Das Eisenbahnunglück / Das Wunderkind

von Thomas Mann

LP LITERA 8 60 113
Covertext:
Wenn ich behaupte, daß Thomas Mann ein unnachahmlicher, einmaliger und vollkommener Interpret seines eigenen Gedankengutes war, so werden mir gewiß diejenigen zustimmen, die die Ehre und zumindest im gleichen Maße das Vergnügen hatten, ihn bei einem feierlichen Anlaß, so zu Goethes und Schillers Gedenken, oder bei einer Lesung zu hören. Geblieben ist die Stimme, entbehren müssen wir den optischen Eindruck. Und doch vermag diese Stimme eine solche Skala der Gedanken und Empfindungen durch Nuancen und Modulationen auszudrücken und dem Zuhörenden einzuprägen, daß ein Erlebnis seltener und ungewöhnlicher Art entsteht, das den Menschen eigentümlich anrührt und bezaubert. Es mag ein wenig seltsam erscheinen, von Zauber und Bezauberung zu reden, von Eigenschaften also, die gemeinhin als unwirklich, nicht faßbar, schwer oder nicht erkennbar gelten, auf manchen sogar beinahe überirdisch wirken. Nichts von alledem hat hier Daseinsberechtigung, dafür aber jene ganz eigenartige Persönlichkeitswirkung, die von der Gestalt und Geisteshaltung dieses Mannes ausging und ihm im engsten Familien- und Freundeskreis ehrfürchtig und ebenso zärtlich den Beinamen „Zauberer“ einbrachte. Es ist sicher eine Summe an Eigenheiten und Tugenden, eine subjektiv erhöhte Einheit von Geist und Menschlichkeit, die sich in dieser Persönlichkeit offenbarte. Ich scheue mich nicht, dabei auch von dem Charme als einer – in selteneren Fällen – männlichen Eigenschaft zu sprechen, die Thomas Mann besonders eigen war. Und männlich waren sein Geist und seine Gestalt durch und durch. Würde und Selbstbewußtsein verstehen sich bei ihm wie von selbst. Seine Bescheidenheit war von jener Art, die alle Stufen der Unbescheidenheit an sich selbst und an anderen beobachtet und für sich selbst überwunden und zu echter menschlicher Größe gesteigert hatte. Thomas Mann konnte und wollte nicht anders als auf seine Weise die Mitwelt bezaubern, ihr mit Wahrheit und Dichtung unbedingt menschlich bleiben und ihr keinesfalls, wie der Zauberer seiner Novelle „Mario und der Zauberer“, die Selbstbeherrschung über Geist und Willen nehmen.

