Berliner Gassenhauer
Flugblattlieder, Spottverse aus Berlin

LP LITERA 8 65 322
Covertext:
Gassenhauer – dieser magische Begriff erweckt in jedem Berliner, dem geborenen oder gelernten, ein Gefühl des Wohlbefindens. Der Gassenhauer, unsentimental und direkt, respektlos und aggressiv, dieses grobgehauene Großstadtlied von ehedem, mit dessen letzten Nachklängen wir Heutige noch großgeworden sind, scheint in uns selbst zu wurzeln. So, als sei ein jeder von uns Nachfahre jener Kleinbürger, Handwerker, Marktfrauen und Proletarier, die vor 150 Jahren in den Schmelztiegel der preußischen Residenz geworfen wurden.
Aber wir ahnen mehr, als wir wirklich wissen; denn übriggeblieben ist wenig. Uns war klar, daß sich der Berliner Gassenhauer etwa parallel zur Literatur entwickelt hat. Parallel zu einer Traditionskette, die in Berlin in den literarischen Salons beginnt, bei Adalbert von Chamisso, dem französischen Emigranten und preußischen Offizier, der sich als erster deutscher Dichter über die Restauration erhebt and, geprägt vom Witz der französischen Revolutionslieder, den großen Satiriker Beranger übersetzt. Wir sahen den Gassenhauer in jener Tradition, in der Heine und Georg Weerth standen, die die Vormärzlyrik Herweghs und Freiliggraths wie auch die Revolutionsdichtung des geschaßten Professors Hoffmann von Fallersleben ermöglichte, die einen Glaßbrenner hervorbrachte and der später Wedekind, Weinert and Tucholsky folgten. Das Ende der Traditionskette wußten wir beim Lied von den Säckeschmeißern oder beim Stempellied, das Busch und Eisler in dem riesigen, vermieften Berolinakeller am Alexanderplatz Arbeitern vorgetragen hatten. Als wir die Bühne des Chansons betraten, lag das fast vierzig Jahre zurück, und unser Wissen war mehr theoretischer Art. 1971 fanden wir im Reclam-Paperback „Das Arbeiterlied“ von Inge Lammel das „Lied von der Knorrbremse“ und vertonten es. Nachdem es über den Sender gegangen war, bestellte sich der VEB Berliner Bremsenwerke – vormals eben jene „Knorrbremse“ – einen Unischnitt für den Betriebsfunk. Wir hielten das für rein archivarisches Interesse, horchten aber auf, als uns nach Auftritten mehrfach bestätigt wurde: „Die Knorrbremse“ – die kennen wir. Die hieß bei uns früher „die Knochenmühle“ “!
1974 wurde in einem Jugendklub der Gassenhauer „Wilhelm und Sohn“, ebenfalls dem Paperback entnommen, mitgeschnitten. Wochenlang hielten sich „Wilhelm und Sohn“ in der Jugendliedparade. Das schrieben wir dem Text zu, dem Selbstbewußtsein, das sich hier vermittelte. Bis wir im selben Jahr von der Leiterin der Gewerkschaftsbibliothek des Krankenhauses Friedrichshain gebeten wurden, für die Weihnachtsfeier der Veteranen einige Lieder zu singen. Wohl oder übel traten wir an. Weihnachten war sogar nicht unser Fach. Da saßen sie, 200 ehemalige Heizer, Krankenschwestern, Küche, Wärter, verteilt in eitlem unüberschaubaren Speisesaal. Ich hörte mich sagen: „Ein Lied, das Sie bestimmt alle mitsingen können“. Und ich merkte, daß ich selber nicht an meine Worte glaubte. Aber selbst in den besten Zeiten der Singebewegung hat kein Publikum mit einer solchen Intensität , mit einer solchen Fröhlichkeit
mitgesungen. Einen deutschen Kaiser vom Thron zu kippen, und das zu Weihnachten! Ein untersetzter Mann sagte uns zum Abschied: „Euer Glück, daß ihr die Ebertstrophe rausjelassen habt. Ick hätt euch sonst die Ohren abjerissen!
