Chat Noir am Alex
Lieder, Songs, Chansons

LP LITERA 8 65 200
Covertext:
„Chat Noir am Alex“ – ein Nachtlokal, wie das vor 100 Jahren auf dem Pariser Montmartre – nun im Herzen von Berlin? – Nein, – aber eine Platte voll heiterer, spöttischer und besinnlicher Chansons aus einer Quelle und Werkstatt am Alexanderplatz, einem Treffpunkt singender Schauspieler! – Der schwarze Kater „Murri“ kennt alles genau und schnurrt vergnügt: Seht ihr, auch bei uns haben Chansons ihren „Chat Noir!“


Ob Gedichte nun ein großes oder ein kleines Thema haben, sie sind vollkommen, wenn sie in sich rund und reif sind. So wie dieses Gedicht von Louis Fürnberg:
Wer nicht den Mut hat
traurig zu sein,
wenn ihm traurig zu Mut ist,
der hat auch nichts vom
Sonnenschein,
wenn ihm gut ist.

in sich vollkommen ist. Alle gedanklichen und klanglichen, alle sprachlichen Mittel reichen aus, um die Absicht des Dichters zu erfüllen.

Anders ist das bei Liedertexten, die nicht als Gedichte geschrieben wurden. Man kann sie nicht wie Gedichte vorlesen. Texte für Lieder sind ohne Musik wie Vögel ohne Federn. Sie brauchen die Musik, den Gesang, um vollständig zu sein, um fliegen zu können.

Ein Chanson aber ist ein Gedicht mit Flügeln. Es ist ein Gedicht geblieben und nicht Liedertext geworden und wird gesungen. Einem Gedicht ist nicht anzumerken, ob es sich als Chansontext eignet. Ob jedes Gedicht Flügel vertragen kann, hängt von den Flügeln ab. Wenn es damit fliegen kann, ist ein Chanson aus ihm geworden. Das aber stellt sich erst heraus, wenn es gesungen wird.

Auf dieser Platte sind aus deutschen Gedichten durch die Musik von Chris Baumgarten und durch den Gesang deutscher Schauspieler keine deutschen Lieder, sondern deutsche Chansons entstanden. Das ist ein wenig viel „deutsch“ in einem einzigen Satz, aber das kommt wegen des französischen Wortes „Chanson“, mit dem wir diese Art des Gesanges bezeichnen. In Frankreich weiß jeder, was ein Chanson ist. Deshalb wissen wir auch genau, was wir meinen, wenn wir vom französischen Chanson reden. Alle Welt weiß es genau. Aber fragen Sie mal alle Welt was ein deutsches Chanson ist. Wenn Sie sich müde gefragt haben und die vielen Antworten auf einen Begriff bringen wollen, dann ist das Dilemma da. Seit der Jahrhundertwende gibt es von Wien bis Hamburg und von Zürich bis Berlin eine Menge Komponisten und Textautoren und eine ganze Reihe hervorragender Chansoninterpreten mit einer Fülle von Chansons – aber „das typische deutsche Chanson“ gibt es nicht. Denn jeder hält etwas anderes für das typische, und es ist meist mit dem identisch, was er selbst macht. Das ist auch ganz in Ordnung, weil das deutsche Chanson zwar schon Geschichten, aber noch noch keine Geschichte in dieser Sprache, in dieser Mentalität hat und weil es noch nicht reif geworden ist, als Form. – Weil es also offen ist nach allen Seiten, kann jeder das Seine hinzutragen.

Das tut auch Chris Baumgarten. Auch mit dieser Platte, die, obwohl von einer Komponistin gemacht, viele Möglichkeiten zeigt. Alle Chansons haben eines gemeinsam: Es sind Chansons. Was sie voneinander unterscheidet, sind nicht nur die verschiedenen dichterischen Handschriften und die unterschiedlichen Vortragsweisen der Interpreten. Es sind auch die unterschiedlichen Mittel, mit denen Chris Baumgarten jedem Gedicht die besten Flügel zu geben versucht. Deshalb hat sie sich weder auf ein Thema beschränkt, noch auf eine einzige Art, ein Thema zu sehen. Denn sie schreibt ja nicht nur die Musik für die Gedichte, die sie sich ausgewählt hat, sie hat auch die Regie, in der sie, ist einmal das Chanson mit dem richtigen Interpreten zusammen, auch die treffendste Art des Vortrages erarbeitet. Sie findet immer wieder neue Möglichkeiten des Ausdrucks für das, was sie unter Chanson versteht, weil auch sie der Meinung ist, daß wir es nötig haben, das deutsche Chanson. Und wer diese Platte anhört, hat den Beweis, daß es keinen Bereich unseres gesellschaftlichen Bewegungsraumes gibt, in den das Chanson nicht hineinreicht.

