„Das war gut!“
Querschnitt durch 25 Jahre Kabarett
Chansons mit Zwischentexten

LP LITERA / ETERNA 8 60 005
Covertext:
Diese Schallplatte, meine Damen und Herren, ist ein kleiner Leckerbissen für die Freunde des Kabaretts. Und damit haben wir auch gleichzeitig die Erklärung dieses Begriffs. „Cabaret“ heißt in Frankreich eine drehbare Platte mit Glaseinsätzen zum Anrichten kalter Speisen und Salate. Sie bietet – bunt gefüllt mit Delikatessen – die verschiedensten lukullischen Anregungen in konzentrierter Form. Und ehe man auf den Geschmack dieser raffinierten Kurzkosterei gekommen ist, wird die Platte abserviert und hinterläßt außer einer Symphonie von Gerüchen Appetit auf mehr. Und genau das – so definierte es einmal vor Jahren einer der größten Kabarettisten, Friedrich Hollaender – ist auch das Geheimnis des Kabaretts. Die aus den Künstlerkneipen des Pariser Quartier Latin und des Montmartreviertels hervorgegangenen Kleinkunstbühnen wurden zuerst so genannt. Inzwischen ist das „Kabarett“ längst ein Bgriff für die kleine und doch so schwere Kunstform der witzig-satirischen Rezitationen und Chansons. Übrigens, das Wort „Chanson“ ins Deutsche zu übersetzen ist etwas, was nicht möglich ist. Das Konversations-Lexikon meint dazu, daß ein Chanson im 15. und 16. Jahrhundert ein kontrapunktisch-witziger und politisch-satirischer Cantusfirmus-Gesang von kühnem Realismus gewesen sei. Kurt Tucholsky dagegen sagte. „Die deutsche Sprache hat keinen Namen für „Chanson“. Wie der Franzose unter „le lied“ etwas versteht, was er nicht besitzt, so haben wir keine Chansons. Wir müssen uns erst welche machen.“ Wozu zu sagen ist, daß Tucholsky selbst großartige Chansons machte, wovon Sie sich beim Hören der Schallplatte überzeugen werden.

