Das Glas Wasser

frei nach Eugene Scribe

LP LITERA 8 60 105
Covertext:
Der Name Eugene Scribes (1791 bis 1861), des routinierten und zu seiner Zeit erfolgreichen Stückeverfertigers, wäre heute – abgesehen von der Zunft der Literarhistoriker – kaum noch jemandem geläufig, gäbe es da nicht jenes Lustspiel aus seiner allzu flinken Feder, das sich im Repertoire großer und kleiner Bühnen noch immer mit der Aufführungshäufigkeit von Klassikern messen kann: „Ein Glas Wasser“.

Die Hartnäckigkeit, mit der sich dieser leichtgewichtige Theaterspaß nun schon über fünf Generationen hinweg am Leben erhält, beweist denn doch, daß sein Autor, neben der zu Recht vergessenen Serienproduktion, wenigstens einmal seinem Publikum etwas mehr zu bieten wußte: die historische Komödie mit zeitgeschichtlicher Bezüglichkeit.

Freilich, den saturierten Zeitgenossen der Restaurationsepoche, die sich das „Enrichez vous“ (Bereichert Euch!) zur Lebensmaxime erkoren hatten und nun Parkett und Ränge füllten, mochte das geschichtliche Gleichnis kaum aufgehen. War Scribe doch auch Opportunist genug, ihnen in der Gestalt des so erfolgreichen Bolingbroke jene Gestalt zu präsentieren, mit der sie sich, ihren bürgerlichen Wunschträumen nachhängend, identifizieren konnten und es auch – allzu bereitwillig – taten. Und was ist das für ein Teufelskerl, dieser Bolingbroke! Von messerscharfem Intellekt, voller aggressivem Witz, mit tollkühner Respektlosigkeit wirbelt er zur Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges im eben angebrochenen 18. Jahrhundert den Londoner Königshof durcheinander. Er, „Journalist und Vertreter der Opposition“, durchschaut natürlich das Ränkespiel, das die ehrgeizige Herzogin von Marlborough mit der jungen, hübschen, aber willensschwachen Königin Anna treibt. Er sieht, wie sie mehr und mehr Werkzeug der durch die Marlborough repräsentierten Kriegspartei wird. Ist das Kriegsgeschäft, das der Herzog von Marlborough in Frankreich betreibt, doch nicht nur recht einträglich, sondern hält auch den kriegerischen Gemahl zugleich in gebührender Entfernung, so daß sie ihren amourösen Abenteuern recht ungestört nachgehen kann. Wie Bolingbroke an der Spitze der so ganz und gar nicht uneigennützigen Friedenspartei nun listenreich den Knoten der Intrige schürzt, wie er die gleichzeitige Neigung der Königin und der Herzogin zu dem hübschen Gardeoffizier Masham nutzt, die verhaßte Rivalin mit Hilfe eben jenes Requisits, das dem Stück den Namen gab in einem mehr tragikomischen als dramatischen Auftritt bloßzustellen – das ist schon eine Meisterleistung diplomatischer Perfidie. Auf dem Plan bleibt Lord Bolingbroke, dem Masham im Duellsieg über seinen reichen Vetter Richard Bolingbroke so ganz nebenbei Mittel und Titel zu verschaffen wußte, und der sich nun – Ministerpräsident und Retter der fast kompromittierten majestätischen Ehre – auch als Ehestifter beweisen kann, indem er den tapferen, aber lebensunerfahrenen Gardeoffizier der von ihm brennend geliebten, rührenden Abigail, einer entfernten Verwandten der Marlboroughs, zuführt. Das über all den Wohltaten mit der Beendigung des unseligen Krieges auch eine fürs einfache Volk herausspringt, sei nur am Rande bemerkt.

