Das Herz adelt den Menschen
Mozart-Briefe mit Mozart-Musik

LP LITERA 8 60 036
Covertext:
Briefe sind Spiegel der Seele, in die eigentlich nur zwei Menschen hineinschauen dürfen: der sie geschrieben hat, und der sie empfängt. Oder soll man sie Bildern vergleichen? Dann wären Briefe wie sie das 19. Jahrhundert überlieferte oder solche aus unseren Tagen umständlich ausgeführten Ölgemälden vergleichbar: beziehungsvoll, übernatürlich, geistreichelnd und schön. Briefe des 17. und 18, Jahrhunderts aber könnte man paradoxerweise Fotografien, Momentaufnahmen nennen. Sie vermögen nichts vorzutäuschen, sind unbestechlich und enthüllend; sie verbergen keinen Winkel des Herzens, der ganze Mensch spricht sich in ihnen aus. Die Pfalzgräfin Liselotte hinterließ uns solche Schätze und Frau Aja. Aber die berühmtesten von allen sind die Briefe von Mozart. Denn selbst Heimweh oder liebende Sorge der Mutter brachten nicht das hervor, was dieses Musikerherz zu erfassen vermochte.

„Das Herz adelt den Menschen“ hat er in einem seiner Briefe geschrieben, und „Den Himmel zu erringen ist etwas Herrliches, aber auch auf der Erde ist es unvergleichlich schön. Darum lasset uns Menschen sein!“ Der antiabsolutistische und in gewissem Sinne auch antiklerikale Zusammenhang solcher Formulierungen wird erst dann voll verständlich, wenn wir aus Mozarts Briefen – wenn nicht schon aus seiner Musik – die volle Bedeutung begriffen haben, die das Wort „Mensch“ für ihn besitzt. Für Mozart umfaßt es alles: den Schickschnack der „Bäsle“-Briefe und die ideale Zielstrebigkeit Sarastros, die säuischen Kanons und das g-moll-Quintett; die Krönungsmesse und den Brief an den Vater über seinen Wiener Abschied aus des Erzbischofs Diensten. – Und sicher muß man auch das hinzurechnen, was eine spätere Zeit mit dem Begriff des „Allzumenschlichen“ zu vertuschen suchte: Die Bettelbriefe des sozial wie künstlerisch einsam-gewordenen an den Kaufmann Puchberg und die moralisierenden Mahnschreiben an Constanze, die es bestimmt mit Mozart nicht leicht hatte und es sich deshalb gern leicht machte.

Der Begriff der fotografischen Treue, auf Mozarts Briefe angewendet, ist natürlich doch ungenau, wenngleich gesagt werden muß, daß keine Biografie den Lebens- und Werdegang dieses genialen Frühvollendeten detaillierter und getreuer nachzuzeichnen vermag. Es waltet in seinen schriftlichen Berichten bei aller Naivität durchaus etwas Künstlerisches – keineswegs Gekünsteltes, das ihn in die Nähe großer Erzähler rückt. Seine Stilmittel sind Natürlichkeit und Unverblümtheit; seine Ideen sind die eines großen, über allem Gemeinen stehenden Menschen; sein Ziel ist die Kunst.

Mozarts „Musikalischer Spaß“ (für 2 Violinen, Viola, Baß und 2 Hörner), dessen 4. Satz unsere Schallplatte einleitet, will hier nur als heiterer Auftakt zu dem Spaß des Bäsle-Briefes gelten. Das Werk entstand zehn Jahre nach jenem Brief und befindet sich zeitlich in Nachbarschaft mit „Don Giovanni“ und der „Kleinen Nachtmusik“. Der Beiname „Dorfmusikanten-Sextett“, der von den bieder falsch blasenden Hörnern hergeleitet wird, ist so unpassend wie möglich. Nichts lag Mozart ferner, als die österreichischen Volksmusikanten zu verulken. Vielmehr nahm er sich einen komponierenden Dilettanten aufs Korn, der seine Kräfte an einer veritablen „Sinfonie“ messen zu müssen glaubt. Das kammermusikalisch besetzte Werk kann daher orchestral ausgeführt werden.

Gleich dem Brief an die Augsburger Cousine Maria Anna Thekla Mozart, mit der Wolfgang Amade dem Schriftwechsel nach zu urteilen recht herzlich-intime Regungen verbanden, stammen die beiden Briefe an den Vater aus dem Jahre 1777. Mozart befand sich erneut auf einer Kunst-Reise, die nicht so sehr dem Konzertieren und Einsammeln von Kompositionsaufträgen diente als der Suche nach einer Anstellung, die ihm mehr künstlerische und persönliche Freiheit bieten könnte als die Konzertmeister-Position am salzburgischen Erzbischofshofe. Diesmal befand sich Mozart nur in Begleitung der Mutter. Sie sollte Salzburg nicht mehr wiedersehen und starb auf der nächsten Station der Reise, in Paris. Der Inhalt dieser Mannheimer Briefe spiegelt recht genau, weshalb es einem Mozart unter den damaligen Bedingungen so schwer werden mußte, ein seinem Künstlertum gemäßes „Auskommen“ zu finden. Scheinbar werden hier ganz persönliche Probleme behandelt; in Wirklichkeit aber geht es um die Durchsetzung jener bürgerlich-plebejischen Lebensauffassung, die Vater Leopold Mozart im aufklärerischen Sinne selbst in seinen Sohn hineingepflanzt hatte und mit deren weit gereiften Ergebnissen er sich nun seinerseits auseinanderzusetzen hatte. – In diese Briefe eingefügt ist ein Satz aus einer jener herrlichen Serenaden-Musiken, mit denen der junge Mozart seinen Salzburger Brotherrn zu bedienen hatte und in die er bereits Jahre zuvor (in diesem Falle 1776, als Zwanzigjähriger) seinen ganzen Bürgerstolz gelegt hatte.

