Das Fest in Coqueville

von Emile Zola
LP LITERA 8 60 012
Covertext:
Emile Zola lebte von 1840 bis 1902. Er ist einer der großen Repräsentanten der realistischen Romantradition Frankreichs, und – sofern man das überhaupt von jemand sagen kann – Nachfolger und Fortsetzer des Werkes von Balzac. Victor Klemperer schrieb über ihn: „So umfaßt Zola alle Gesellschaftsklassen, und er schildert in ihnen verschiedene Berufe und Zustände: den Arbeiter und den Bauern, den Kaufmann, den Spekulanten, den Priester, den Soldaten; das Eisenbahnwesen und die Bergarbeit, das Dirnentum und den Alkoholismus, … Immer geht er von der genauesten Beobachtung der Wirklichkeit aus, immer häuft er Dokument auf Dokument; aber immer steigt er vom Einzelnen zum Allgemeinen empor, symbolisiert das Allgemeine im Einzelnen, geht von Analyse zu Synthese über, von Wirklichkeit zu Phantasie, von Nüchternheit zu Schwärmerei, von Prosa zu Lyrik.“ Die Zeit seiner Romane ist die des zweiten Kaiserreichs (seit 1852, Napoleon III.), das in die Geschichte einging als ein System von besonderer Verkommenheit in seinen herrschenden Klassen, das berüchtigt war wegen Cliquenwirtschaft, Bestechlichkeit, Korruption. Es brach im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zusammen. Frankreich war damals nach England die zweitgrößte Industriemacht der Welt.
Emile Zola wuchs in der Provence auf. Er kam als Achtzehnjähriger nach Paris. Die Reifeprüfung zu bestehen, war ihm nicht gelungen; er suchte darum in unbedeutenden Anstellungen seinen Lebensunterhalt; seinen Vater, Ingenieur von Beruf, hatte er früh verloren. Der junge Emile wird also zunächst Angestellter beim Zoll, dann Lagerist und später Werbeleiter in einem Verlag. Dort lernte er, daß man Literatur auch „machen“ kann, daß ein gutes Werk sich selten in der Stille seinen Weg bahnt. Er hatte jedenfalls Großes vor. Der Zwanzigjährige schrieb an einen Freund, er werde „einen unerforschten Pfad finden und sich aus der Menge der Schreiberlinge seiner Zeit abheben … Denn es ist offensichtlich, daß jede Gesellschaft ihre eigene Poesie hat … Da unsere Gesellschaft noch nicht ihre Dichtung gefunden hat, so würde derjenige, der sie findet, mit Recht berühmt werden.“ Zola war ein unermüdlicher Arbeiter, „Nulla dies sine linea – Kein Tag ohne neue Zeile“ wurde sein Wahlspruch. Heinrich Mann sagte von ihm: „… das Jahrhundert hat keinen aus Arbeit gemachten Ruhm, der diesem gleicht.“ 1867 hatte er es endlich mit seiner „Thérèse Raquin“ erreicht, daß die Kritik auf ihn aufmerksam wurde; auf Publikumserfolg aber mußte er noch lange warten. Im gleichen Jahr schrieb er: „Ich brauche die Menge, bahne mir meinen Weg zu ihr, wie ich kann, und erprobe dieses Mittel, um sie mir gefügig zu machen. Zwei Dinge benötige ich in diesem Moment: das Ohr der Öffentlichkeit und Geld.“
Geld brauchte und bekam er, um sein großes Werk zu schaffen, die „Natur- und Sozialgeschichte aus dem zweiten Kaiserreich“, den 20-bändigen Familien-Roman „Die Rougon-Macquart“ (1871–93). Hier erreicht er jene enzyklopädische Breite, die Victor Klemperer geschildert hat. Ein Roman aus jener Serie ist es, der ihm zehn Jahre nach seinem dringenden Wunsch das Ohr der Öffentlichkeit gewinnt: „Der Totschläger“ (1877). Hier schildert er den Alkoholismus als letzte Station des arbeitslosen Proletariats. Seine große Leistung sollte noch folgen: die erstmalige Schilderung des Industrieproletariats in „Germinal“, das 1885 erschien.
Zola hatte nach einer Theorie, einer Grundlage seiner schriftstellerischen Tätigkeit gesucht, und er glaubte sie nach Kenntnis von Theorien der Vererbungslehre und dem Buch von Bernard „Einführung in das Studium der experimentellen Medizin“ gefunden zu haben. Wie der wissenschaftliche Forscher, so sollte auch der Romancier arbeiten, mit der gleichen Zielstellung: Erforschung der Wirklichkeit. Er prägte die Formulierung „Experimenteller Roman“. Seine Figuren wollte er aus Erbanlage und Milieu erklären, ihre Handlungen sollten darin ihre Beschränkungen finden. Er legte sich damit einen Rahmen an, der zwar nicht ohne nachteilige Folgen auf sein Werk blieb, den er aber oftmals in seinen besten Leistungen selber gesprengt hat.