Das Berliner Kabarett hatte seine Blütezeit in den zwanziger Jahren. Eine beneidenswerte Fülle von ausgezeichneten Autoren, Komponisten und nicht zuletzt Interpreten fand in dieser bewegten Zeit reichen Stoff, der im kabarettistischen Zerrspiegel dem Publikum vor Augen gehalten wurde. Viele Namen wurden in diesen Jahren zu einem Begriff für gutes Kabarett: Rudolf Nelson mit seiner Gattin Käthe Erlholtz, Rosa Valetti, die große Schauspielerin, die eine Zeitlang ein eigenes Kabarett leitete, ihr Bruder, der Schauspieler Hermann Valentin, der viel für das Kabarett geschrieben hat, Trude Hesterberg, Wilhelm Bendow, Kurt Robitschek und vor allem Friedrich Hollaender, der das Nummern-Kabarett erweiterte zur politisch-satirischen Kabarett-Revue. Dazu kamen neben Nelson und Hollaender die Komponisten Mischa Spolianski, Werner R. Heymann, dessen Filmschlager „Das gibt’s nur einmal“, „Das ist die Liebe der Matrosen“ und viele andere später um die ganze Welt gingen. Der Schriftsteller Marcellus Schiffer gab dem Kabarett großartige Texte, die von seiner Frau, der eigenartigen und faszinierenden Diseuse Margo Lion, hinreißend interpretiert wurden. Schauspieler wie Blandine Ebinger. Marlene Dietrich, Hilde Hildebrand, Gussy Holl, Willi Schaeffers, Kurt Gerron, Paul Morgan, Paul Graetz, Werner Finck und Rudolf Platte gehörten zu den besten Kabarettisten. Die Reihe der Namen ließe sich noch beliebig fortsetzen, aber wir wollen bei dem Namen einer Künstlerin verhalten, die sich schon früh dem Kabarett verschrieb und eine der Besten dieses Genres wurde: Annemarie Hase. Sie hat die große Zeit des Berliner Kabaretts der zwanziger Jahre miterlebt und stand dabei in vorderster Reihe. Annemarie Hases Weg zur Bühne begann eigentlich gleich mit einer Kabarett-Szene. Sie wollte nämlich durchaus „Sentimentale“ werden, wie es in der Bühnensprache heißt, und sprach bei ihrer Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin die Luise aus „Kabale und Liebe“ vor. Und die Stichworte der Lady Milford gab – vom Prüfungstisch her – Eduard von Winterstein! Immerhin war man danach von ihrem komischen Talent überzeugt. Sie ging dann nach erfolgter Ausbildung in ihr erstes Engagement nach Osnabrück, wurde aber bald, nach einer Zwischenstation in Halberstadt, für das Berliner Kabarett „Schall und Rauch“ entdeckt und stand so im Jahre 1921 zum ersten Mal auf einer Kabarett-Bühne in einem Programm mit Paul Graetz, Gussy Holl und Ringelnatz. Ihr großer Durchbruch glückte bei der Eröffnungsvorstellung von Trude Hesterbergs Kabarett „Wilde Bühne“ im September 1921. Danach spielte sie wieder Theater, und zwar bei Falckenberg an den Münchner Kammerspielen in der Uraufführung des ersten Stücks von Bertolt Brecht „Trommeln in der Nacht“. Nach Berlin zurückgekehrt wurde sie eine der ständigen Hauptdarstellerinnen in allen Kabarett-Revuen von Friedrich Hollaender. Daneben war sie tätig beim Film, beim Funk und auch an anderen Berliner Theatern. Um von der künstlerischen Abstempelung in Berlin loszukommen, nahm sie 1932 ein Engagement an das „Kleine Schauspielhaus“ in Hamburg an, mußte es aber 1933! abbrechen und erhielt, nach Berlin zurückgekommen, Auftrittsverbott! Bis 1936 spielte sie noch beim Jüdischen Kulturbund in Berlin und ging dann nach England in die Emigration, wo sie sich als Köchin, Handschuhnäherin, Strickerin, Schokoladenpackerin usw. ihren Lebensunterhalt verdiente. Hauptsächlich aber arbeitete sie intensiv beim Freien Deutschen Kulturbund in London als Schauspielerin, Kabarettistin und Regisseurin. Von 1940 bis 1944 sprach sie die „Frau Wernicke“ in der Propagandasendung der BBC. Nach ihrer im Jahre 1947 erfolgten Rückkehr nach Deutschland wurde sie an das Berliner Hebbel-Theater engagiert, das damals unter der Leitung von Karlheinz Martin stand, und von da an das zu der Zeit von Fritz Wisten geleitete Theater am Schiffbauerdamm. 1949 holte sie Brecht an sein eben gegründetes „Berliner Ensemble“, an dem sie bis 1956 spielte. Nach einem zweijährigen Engagement am Staatstheater Dresden ist sie nun seit 1958 in Berlin freiberuflich tätig und arbeitet im Film, Funk und Fernsehen. Nicht zu vergessen ihre Schallplatten-Aufnahmen, wozu dieser Querschnitt durch das Berliner Kabarett der zwanziger Jahre gehört, der Ihnen einen kleinen Einblick in die große Kunst von Annemarie Hase geben wird, mit sparsamsten Mitteln eine Situation oder das Bild eines Menschen im höchsten Grade einprägsam und plastisch dem Zuhörer nahezubringen, eine Kunst, die das Wesen des großen Kabarettisten ausmacht und die Annemarie Hase vollendet beherrscht.

Und jetzt lassen Sie die „Cabaret-Platte“ mit den Leckerbissen kreisen! Guten Appetit und viel Vergnügen wünscht Ihnen dazu Ihr

Willi Schwabe.
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Ankündigung einer Chansonette
Text: Erich Kästner

Berliner Frühlingslied
Text: Hermann Valentin
Musik: Mischa Spolianski

Mit’n Zopp
Text: Klabund
Musik: Werner Richard Heymann

Der arme Mann
Text: Marcellus Schiffer
Musik: Allan Gray

Der Potsdamer Edelfasan oder Die letzte Haarnadel
Text und Musik: Friedrich Hollaender

Friedrich Holloenders Text zu der Ouvertüre zu
„Dichter und Bauer“ von Suppe



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Das ist bei mir so ...
Text: Theobald Tiger und Martin Löwe
Musik: Friedrich Hollaender

All people on board
Text: Kurt Tuchoisky
Musik: Franz Wachsmann

Drei Träume
Text: Kurt Tucholsky
Musik: Egon Larsen

Die Kleptomanin
Text und Musik: Friedrich Hollaender

Das Zersägen einer lebenden Dame
Text und Musik: Friedrich Hollaender

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Sprecher Zwischentexte: Annemarie Hase, Willi Schwabe
Gesang: Annemarie Hase, Willi Schwabe

Siegfried Kurz, Klavier