staatsbesitzer der Feudalität nachwuchsen. Hinzu ein Verstext des Luther-Gegners Petrus Sylvius, hier in rezitativisch anmutendem Leseton gegen Reformer und Revolutionäre agitierend. Und es ist da Orgelklang, entlegen und infiziert, dessen Einzelstimme 2 Hussitenweisen aufnimmt, denn Hus ist der Ahn der münzerschen Konsequenzen.
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Luther
Wider die reubischen und mordischen Rotten der Bawren 1525
Horst Preusker

Münzer
Hoch verursachte Schutzrede 1524
Horst Drinda

Marx
Über Luther
Norbert Christian

Artikelbrief der Schwarzwälder Bauern 1525
Kurt Böwe

Ottheinrichtagebuch
Kriegsordnung der Bauern am Rhein 1525
Fred Düren

Fries
Enthalten in einer Feldordnung fränkischer Bauern 1525
Ernst Kahler

Hipler
Beratungsplan für den Bauerntag zu Heilbronn 1525
Horst Schönemann

v. Trockau
Rachezug Casimirs von Brandenburg 1525
Jürgen Holtz


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Stadtchronik
Unruhen zu Mühlhausen
Fred Düren

Münzer
An die Allstedter 1525
An die Erfurter 1525
Horst Drinda

Briefabtausch Bauern/Fürsten 1525
Ernst Kahler/Horst Preusker

Hut
Im Verhör, unter Folter, über Münzer zu Frankenhausen 1527
Winfried Wagner

Stadtchronik
Ende Münzers und Pfeiffers 1525
Fred Düren

Georg v. Sachsen
An den Nürnberger Stadtrat 1525
Fred Düren

Hergot
Von der newen wandlung eynes Christlichen lebens … 1527
Winfried Wagner

Gaismair
Landesordnung für Tirol 1526
Kurt Böwe

Karl V.
Dank an den Truchseß Georg von Waldburg 1526
Herwart Grosse

Fugger
Brief an Georg Hegel in Krakau 1525
Horst Preusker

Brecht
Aus dem Lehrgedicht von der Natur des Menschen
Horst Schönemann

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Wissenschaftliche Erarbeitung, Transkription frühneuhochdeutscher Quellentexte und Auswahl: Siegfried Wittlich
Regie: Siegfried Wittlich/Jürgen Schmidt

Musikbearbeitungen: Georg Katzer
Knaben und Mädchen des Philharmonischen Chors Dresden
Leitung: Wolfgang Berger
Herren des Chors der Staatsoper Dresden
Leitung: Franzpeter Müller-Sybel
Orgel: Christoph Albrecht
Schlagwerk: Frank Behsing, Konrad Müller, Bernhard Schmidt

Tonregie: Karl Hans Rockstedt/Horst Kunze

Der Aufsatz verwendet Urteile von Engels, Kamniter, Steinmetz u. a. Wir verweisen auf die reichhaltige Literatur über Bauernkrieg, die zum Gedenkjahr in mehreren Verlagen herauskam oder noch herauskommen wird. Es kann in ihr der Gegenstand ausführlicher behandelt werden als das hier möglich ist.