Zolas Gestalt war dem deutschen Schriftsteller Heinrich Mann das Beispiel für Macht des Geistes – diese Hochschätzung hat sich der Dichter durch sein Eingreifen in die Affaire Dreyfus erworben. Der jüdische Generalstabsoffizier Alfred Dreyfus war 1894 wegen angeblichen Verrats militärischer Geheimnisse verhaftet und zu lebenslänglicher Verbannung in die französische Strafkolonie Teufelsinsel bei Cayenne in Französisch-Guayana verurteilt worden. In die Öffentlichkeit drangen Gerüchte über eine ungerechte Verurteilung, die der von Paris abwesende Zola erst spät erfuhr. 1897 werden ihm Dokumente bekannt, die ihn mobilisieren. Am 5. Dezember erscheint der erste Artikel in Sachen Dreyfus, mit dessen Verurteilung man antisemitische Ressentiments schüren wollte, in deren Schatten die Militaristenclique ihre Kriegsvorbereitungen betreiben konnte. Zola schrieb damals: „Der Antisemitismus ist es, mit dem ich mich jetzt zu befassen habe. Er ist der wahre Schuldige. Wie sehr dieser barbarische Hassfeldzug, der uns um ein Jahrtausend zurückwirft, mein Ideal der Brüderlichkeit beleidigt, mein leidenschaftliches Verlangen noch Toleranz und menschlicher Gleichberechtigung, habe ich bereits auseinandergesetzt. In die Epoche der Glaubenskriege zurückzukehren, die religiösen Verfolgungen wieder aufleben zu lassen, ernstlich zu wollen, daß man sich von Rasse zu Rasse gegenseitig ausrotte – dergleichen ist, in unserem Zeitalter fortschreitender Befreiung, etwas derart Ungeheuerliches, daß ein solches Unterfangen mir wie blanker Wahnwitz vorkommt.“ Es war kein Wahnwitz, die Mächtigen wußten genau, was sie wollten, sie wußten, wie probat das Mittel war, dessen sie sich bedienten. Für diesmal schlug Zola es ihnen aus der Hand. Kurze Zeit nach dem ersten Artikel erschien sein berühmter Offener Brief an den Präsidenten der Republik: „J’accuse – Ich klage an!“. Zola wurde dafür zu einem Jahr Gefängnis und 3000 Francs Geldstrafe verurteilt. Er zog es vor, nach England zu emigrieren. Der solange auf Ruhm und Anerkennung gewartet hatte, warf nun seinen Ruhm in die Wagschale für Gerechtigkeit und Wahrheit. Er entsagte den Bequemlichkeiten, die er im Gefolge hat, und nahm Verfolgung und Schweigen in einem Land mit fremder Sprache auf sich. Aber 1899 kehrte Dreyfus nach Frankreich zurück. Zolas Einsatz hatte Erfolg gehabt, der weit über die Befreiung des Capitaine Dreyfus hinausging.
Eine der schönsten Erzählungen dieses Kämpfers und Moralisten ist „Das Fest in Coqueville“, ein strahlend heller Punkt in seinem großen Werk, voll Heiterkeit und Sinnlichkeit, vom köstlichsten Humor. Seine Liebe zu den armen Menschen zeigt sich in dieser Schilderung der Fischer von Coqueville, die eines Tages aus dem Meer, aus dem sie sooft leere Netze gezogen hoben, Fässchen fischten, kleine Fässchen mit wundervollen, beglückenden Flüssigkeiten. Es gehört zu dem Großartigen der fortschrittlichen Literatur Frankreichs, das wir schon an den Liedern der Großen Revolution bewundern können, daß sie sich auf die Totalität des menschlichen Lebens bezieht, daß unter den Schönheiten des Lebens Genuß und Genießen nicht vergessen sind. Diese Totalität im Werke Zolas hat Anatole France in der Grabrede auf den toten Freund gewürdigt: „Er forderte, daß auf dieser Erde unverzüglich die Menschen in größerer Zahl als bislang zum Glück berufen sein sollen. Er baute auf die Macht des Denkens, auf die Wissenschaft. Er erwartete von der neuen Kraft unserer Epoche, von der Maschine, eine fortschreitende Befreiung der Werktätigen von ihren Fesseln.“
Sprecher: Fred Düren, Ingeborg Medschinsky

von Emile Zola
Übersetzer: Henriette Dévidé