Das äußerst Gefährliche an einer Dogge

von John Stave

LP LITERA 8 65 352
Covertext:
Ein Mann geht in die Kaufhalle, von seiner Frau mit einem Zettel bestens für den Einkauf ausgerüstet: Organisation ist alles! Da hält doch eine von diesen miesen Typen, die wir alle kennen, den ganzen Laden durch Unentschlossenheit, schlechte Einkaufsvorbereitung und so weiter auf. Unser Mann wird eingreifen, aber ihm fehlt eine ganze Kleinigkeit, um Vorbildwirkung ausstrahlen zu können ...
Im allerneuesten Neubau der Gegend, mitten in Berlin, oder auch mitten am Rande von Berlin, geht jemand kassieren unter den Mietern, die sich noch kaum berochen haben, weil da einer gestorben ist, der zu ihnen gehört hätte, wäre er nicht gestorben ...
Krauses erwarten Besuch von Müllers, die aber sind untröstlich, weil ganz kurze Zeit zuvor ihr ein und alles –– also ihr Hund Arthur –– das Zeitliche gesegnet hat, plötzlich und unerwartet, durch einen Verkehrsunfall nämlich, was bei allem Verständnis allein nicht den Trauerflor am Ärmel der beiden erklärt ...
Ein ganz kleiner Mann wird von einer ganz großen Frau am ersten Weihnachtsfeiertag spazieren geführt; wer von ihnen das Sagen hat, ist nach den ersten Sätzen klar, aber da einer der beiden keinen Personalausweis bei sich hat, verteilen sich am Ende die Gewichte ganz anders ...
Was passiert, wenn ein junges Mädchen von einem mittelgroßen Kalb, das sich auf den zweiten Blick als überdimensionale Dogge entpuppt, in ein gut besetztes Abteil für Fahrräder, Traglasten und Hunde der Berliner S-Bahn gezogen wird? Kaum anzunehmen, daß nichts passiert, aber das, was man am Beginn der Szene erwartet, passiert eben nicht ...