Als wir einige Tage später dem Betriebsschullehrer Tschackert davon erzählten, singt er gleich los: „O Tannenbaum, o Tannenbaum, der Wilhelm hat in’n Sack jehaun …“ und „Wer nie bei Siemens-Schuckert war ...“, Lieder, die wir bis dato in unserem Reclam-band als Fossile angesehen hatten. Von diesem Tage an haben wir gesammelt, sporadisch zwar, aber doch sehr hartnäckig. Buch um Buch, Beleg um Beleg: Richter, Steinitz, Lammel, Ostwald, Tappert, Böhme, Ditfurth, Kleye …
Wir wollten den Gassenhauer für uns nutzen und verhielten uns zu ihm nicht anders als unsere Vorfahren. Wir suchten uns von den zahllosen Varianten die aus, die uns am besten gefiel, oder wir haben aus mehreren Varianten eine neue gemacht. Wenn Musiken verschollen waren, haben wir respektlos neue verfaßt. Ja, wir haben auch dann neue Musiken geschrieben, wenn wir die alten nicht mehr witzig fanden; wenn zum Beispiel der Witz in einer Parodie lag, die heute keiner mehr versteht. Wir haben an einigen Stellen den Dialekt von dunnemals dem heutigen angepaßt. Aber wir haben nichts idealisiert, eingedenk der Tatsache, daß im Vormärz die kleine preußische Residenz als die schmutzigste Hauptstadt Europas galt, und wir brauchten nicht zu idealisieren, eingedenk der Tatsache, daß Friedrich Engels 1893 bei seiner Rede in den Concordiasälen die Berliner Arbeiterschaft als die bestorganisierteste in Europa bezeichnete: „In dieser Beziehung steht Berlin an der Spitze aller europäischen Großstädte und hat selbst Paris weit überflügelt.“ Wir wollten nüchtern ein Stück Historie der Stadt Berlin nachzeichnen, mit einer Kultur, die bisher kaum oder gar keine Öffentlichkeit hatte.
Wir haben auch mit der Instrumentation nichts idealisiert. Hätten wir dem Klischee entsprochen, wir hätten wohl zur Drehorgel greifen müssen; wir haben ganz darauf verzichtet. Die Leierkastenmänner verfügten über ein minimales Repertoire, viele hatten nur bis zu acht Walzen und sangen bei Bedarf verschiedene Texte über einen Leisten. Die Leierkastenmänner, meist konzessionierte Kriegsinvaliden, wurden vom gesitteten Bürger als Landplage betrachtet, waren aber auch bei ihren Sangeskollegen verpönt. Louise Schulze, als „Harfenjule“ jahrzehntelang Berlins bekannteste „Hofmusikantin“, bezeichnete sie als „kunstlose Gesellen“. Zu den ersten namhaften Sängern des Berliner Liedes, das sich gemeinsam mit dem Berliner Dialekt um 1820 entwickelte – den Adolf Glaßbrenner über zehn Jahre später literaturfähig machte – gehören die beiden Gitarristen Heinsius und Boquet. In den Tanzkaschemmen aber spielten ausrangierte ehemalige Regimentsmusiker, wohl die Vorfahren jener Auswanderer, die nicht einmal achtzig Jahre später in das Gemisch aus negroider Rhythmik, spanischer und italienischer Melodik den deutschen Militärmarsch einbrachten, um das Ganze zu jenem Konglomerat zu stilisieren, das wir heute als Jazz kennen. Uns lag viel daran, beides zu reproduzieren: Gitarre und Blech. Das bestimmte auch die Auswahl der Musiker für diese Platte: klassisch ausgebildete Leute, die in verschiedenen Stilistiken und allesamt im modernen Jazz zu Hause sind, dort sogar als renommierte Solisten oder Bandleader, und die – soweit Bläser – alle auch das betrieben haben, was man landläufig als Blasmusik bezeichnet.
HC Wroblewsky
Berlin, Juni 1981
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Seine Majestät, der König
Text überliefert
Melodie: Der preußische Präsentiermarsch
Satz: C. Wroblewsky

