Begeistert von Berlin
Wilde & zahme Gesänge & dito Prosa
LP LITERA 8 65 077
Covertext:
Das jüngste Theater Berlins heißt „Kleine Komödie“ und befindet sich in der Schumannstraße Nr. 13 – genau in der Mitte zwischen den Kammerspielen und dem Deutschen Theater. Die „Kleine Komödie“ bietet in ihrem behaglichen, intimen kleinen Saal 99 Zuschauern Platz, verfügt aber merkwündigerweise über keine eigene Haustür. Man begebe sich also ins Foyer der Kammerspiele, und dann wird man mit der Nase auf jene Stätte gepflegter und anspruchsvoller Untenhaltungskunst stoßen, welche die Mitarbeiter des Deutschen Theaters mit viel Liebe und Mühe aus einem ehemaligen Probenraum gezaubert haben.

Zauberhaft war auch die Eröffnungsvorstellung, von der unsere Schallplatte einen akustischen Eindruck geben will. Die Berliner – und nicht nur die Berliner – waren schlechthin begeistert von diesem klug, geistreich und witzig arrangierten Querschnitt durch die berlinische Literatur der sogenannten kleinen Form. (Ich verwende absichtlich das Beiwort „sogenannt“, weil das Kurze und Knappe in der Kunst bekanntlich oft mehr Größe offenbart als das Lange und Ausgedehnte.)

Die Auswahl reicht von dem einst wie heute beliebten Volkslied über einen gewissen Bolle, den sich trotz allen Pannen bei seinem Pfingstausflug dennoch „janz köstlich amüsiert“ hat, über nachdenkliche, ironische Kommentane zu den ach so „goldenen“ zwanziger Jahren bis in unsere Gegenwart.

Spaß am Spaß zu haben, ist heute – gerade heute – eine angenehme Sache, die gewissenmaßen einen sozialhygienischen Nutzen mit sich bringt, weil sie das Blut reinigt und die Lebensgeister auffrischt. Aber beim bloßen Spaß ist eine solche Wirkung nur von kurzer Dauer. Anders hier, wo sich der Scherz nicht nun mit der Satire, sondern auch mit tieferen Bedeutung verbindet – und verbündet, selbst in Leo Hellers „Berliner Monitat“ oder Hans H. Zerletts Song über „Die Dame von der alten Schule“: „Bei uns zu Haus verachtet man das Heute, / wir leben einzig in der Tradition. / Wir sind stinkfeine angesehene Leute, / bei uns herrscht noch der gute, alte Ton.“ C. U. Wiesner kommentiert die „goldenen zwanziger Jahre“ rechtens in bissiger Weise („Es war’n ausgerechnet Bananen, / nach denen ihr foxtrottend rieft, / Germanen mit Hakenkreuzfahnen, / sie kamen, derweilen ihr schlieft.“) und trifft so den Ton von Erich Kästner, der auf unserer Platte mit den bitteren Betrachtungen einer Animierdame vertreten ist.

Dann wird der Bogen geschlagen ins Heute. Da hören wir zwei Lieder des unvergessenen „Distel“-Begründers und -Leiters Erich Brehm, in denen auf schöne Weise ein Vorurteil mancher Leute widerlegt wird, nämlich jenes, demzufolge das Berlinische zwar witzig, aber doch grob und ohne Anmut sei. Denkste. Ich lege als weiteres Beweisstück in dieser Sache ein Zitat aus „icke“ von Gisela Steineckert vor: „Mir hat schon mal eena een Kuß jejehm – / det tat mir jut. / Ick möcht mal een Liebsten alleene im Leben, / mit dem hätt ick vielleicht imma Mut. / Und ick war schon der Liebe janz nah – / aba ick war noch nie da.“ Auch Paul Wiens hat ein Liebeslied beigesteuert, das sehr populän geworden ist, und in dem „Der Wind auf der Warschauer Brücke“ eine große Rolle spielt – ein Wind, lokomotivenrauchgeschwängert und demzufolge keine reine Erfrischung. Aber was kümmert das ein Liebespaar?