Es sind schon ziemlich merkwürdige Begebenheiten, die auf dieser Platte erzählt werden. Bei den meisten Geschichten ist der berlinische Hintergrund unverkennbar, aber es ist vornehmlich der Hintergrund, die Menschen mit ihren Problemen, ihren Physiognomien, ihren Schrullen sind nicht durchweg-unverwechselbare berlinische „Charakterköppe“, wir treffen sie überall.
Der die Geschichten aufgeschrieben hat, liest sie am liebsten und am besten auch selbst. Er heißt John Stave, ist vom Jahrgang 1929 und ein waschechter, sprich gebürtiger Berliner dazu; hat, so weit feststellbar, keine angelsächsischen Vorfahren, weswegen ohne Verrenkung sein Name unbedenklich auf Agave, Enklave, auch auf Ottokar, der Brave gereimt werden darf. Ferner spreche man tunlichst den Vornamen wie Joohn oder Jonn, niemals jedoch wie Dschonn aus (siehe oben).
John Stave erlernte während des zweiten Weltkrieges und danach den Beruf eines Klischeeätzers. Er erlebte als Halbwüchsiger das Inferno des Bombenkrieges, die Hysterie der nazistischen Durchhalteparolen und erfuhr den Einmarsch der Roten Armee in Berlin durchaus als Akt der Befreiung. Aus dieser Zeit stammt ein erster, für die Selbstverständigung gedachter, Schreibversuch des knapp 16jährigen, ein unsentimental und scharfsichtig-skeptisch anmutendes Tagebuch, in dem er Eindrücke und Erlebnisse in seinem Kietz, Berlin-Friedrichshain, beim Niedergang und Ende der Nazi-Herrschaft festgehalten hat.
Ich habe John Stave nicht gefragt, ob und wann er die Lust zur literarischen Arbeit so stark gespürt hat, daß er dann eine sogenannte Laufbahn als Schriftsteller anzutreten sich entschloß. Am Anfang seiner beruflichen Laufbahn nach Abschluß der Lehre stand für den aufgeweckten, politisch engagierten Berliner Arbeiterjungen die Mitarbeit zunächst in der damaligen Zentralverwaltung für Volksbildung unter Paul Wandel und später im von Gerhart Eisler geleiteten Amt für Information. Da dieses Amt der demokratischen Presse in der jungen Deutschen Demokratischen Republik eng verbunden war, nimmt es nicht wunder, daß John Stave Ende 1951 beim Vorgänger des „Eulenspiegel“, der satirischen Wochenzeitung „Frischer Wind“ als Redakteur seinen Einstand gab.
Zeitungs- und Zeitschriftenredakteure sind, wie jeder weiß, nicht nur dazu da, Artikel ihrer Autoren zu redigieren und druckfertig zu machen, sondern auch, und das nicht zu knapp, eigene Beiträge zu schreiben. Da eine satirische Zeitschrift von jeher auch von Glossen, Kurzgeschichten und Feuilletons lebt, hatte Stave genügend Zeit, sich zu erproben. Immerhin hielt er dem Redakteursstuhl zehn Jahre lang die Treue, bis er sich ab 1. Januar 1962 als freiberuflicher Schriftsteller den rauhen Lüften freischöpferischer Tätigkeit aussetzte.
Inzwischen hieß die Zeitschrift, der er diente, längst „Eulenspiegel“. Sie hatte sich seit 1954 einen eigenen Buchverlag zugelegt, dem es nur willkommen war, daß guten Geschichten der Zeitschriftautoren in Buchform, hübsch illustriert, zu etwas dauerhafterem Leben verholfen wurde. John Stave erhielt bald neben Hansgeorg Stengel, Rudi Strahl, Ottokar Domma, C. U. Wiesner, Renate Holland-Moritz, Lothar Kusche und anderen den Status und das unsichtbare Markenzeichen eines Eulenspiegel-Stammautors. Die Unsichtbarkeit dieses Markenzeichens besteht unter anderem in einer seit Jahrzehnten permanenten Unsichtbarkeit ihrer Bücher in den Buchhandlungen. Vielleicht erwischt der eine oder andere eine soeben eingetroffene Neuerscheinung oder eine Paperback-Sonderausgabe, es sei denn, er unternimmt es, sich auf einem der in der ganzen Republik beliebten Buchbasare geduldig in die Schlange der Wartenden einzureihen, um dann immerhin ein Buch mit der Signatur des Autors zu erwerben. Will sagen, John Stave ist zu einem der populärsten Schriftsteller geworden, dessen Begabung für das Komische in all seinen Variationsmöglichkeiten unverkennbar ist. Ganz sicher verfügt er neben einer für jeden Schriftsteller nötigen Beobachtungsgabe über ein erstaunliches Maß an Phantasie, die ihn aus scheinbar harmlosen kleinen Begebenheiten groteske bis zwerchfellerschütternde spektakuläre Vorfälle, ja, wenn der Ausdruck erlaubt ist, komische Katastrophen machen läßt. Immer wieder sind es Menschen wie du und ich, kleine und große Angeber, ehrenwerte Halunken, scheinbar zu kurz Gekommene, nach großer und kleiner Gerechtigkeit Suchende, die mit bissiger Schärfe, liebenswürdiger Ironie und verständnisvollem Lächeln auf die Schippe genommen werden.
Ist schon in der Schreibweise von Stave häufig das Kunstmittel des Understatement feststellbar, so wird der Genuß seiner Texte geradezu vollkommen für den, der sie vom Autor mit betonter Zurückhaltung gelesen hört: Die Geschichten auf dieser Platte werden es zeigen. Sie sind übrigens umrahmt von Kompositionen für drei Fagotte und ein Kontrafagott des dem Eulenspiegel-Verlag eng verbundenen Orchesterleiters, Ein-Mann-Musikanten und Komponisten Henry Krtschil, die –– für diese Geschichten geschaffen –– während der Lesung der Texte uraufgeführt worden sind.

Wolfgang Sellin
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Die Rache des kleinen Weihnachtsmannes
Verpaßte Gelegenheit
Freude für Kropp
Der Tod im Neubau


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Buletten für Hektor
Sensation in Hessenwinkel
Eine Seele von Mensch
Das äußerst Gefährliche an einer Dogge


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Leser: John Stave

Kompositionen und musikalische Leitung: Henry Krtschil
Ein Fagott-Quartett

Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Mitschnitt einer öffentlichen Veranstaltung
Mit Genehmigung des Eulenspiegel-Verlages Berlin