Ihr Studio ist ein Treffpunkt für singende Schauspieler, für Theaterleute und für Mitglieder künstlerischer Hochschulen des In- und Auslandes. Bemerkenswert ist das große Interesse der ausländischen Besucher an unserer Gegenwartsdichtung, an deren Haltung, Inhalt und Aussage und an ihrer politischen Eindeutigkeit. Mancher Besucher macht durch Chris Baumgartens Lieder, Balladen und Chansons die erste Bekanntschaft mit unserer neuen Dichtung und nimmt eine neue Erfahrung mit sich. Nun wird es diese Schallplatte geben, die es leichter machen wird, solche schöpferischen Bekanntschaften zu schließen.

Heinz Kahlau
|  Seite 1  |

Ein Spiel *
Text: Heinz Kahlau
Interpretation: Jessy Rameik

lcke *
Text: Gisela Steineckert
Interpretation: Maria Mallé

Liebeslied * **
Text: Jo Schulz
Interpretation: Helmut Müller-Lankow

Zwischentext

Das Lied vom roten Mond in der Pflaumenschlucht
Text: Jo Schulz
Interpretation: Helmut Müller-Lankow

Ach, mein weißes Bette *
Text: Gisela Steineckert
Interpretation: Maria Mallé

Mit dunkler Brille *
Text: Jo Schulz
Interpretation: Maria Mallé

Fräulein Turandot Berlin **
Text: Jo Schulz
Interpretation: Jessy Rameik

Fremde Traurigkeiten
Text: Heinz Kahlau
Interpretation: Felicitas Ritsch

Auf einmal ging mein Auto aus *
Text: Ins Gusner
Interpretation: Chris Baumgarten

Zwischentext

Schöner Morgen
Text: Sarah Kirsch
Interpretation: Jessy Rameik

Vorschlag *
Text: Heinz Kahlau
Interpretation: Maria Mallé

Bratäpfelweisen *
Text: Gottfried Herold
Interpretation: Jessy Rameik

Zwischentext

Kleines Glück **
Text: Jo Schulz
Interpretation: Maria Mallé

Kompott im Schrank **
Text: Jo Schulz
Interpretation: Helmut Müller-Lankow

Zwischentext

Telecafé
Text: Jo Schulz
Interpretation: Helmut Müller-Lankow


|  Seite 2  |

Jonas
Text: Heinz Kahlau
Interpretation: Helmut Müller-Lankow

Ladislaus und Komkarlinchen *
Text: Peter Hacks
Interpretation: Helmut Müller-Lankow

Vom erwiesenen Nutzen der weiblichen
Schönheit im Klassenkampf

– Den Frauen der Pariser Commune –
Text: Jo Schulz
Interpretation: Jessy Rameik

Zwischentext

Der Säbelkaiser
Text: Peter Hacks
Interpretation: Reinhard Michalke

Das Lied vom braven Herrn Soldaten
Text: James Krüss
Interpretation: Felicitas Ritsch

Zwischentext

Lied von der Eile
Text: Heinz Kahlau
Interpretation: Jessy Rameik

Mittelmaß
Text: Peter Pollatschek
Interpretation: Reinhard Michalke

Sozialistischer Biedermeier
Text: Kurt Bartsch
Interpretation: Reinhard Michalke

Notlösung *
Text: Jo Schulz
Interpretation: Felicitas Ritsch, Reinhard Michalke

Zwischentext

Vorwurf
Text: Heinz Kahlau
Interpretation: Felicitas Ritsch

Gegenwart
Text: Heinz Kahlau
Interpretation: Felicitas Ritsch

Verdiente Pause
Text: Heinz Kahlau
Interpretation: Helmut Müller-Lankow

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Sprecher der Zwischentexte: Reinhard Michalke,
Helmut Müller-Lankow
(vor Nr. 4)

Vertonungen, Einstudierungen und musikalische Gesamtleitung:
Chris Baumgarten
Dramaturgische Mitarbeit: Ilse Loesch
Klavier, Orgel, Cembalo: Rainer Fiedler und
Chris Baumgarten (Nr. 2, 9, 14, 22)
Gitarre und Gitarrensätze: Werner Pauli
Instrumentalgruppe, Arrangements: Norbert Lande
Zwischentexte aus Lyrik und Prosa von: Ludvik Askenazy,
Bertolt Brecht, Louis Fümberg, Heinz Kahlau, Jo Schulz,
Helmut Vetter

Wortregie: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt

Diese Chansons sind erschienen in:
* „Hallo Du“, Hofmeister-Verlag
** „Poesie und Purzelbaum“, Henschel-Verlag