Den Rahmen des Programms bildet ein populärwissenschaftlicher Vortrag zum Thema „Mein Weg zum Theater“. Wir alle, die wir – zumindest dann und wann – Zeitung lesen, kennen ja die meistens außerordentlich geistreichen Fragen der Leute, welche von Berufs wegen Interviews mit Künstlern veranstalten. Wie kam denn nun jemand zum Theater. Kurz und plausibel ließe sich darauf antworten: indem er zum Theater kam. Wie denn auch sonst? In unserem Fall aber wird das Motto wörtlich aufgefaßt, denn Ernst Kahler erzählt uns, wie er ins Theater geht, durch welche Straßen, um welche Ecken, an welchen historischen Stätten und Kneipen vorbei. Das heißt, an den Kneipen geht er nicht vorbei. Kahler weiß dabei viel über das Berlin von gestern und über das von heute zu sagen, und er tut es mit einem sehr liebenswürdigen Schmunzeln.

Sieht man einmal von den Musikern ab, so ist dies ... Nein, von diesen Musikern kann und darf man nicht absehen, denn die Instrumentalgruppe des Deutschen Theaters ist ganz und gar hervorragend. Und ihr Leiter Olaf Tabbert, von dem die meisten Kompositionen und alle Arrangements stammen, ist gewiß begeistert von Berlin. Ansonsten haben wir es mit einem Zwei-Personen-Prpgramm zu tun.

Von Lissy Tempelhof könnte ich an dieser Stelle mitteilen, daß sie eine erstklassige Schauspielerin ist. Aber wem sage ich das! Jedem hierzulande, der sich für die darstellende Kunst interessiert oder sogar erwärmt, ist das längst bekannt. Überraschend indes für den Hörer dieser Schallplatte wie auch für den Schreiber dieser Zeilen dürfte die Tatsache sein, daß sich Lissy Tempelhof nun auch als eine erstklassige Interpretin von Chansons und Couplets vorstellt. Damit hätte man nicht gerechnet, aber man wird künftig damit rechnen müssen – oder besser gesagt: rechnen dürfen.

Ernst Kahler schließlich ist ein Mann mit vielen Berufen. Er hat Germanistik studiert (was man ihm erfreulicherweise nicht anmerkt, denn er ist ein durchaus kurzweiliger Mensch geblieben). Er ist Schauspieler und Regisseur. Leser der „Weltbühne“ und des „Magazins“ dürften ihn als Schriftsteller von Bedeutung kennen. Als solcher erweist er sich ja auch mit seiner tiefgründig-humorigen Plauderei über seinen „Weg zum Theater“. Da er diesen nicht nur hinreißend formuliert, sondern ebenso interpretiert hat, dürfen wir ihn auch als Conferencier der Sonderklasse einstufen. Außerdem aber und nicht zuletzt ist Ernst Kahler ein wirklicher Berufsberliner. Der bekannte Grafiker Professor Werner Klemke hat vor vielen Jahren – ganz privatim, aber doch nicht nur spaßenshalber – einen „Werner-Klemke-Preis für berlinisches Sprechen und Denken“ gestiftet (dotiert mit fünfzig Mark). Bislang gibt es nur einen einzigen Preisträger: Kahler. Und Klemke dürfte gewußt haben, wem er da die Ehre erwies.

Lothar Kusche
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Entreemusik
Komposition: Olaf Tabbert

Conference

Der Wind auf der Warschauer Brücke
Text: Paul Wiens
Musik: Olaf Tabbert

Frühlingslied
Text: Erich Brehm
Musik: Rolf Kuhl
Arrangement: Olaf Tabbert

Conference

Berliner Moritat
Text: Leo Heller
Musik: Olaf Tabbert

Die Dame von der alten Schule
Text: Hans H. Zerlett
Musik: Olaf Tabbert

Conference


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Die goldenen zwanziger Jahre
Text: Claus Ulrich Wiesner
Musik: Olaf Tabbert

Eine Animierdame stößt Bescheid
Text: Erich Kästner
Musik: Olaf Tabbert

Conförence

Berliner Kinderlied 1950
Text: Erich Brehm
Volkslied
Bearbeitung: Olaf Tabbert

Conference

Hätt ick man lieber
Text: Gisela Steineckert
Musik: Olaf Tabbert

Icke
Text: Gisela Steineckert
Musik: Olaf Tabbert

Conference

... dennoch hat sich Bolle janz köstlich amüsiert
Volkslied
Arrangement: Olaf Tabbert

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Gesang: Lissy Tempelhof
Sprecher der Conference: Ernst Kahler

Nach dem Programm der Kleinen Komödie des Deutschen Theaters
Autor der Conference: Ernst Kahler
Regie: Ernst Kahler
Dramaturgische Mitarbeit: Claus Ulrich Wiesner / Rita Engels

Instrumentalgruppe des Deutschen Theaters
Leitung: Olaf Tabbert
Tonregie: Karl-Hans Rockstedt