Helmut Käutner, seit jeher mit sicherem Griff für publikumswirksame Stoffe, hat sich dieses Nichts von einem Lustspiel unbekümmert für seine Zwecke zurechtgeschneidert, behutsam aktualisiert und um einige Songs und Chansons mit eigenen Texten erweitert. Er tauchte das Ganze in Farbe, und so entstand ein schwerelos-heiterer Film, der auf seine, auf liebenswürdig-verbindliche Art nicht vergessen läßt, daß es in einer (noch immer) von Kriegsgeschrei erfüllten Welt von Vorteil ist, sich auf die Seite der „Friedenspartei“ zu schlagen. Die espritvollen, genau gezielten Songs und Chansons, von denen einige – wie das Bluff- und das Party-Chanson – über den Film hinaus Bestand haben dürften verwenden (parodierend) die Formen von Rezitativ und Arie ebenso wie den Boogie und Fox. Sie schaffen Ruhepunkte in der quirligen Handlung und persiflieren eindrucksvoll die offenbar zeitlosen Untugenden und Entartungen von damals und heute.

Schlechthin unvergeßlich sind aber der Film und diese, seine wesentlichsten Szenen im Soundtrack geschickt raffende, Plattenaufnahme vor allem durch die hervorragenden darstellerischen Leistungen. Ein Aufgebot glanzvoller Namen adelt die hübsche Nichtigkeit. Da ist die liebenswürdige Königin Anna der Liselotte Pulver, Hilde Krahl als imponierende Intrigantin und Sabine Sinjen als anmutige Abigail. Ein Name aber steht über allen: Gustaf Gründgens als Bolingbroke.

Nach 17 Jahren – 1960 – ging dieser faszinierende Schauspieler, auf der Höhe seines Ruhms, noch einmal ins Atelier, um die Rolle zu verkörpern, die er früher schon einmal unter Jürgen Fehling in den Staatstheatern spielte. Es ist überliefert, daß Gründgens, der in wesentlichen Aufführungen jener dunklen Zeit, etwa der „Emilia Galotti“ oder der „Räuber den geistfeindlichen Mächten unüberhörbar Paroli zu bieten suchte, selbst diesen theatralischen Ladenhüter zum Anlaß gezielter – vom Parkett nur zu gut verstandener – Attacken zu machen wußte. In der Tat, man kann sich keinen besseren Interpreten vorstellen. Vom Kabarett, von der Revue und Operette ging die steile Karriere Gründgens aus, und in diesem Genre feierte er seine ersten Triumphe. Und der unübertroffene Rollengestalter späterer Jahre hat die ihm eigene spielerische Intelligenz, den Esprit und die bezwingende Nonchalance zu einer Perfektion gesteigert, für die dieser Bolingbroke in seiner federnden Eleganz, seiner sprudelnden Suada der schönste Beweis ist.

„So steht Gründgens vom Mephisto bis zum Kabarettcouplet alles offen“, konnte Herbert Ihering bereits 1932 eine Entwicklung beschreiben, die sich dann auch wirklich erfüllt hat. „Wer noch den besten Revuedarsteller der Vorkriegszeit gesehen hat, Josef Giampietro, weiß, daß Gründgens sein legitimer Nachfolger ist, weil er sich mit einer Figur zu identifizieren weiß und sie dabei doch satirisch von sich wegstellt.“

Gründgens jedenfalls ist der überragende Protagonist dieses Käutner-Streifens, der dank seiner Leistung zu den geglückten filmischen Theateradaptionen gezählt werden darf.

Horst Wandrey
Sir Henry St. John: Gustaf Gründgens
Königin: Liselotte Pulver
Lady Churchill: Hilde Krahl
Abigail: Sabine Sinjen
Arthur Masham: Horst Janson
Thompson - Butler: Hans Leibelt
Maitre de plaisir: Bobby Todd


Text: Helmut Käutner
frei nach Eugene Scribe

Musik: Bernhard Eichhorn / Roland Sonder-Mahnken
Bert Kämpfert mit seinem Orchester

Regie: Helmut Käutner