Friedrich der Große, Friedrich der Kleine
Text überliefert

Als Napoljonn Bonaparte
Text überliefert
Melodie und Satz: C. Wroblewsky

Wenn ick’n Schnaps jetrunken habe
Text überliefert

Der Berliner Dischbraziohns- oder Sanfter-Heinrich-Walzer
Text und Melodie: Crazel
Satz: C. Wroblewsky

Wat denn, handelste immer noch mit Sand
Text: A. Glaßbrenner

Die Väter haben Sand jekarrt
Text überliefert
Melodie; Luther (1535)
Satz: C. Wobtewsky

Vom Räsonnieren
Text: A. Glasbrenner

Lied vom Bürgermeister Tschech
Textmontage aus überlieferten Fassungen
Melodie und Satz: C. Wroblewsky

Heil Dir im Siegerkranz
Originaltext von Harries und Schumacher
Parodierter Text überliefert
Melodie: Henry Carey
Satz: C. Wroblewsky

Von der Konstitution
Text: A. Glaßbrenner

Michel, warum weinest du?
Text: wahrscheinlich Glasbrenner
Melodie: Österreichisches Volkslied
Satz: Chr. Theusner

Haben Sie nich warten jelernt und
Mathematische Aufgabe
Text: A. Glaßbrenner

Die Barrikadenkämpfer an die Nationalversammlung
Text: Anonymes Flugblatt von 1848
Melodie: C. Wroblewsky
Satz: Chr. Theusner

Komme doch, Prinz von Preußen
Text und Melodie überliefert
Satz: C. Wroblewsky

Vom Haufenmachen
Text: A. Glaßbrenner

Immer’n bißken zurück
Text: A. Glaßbrenner
Melodie: Volksweise von 1813
(Krähwinkler Landwehr)
Satz: C. Wroblewsky, G. Schwark

Ju’n Abend, Herr Schutzmann
Text: A. Glasbrenner

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen
Text: H. Heine
Melodie: C. Woblewsky
Satz: Chr. Theusner

In Amerika, da is Freiheit
Text: A. Glaßbrenner

Rippenspeer und Sauerkohl
Text anonym
Melodie und Satz: C. Wroblewsky

Vom Pflasteraufreißen
Text: A. Glaßbrenner

Besänftigungswalzer
Text und Musik: A. Tivoli
Neufassung: C. Wroblewsky


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Die demokratische Kartoffel
Text: H. Heine

Mutter, der Mann mit dem Coaks is da!
Text überliefert
Musik nach K. Millöcker
Neufassung: C. Wroblewsky

Von Jottes und you Rothschilds Jnaden
Text: A. Glasbrenner

Lampenputzer ist mein Vater
Text überliefert
Melodie: P. Hertel
Satz: C. Wroblewsky

Dit is ja ’ne recht nette Jeschichte
Text: H. Zille

In Berlin im Friedrichshainchen
Text und Melodie überliefert
Satz: Chr. Theusner

Een Sechser die laufende Maus
Überlieferte Ausrufe von Marktfrauen

Du kannst mir mal für’n Sechser
Text und Melodie überliefert
Satz: Chr. Theusner

Von die reichen Leute
Text: H. Zille

Herr Leutnant, Herr Leutnant
Texte überliefert
Melodie: J. Schrammel
Satz: C. Wroblewsky

Kleiner Kaisermarsch
Text: Adelheid Grieben

Hinaus in die Ferne
Originaltext: Methfessel,
Parodien überliefert
Melodie: Methfessel
Satz: C. Wroblewsky

Gestern noch von Gottes Gnaden
Text: A. Glaßbrenner

Wilhelm und Sohn
Text und Melodie überliefert
Satz: C. Wroblewsky

Mang uns Mang
Text überliefert

O Tannebaum
Text und Melodie überliefert
Satz: C. Wroblewsky

Wo läßt’n immer taufen?
Text: A. Glaßbrenner

Wer nie bei Siemens-Schuckert war
Text überliefert
Melodie aus dem Hoch- und Deutschmeistermarsch
Satz: C. Wroblewsky

Woraus die Armut entspringt
Text: A. Glaßbrenner

Lied von der Knorrbremse
Textanonym
Musik: C.Wroblewsky

Berliner Wind, Spandauer Wind
Text überliefert

Jetzt spiel’n wa Friedrichstraße und
Wo steckt denn dein Bruder?
Texte: H. Zille

Berliner Bummler
Text und Melodie überliefert
Satz: Chr. Theusner

Von der bestehenden Ordnung
Text: A. Glaßbrenner

Wo der Teufel sitzt
Text: F. B. Dörbeck

Stempellied
Text: David Weber
Musik: Hanns Eisler
Satz: Chr. Theusner

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Gesang, Sprecherin: Helga de Wroblewsky

Programmredaktion und -einstudierung: Clement de Wroblewsky
Gitarre: Christoph Theusner, Clement de Wroblewsky
(„Rippenspeer …“, „Wilhelm und Sohn“)
Trompete: Andreas Altenfelder
Posaune: Hermann Anders
Tuba : Georg Schwark

Wortregie: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Aufgenommen 1981