Die Novellen „Das Wunderkind“ (1903) und „Das Eisenbahnunglück“ (1907) gehören der Frühzeit seines Schaffens an. 1901 hatte Thomas Mann seinen Roman „Buddenbrooks“ mit dem Untertitel „Verfall einer Familie“ veröfentlicht; seine von vornherein feststehende Oberzeugung, daß dieses Werk einen großen Leserkreis finden werde, bewahrheitete sich von Jahr zu Jahr mehr. Der berühmt werdende Autor lebte in dieser Zeitspanne in München einem geregelten Lebensgange nachgehend, der von außen keinen schweren Belastungen ausgesetzt war; ein Ereignis freudigster Art hingegen war die Hochzeit mit Katja Pringsheim im Februar 1905. In dieser Periode einer Lebensweise in einem begrenzten gesellschaftlichen Kreis, der durch Familie und Kunstinteressen bestimmt war, mußten auch dem Blick in die Wirklichkeit Grenzen gesetzt sein. Die ersten Novellen, die der wenig über zwanzig Jahre alte Thomas Mann geschrieben hatte, beschäftigten sich mit Außenseitern der menschlichen Gesellschaft, mit Einsamen, die an der Grenze zwischen endendem Leben und nahendem Tod ihr Schicksal durchleiden mußten. In seinen „Buddenbrooks“ hatte der Dichter dann ein breit angelegtes Bild gesellschaftlicher Zustände, eine realistische Darstellung der bürgerlichen Welt und ihres Zerfalls gegeben. In meisterlicher Reife enthält dieser Roman alle Eigentümlichkeiten des Erzählers und Weltbetrachters Thomas Mann, manches in nuce – in der Nußschale –, anderes ausgeprägt, nur vom Autor selbst wiederholbar. Die Künstler- und Lebensproblematik – die Problematik „des verirrten Bürgers“ charakterisiert sie Lisaweta Iwanowna (in „Tonio Kröger“, 1903) – beherrschte auch die großen Werke der Folgezeit, wenn auch in manchem neu gesehen, anders betrachtet und in vielem bereichert. Daneben nehmen sich die beiden von Thomas Mann hier vorgetragenen Novellen recht unproblematisch und alltäglich aus, und doch hatte der Dichter eine lebenslange Vorliebe für sie: gern und mit vernehmbarer Freude trug er sie vor. („Das Wunderkind“ wurde 1947 und „Das Eisenbahnunglück“ 1954 aufgenommen.) – In der „Mitteilung an die literaturhistorische Gesellschaft in Bonn“ (1907) hat Thomas Mann einen Gedanken Goethes abgewandelt als eigenes Bekenntnis formuliert: „Das Benutzen der Erlebnisse ist mir immer alles gewesen; das Erfinden aus der Luft war nie meine Sache: ich habe die Welt stets für genialer gehalten als mein Genie.“ Dieses Bekenntnis erfaßt vieles zugleich: die tiefe Verwandtschaft in der Welt- und Kunstanschauung, die Thomas Mann mit Goethe und der klassischen deutschen Literatur verband, die Kontinuität in der eigenen realistischen Gestaltungsweise und die Antwort auf die Frage, warum ihm das künstlerische Abbild kleiner Erlebnisse noch nach vielen Jahrzehnten lieb und wert erschien. Und freilich, wer dieses „Eisenbahnunglück“ miterlebt hat, will öfter daran teilhaben, und er kann die Zuneigung des Autors wohl verstehen. Die Geschichte ist wirklich alltäglich: der Dichter unternimmt eine Reise mit einem durchaus gebräuchlichen Verkehrsmittel. Daß dieses gestaltete Erlebnis zu einem solchen Kabinettstückchen geworden ist, mag – eine eingehende Analyse würde es erweisen – viele Ursachen haben. Ich will nur auf zwei hindeuten: zunächst auf die Beobachtungsgabe des Dichters, die die Selbstbeobachtung, die eigene Person, nicht ausschließt. Bewunderungswürdig, wie es ihm gelingt, in seinen kurzen Reisebekanntschaften typische Charaktere seiner Zeit zu erfassen und zu schildern; besonders denke ich dabei an den Schaffner und den „Herrn“. Mir kommt es immer so vor, als ob dieser „Herr“ der, damals berühmten satirischen Zeitschrift „Simplicissimus“ entstiegen sei, deren Münchner Redaktion übrigens Thomas Mann 1898/99 als Lektor angehörte. Zum anderen ist es die für Thomas Mann typische Erzählhaltung, die in diesen Novellen wie in vielen anderen Werken zum Ausdruck kommt. Der Autor als der Erzähler ist von seinem Stoff so weit abgerückt, daß er ihn aus eben dieser Distanz betrachten kann, aber nicht um ihn zu „objektivieren“ – wie Schiller gesagt haben würde – im Sinne ernster, abwägender, vom subjektiven Gefühl entfernter, sachlicher Betrachtung, sondern um mit einer liebenswerten Mischung von Ernst, Scherz, Ironie und Satire gewisse Glanzlichter aufzusetzen und sich dabei mit gelegentlich augenzwinkernder Vertraulichkeit zwischen Dichtung und Publikum zu stellen und sich mit diesem in ein freundschaftliches Einvernehmen zu begeben. In der Novelle „Das Wunderkind“ betrachtet er das Geschehen wie aus der Sicht eines Über-Impressarios. Er scheint alles zu durchschauen: den äußeren Schein der Präsentation und das anmaßende, anspruchsvolle Gehabe der Zuhörer, die eigentlich nichts erregen kann, die nur sich selbst und ihr Urteil bestätigt sehen möchten. Hinter dem Übermaß an Äußerlichkeit spürt der Dichter das Kunstfremde auf. Dieses Kunstgepränge, das dem teilnehmenden Gesellschaftskreis wesenseigen ist, bedarf des Ungewöhnlichen und Absonderlichen, der Sensation, um überhaupt Furore machen zu können. Nachdenkliches mischt sich mit ironischen und satirischen Tönen; daneben jedoch: die Liebe zu dem begabten Kinde – ein Thema klingt auf, das wenige Jahre nach der Niederschrift dieser Novelle im Leben des großen Kinderfreundes seinen gehörigen Platz finden sollte.

Zwei Novellen – zwei kleine Kostbarkeiten realistischer Erzählkunst, die wir schätzen wie des Dichters große Romane, so wie wir Schuberts Impromptus genauso lieben wie seine Sinfonien oder Mozarts spielerisch- heitere Lieder wie seine von Ernst und leidenschaftlicher Größe erfüllten späten Sinfonien, Konzerte und Opern.
Siegfried Seidel
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Leser: Thomas Mann

von Thomas Mann