Bürger, schützt eure Anlagen
Satirische Sätze aus dem Nachlaß vom Roten Paul


von Peter Ensikat und Wolfgang Schauer

LP LITERA 8 65 400
Covertext:
Das Kabarett-Stück (Stück in Stückchen oder was auch immer) „Bürger, schützt eure Anlagen oder wem die Mütze paßt – satirische Sätze aus dem Nachlaß vom Roten Paul“ hatte am 13. Juni 1980 in der Dresdner „Herkuleskeule“ Premiere. Es war ein großer Abend des Kabaretts. Die Keulenleute spielten wie die Götter, und das Premierenpublikum reagierte dementsprechend göttlich. Und rehabilitierte das Premierenpublikum in aller Welt, das als zugeknöpft und klatschfaul gilt. Im Zuschauerraum war es ungeheuer heiß, und das bißchen Sauerstoff schon vor der Pause weggesogen. In der Pause fragte man sich dann, wie es weitergehen solle. Es ging weiter. Erfrischung kam reichlich von der Bühne. Man blies, um mit dem unvergessenen Erich Brehm zu sprechen, virtuos auf der erfrischenden Trompete der Satire.
Die Aufführung setzte Maßstäbe. Dreiunddreißig Bühnen, Theater und Kabaretts unseres Landes haben seitdem nach ,Pauls Mütze‘ (so in Kurzform) gegriffen. Manchem Theaterintendanten mag das Stück willkommener Ersatz für fehlende Gegenwartsdramatik gewesen sein, manchem Kabarettdirektor über Textsorgen hinweggeholfen haben. Gleichviel. Mit diesem Stück gelang, was keinem Kabarettprogramm zuvor gelungen war: ein Publikum mit einer fünfstelligen Zahl zu erreichen.
„Pauls Mütze“ erwies sich als ein großer Wurf. Kabarett mit einem positiven Helden, der streitbar die gesellschaftlichen Ideale vertritt – wie soll das auf der Kabarettbühne gehen? Hier geht es – dank des Kunstgriffs, den Helden Paul nur erzählt ins Spiel zu bringen, vertreten durch seine Mütze, anwesend mit seiner Biographie und vor allem mit seinen „Idealen“. Sie werden zur Meßlatte für Moral und Unmoral. Nein, das ist kein positiver Held langweiligen Durchschnitts. Das ist einer, für den man sich gern entscheidet, nach dessen Idealen man zu leben bereit ist. (Sein schwerster Fehler wurde erst viel später als richtungsweisend erkannt.) Eine Identifikationsfigur in Abwesenheit. Wer würde nicht solche Pauls kennen. Wer würde sich nicht zu ihnen bekennen.
Jetzt, da diese Platte erscheint, ist „Pauls Mütze“ etwa sieben Jahre alt, und mancher wird fragen: Ist diese Mütze nicht inzwischen abgewetzt und ein bißchen aus der Mode gekommen? Nur noch Kabarettgeschichte? Ein gutes Stück als Museumsstück? Kabarett-Museum (im Museum) ist erst wieder im Jahre 2081 dran, wenn wir 200 Jahre Kabarett feiern. Die Platte beweist wohl am besten, daß die Zeit das Opus nicht überholt hat. Was nicht gegen die Zeitläufe und ihre langsame Gangart spricht. Was vor allem für die Autoren Peter Ensikat und Wolfgang Schaller und ihr Kabarettverständnis spricht. Sie verplempern sich nicht mit ihrer Kritik an kleinen Gegenständen. Sie halten es mit Aristophanes. Sie gebrauchen ihres Witzes scharfe Waffe, ihre beherzten Vergleiche, bösen Ideen und sehr ernsten Späße, um sich den Widersprüchen unserer Zeit zu stellen. Ihr Feld ist der Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit, der das Spielfeld wirklichen Kabaretts ist. – Wer Späße über Alltagsquerelen als Kabarett ausgibt, betreibt Etikettenschwindel. Er macht bestenfalls „Meckerkabarett“, wie Harms Anselm Perten das wohl nannte. Gutes Kabarett gilt für den Tag und über den Tag hinaus. Es nimmt mit kritischem Blick die negativen Erscheinungen seiner Zeit wahr und mißt sie mit dem Tiefenlot des Philosophen. Die Ruppigkeit einer Angestellten gegenüber einer alten Frau als ein verbürgter Fall, wird hier zum Baustein für eine große Nummer, in der es ebenso gegen Rücksichtslosigkeit und Herzlosigkeit geht wie gegen das Preisen von Selbstverständlichkeiten als gute Taten. Ideal und Wirklichkeit unter diesem Aspekt gesehen.
Peter Ensikat und Wolfgang Schaller sind – auch kabarettistisch gesehen – keine unbeschriebenen Blätter. Beide haben viele gute Texte für das Kabarett geschrieben. Schaller ist seit vielen Jahren Autor der „Herkuleskeule“. Ensikat hat für dieses Kabarett – gemeinsam mit Schaller – inzwischen zwei weitere Programme geschrieben: „Wir sind noch nicht davongekommen“ (1983) und „Auf Dich kommt es an, nicht auf alle!“ (1986). Irgendwo war zu lesen, beide vereine gleicher Sinn, gleicher Mut. Dann wird es ja wohl so sein.
Regisseur der Dresdner Aufführung war Rainer Otto. Der Autor dieser Zeilen hält sie – bei Anerkennung der Qualitäten auch anderer Inszenierungen – für die beste, die dem Stück bisher widerfuhr.

Christian Klötzer
Darsteller: Gisela Grube, Jutta Lange, Werner Knodel, Manfred Schubert, Wolfgang Stumph

von Peter Ensikat und Wolfgang Schauer
Gekürzte Fassung der Aufführung des Kabaretts
„Die Herkuleskeule“, Dresden

Musiker: Horst Eisner; musikalische Leitung, Tasteninstrumente
Peter Blumentritt; Kontrabaß
Friedemann Mütze; Schlagwerk

Komponisten: Hanns Eisler (Lob des Lachens); Horst Eisner (Kantate); Heinz Kunert (Nimm eine Gans weniger); Rainer Lischka (Initiatiefen, Requiem).

Regie: Rainer Otto
Dramaturg der Schallplattenfassung: Dr. Gisela Keller-Oechelhäuser

Musikzitate aus Werken von Beethoven, Bach und Händel.
Im Titel „Alles stinkt“ sind enthalten Zitate aus „Rosmarie vom Schwarzatal“ (Herbert Roth);
„Feierabendlied“ (Anton Günther) und aus Volksweisen.

Vorstellungsmitschnitt.