Als Mozart sich im Jahre 1781 endlich aus den drückenden Salzburger Verhältnissen befreit hatte, trat wenig später Constanze Weber in sein Leben, die er bald darauf heiratete. Ihr ist in der „Entführung aus dem Serail“ ein ideales Denkmal gesetzt worden. Freilich haftete der Ehe von vornherein etwas eigentümlich Zufälliges an, denn Mozarts ganze Neigung hatte ursprünglich Constanzes Schwester Aloysia gegolten, und erst mit Nachhilfe der tüchtigen Schwiegermutter entschloß sich der hoffnungsvolle Liebhaber zur Ehe mit Constanze. So mag die Constanze der „Entführung“ zweierlei Charaktere spiegeln. Mozarts Familienleben war, wie die Briefe lehren, nicht nur von finanziellen Sorgen überschattet. Dennoch hat er seine Frau bis an sein Ende zärtlich geliebt. – Das Hornkonzert KV 447 stammt aus dem Jahre 1783, aus jenen ersten, erfolgreichen und auch im Privatleben frohen Zeiten, in denen die Mozarts einen lebhaften geselligen und musikalischen Freundeskreis um sich hatten, darunter den Hornisten Leutgeb, dem das Stück gewidmet ist. Den tiefsten Einblick in Mozarts Charakter und Weltauffassung gewähren wohl jene Briefe, die er anläßlich seines Zerwürfnisses mit dem Erzbischof von Wien aus an den Vater nach Salzburg richtete. Von dem Münchner Erfolg des „Idomeneo“ weg nach Wien befohlen (der Erzbischof weilte mit seinem Gefolge dort), nahm er ähnlich seinem Figaro den Kampf gegen alle Entwürdigung des Künstlers und der Kunst auf, die hier herrschte und die der Entfaltung seiner Persönlichkeit und seiner „ganzen Ideen“ so lastend entgegenstanden. – Er spielte seinen Herrn Grafen und Erzbischöfen wahrlich „eins auf“! Der Vater freilich sah’s mit Bedenken. Doch Mozart mußte diesen Schritt tun. Die Meisteropern, die Kammermusik, die Sinfonien seines klassischen Wiener Jahrzehnts von 1781 bis 1791 wären ohne den gewaltsamen Schritt hin zur frei wirkenden Künstlerpersönlichkeit in ihrer Fülle der Gedanken und neuen Inhalte nicht vorstellbar. Was Mozart künstlerisch und menschlich in diesen Jahren durchfocht und was sich demgemäß in seinen Briefen spiegelt, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der vorbeethovenschen Aktivität der Idee, die wir nicht zuletzt aus den schnellen Sinfoniesätzen seiner letzten Jahre spüren.

Horst Seeger
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Ein musikalischer Spaß KV 522
4. Presto

Briefe
An die Cousine, Mannheim, 13. November 1777
An den Vater, Mannheim, 13. November 1777
An den Vater, Mannheim, 8. November 1777


Serenata otturna D-dur KV 239
1. Marcia: Maestoso

Briefe
An den Vater, Mannheim, 7. Februar 1778
An den Vater, Wien, 15. Dezember 1781


Die Entführung aus dem Serail
Ouvertüre

Briefe
An Constanze, Dresden, 13. April 1789
An Constanze, Wien 1789
An Constanze, Wien, 7. Juli 1791


Konzert für Horn und Orchester Nr. 3 Es-dur KV 447
2. Romanze: Larghetto


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Brief
An den Vater, Wien, 4. April 1787

Adagio c-moll KV 546

4 Briefe
An den Vater, Wien, 9. Mai 1781
An den Vater, Wien, 12. Mai 1781
An den Vater, Wien, 19. Mal 1781
An den Vater, Wien, 20. Juni 1781


Figaros Hochzeit
Will der Herr Graf

Briefe
An den Vater, Wien, 26. September 1781
An einen Theaterdichter, Wien, 21. März 1785


Sinfonie G-dur KV 318
1. Allegro spiritoso

2 Briefe
An Constanze 7. und 8. Oktober 1791

Sinfonie Es-dur KV 543
4. Finale: Allegro

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Sprecher: Horst Drinda

Regie: Renate Thormelen