Vier ergötzliche Geschichten aus dem „Dekamerone“ des Messer Giovanni Boccaccio

LP LITERA 8 60 065
Covertext:
Im Jahre 1348 wütet in Florenz die Pest. Diese furchtbare Seuche hat die Gesetze menschlichen Zusammenlebens aufgehoben. Jeder ist sich selbst der Nächste, und, den Tod vor Augen, versuchen die Menschen vom Leben zu erraffen, was ihnen in die Hande fällt. Da treffen in einer Kirche sieben junge Damen und drei junge Herren aufeinander, deren Angehörige entweder tot sind oder sich nicht mehr um sie kümmern, und sie beschließen, sich gemeinsam außerhalb der Stadt in Sicherheit zu bringen. Aus dieser Situation gewinnt Giovanni Boccaccio die Rahmenerzählung seines Dekamerone, in und mit der er von vornherein für die Freiheiten, die etwa vorkommen möchten, Entgegenkommen in Anspruch nimmt. Aber wer hat in 600 Jahren dem Dichter je ernsthaft gezürnt? Als er sich nach dem ersten Drittel seines Buches an die Kritiker des Vorliegenden wendet, nennt er die, die ihm in dieser Hinsicht gram sein könnten: „Für wahr, nur wer die Freuden und die Macht der Liebe nicht kennt und fühlt, wer euch – die holden Frauen – nicht liebt noch wünscht geliebt zu werden, kann mich tadeln.“ Solchen Tadel weist er mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes, der seine Sache gut gegründet weiß ab: „Und wenig kümmert’s mich.“

Zehn junge Leute erzählen eine novella – eine Neuigkeit. Was tut’s, daß diese Novellen mitunter so neu nicht waren, daß sie vielleicht schon die Gesta romanorum oder andere Sammlungen beliebter Erzählstoffe enthalten hatten? Waren sie doch neu in des Boccaccio eignem Zuschnitt, und sein Buch wurde ja in der Zukunft ebenso eine Quelle für andere Dichter. Lessing entnahm ihm die Ringparabel, mit der der weise Nathan dem Sultan Soladin antwortet, als er gefragt ist, welches die wahre Religion sei.

Was aber erzählen sich die zehn jungen Leute? Der Dichter sagt: „Die Geschichten wissen von süßen und bitteren Liebesabenteuern und vielerlei wunderlichen Begebenheiten aus alter und neuer Zeit.“

Die Geschichten strotzen vor Unwahrscheinlichkeiten, und manchmal zwinkert uns der Dichter selber zu, daß wir nicht alles allzu wörtlich nehmen möchten, was da zur Sprache kommt. Aber was zum Vergnügen der Zuhörer berichtet wird, will auch etwas sagen – standhafte Liebe loben, Treue rühmen, Großmut bewundern, Einfalt und Aberglauben verspotten –, und dafür braucht es offensichtlich stärkere Belege als gewöhnlichen florentinischen Alltag. Zwei Themen aber brechen immer durch, ganz gleich, was zu berichten man sich vorgenommen hat. Das eine ist der Preis des menschlichen Kopfes, das andere das Lob der Liebe.

Wer sich aus der Affäre zu ziehen weiß, wer einen Ausweg findet, wer witzig ist, listig, schlagfertig, dem gehört die ganze Sympathie des Dichters. Der Nacken, den die Kirche gebeugt hat, der ergeben und demütig gesenkte Blick hat sich erhoben zu freiem Selbstbewußtsein; der menschliche Verstand befreit sich aus den Fesseln der Religion.

Die Liebe mischt sich ins Spiel, auch wenn ausdrücklich von etwas anderem die Rede sein soll. Es gibt eine Geschichte, die siebente des zweiten Tages, die beinahe wie eine Fastenpredigt beginnt. Sie warnt vor verschiedenen Wünschen, vor dem nach Reichtum, nach Macht, nach Schönheit und begjnnt mit der Moral, „daß kein einziger solcher Wunsch von uns Menschen mit ruhigem Gewissen gewählt werden kann, da keiner vor den Schlägen des Schicksals sicher ist“. Die Geschichte folgt, die den Beweis antreten soll, der Akzent verschiebt sich, wir wissen gar nicht, wie, sie verliert ihr Anliegen aus dem Auge und am Schluß der Geschichte lesen wir plötzlich eine Moral zu einem ganz anderen Thema: „Geküßter Mund an Schönheit nichts büßt ein, dem Monde gleich wird stets der Reiz erneuert sein.“ Selbst bei einem, der Bösewicht, Betrüger und gar Mörder genannt wird, wird nicht unterlassen, seine ansehnliche Gestalt und seine Qualitäten im Bett bei den Frauen hervorzuheben.

Und hier nun ist nichts unwahrscheinlich geschweige denn ungenau, nichts, wo die Sache selber und ihre Bedeutung auch nur um Haaresbreite voneinander abwichen. Hier, in der Sphäre der Liebe, nimmt der Realismus der europäischen Literatur seinen Ausgang. Armselig ist ihre Ausdrucksfähigkeit für sinnliche Freuden im Vergleich zu anderen Literaturen, doch einmal, als das Mittelalter gerade überwunden wurde, hat sie im Florentinischen des Giovanni Boccaccio eine Zunge gefunden. Aber was wurde aus dieser Gewandtheit, als dem Bürgertum schließlich die mittelalterliche Prüderie besser zustatten kam als die heidnische Direktheit?

Zunächst aber hatte die Sprache der Liebe ihre große Zeit. Noch der mittelalterlichen Fastenzeit, nach der finsteren Verachtung der Fleischeslust durch die Kirche sprachen sich die Sinne jubelnd aus, und ihr Jubel berannte die feudale Festung der Religion. Die schöne, junge und noch unbelehrte Berberin Alibech, die Heldin einer der berühmtesten Novellen Boccaccios, will an den christlichen Gott glauben. Von den Christen hat sie gehört, daß es süß sei, ihm zu dienen. Und sie findet die volle Wahrheit dieser Worte, an denen keine Übertreibung war. Nur hatte der Dichter christliche Fleischesabtötung und Asketismus unter der Hand und als besserer Schöpfer der Welt genau in ihr Gegenteil verkehrt: Alibech kommt zu ihrer Einsicht, weil sie und der junge Einsiedler das Naheliegende, das Natürliche tun, nämlich die süßen Freuden der Liebe zu genießen.

Boccaccio hat sein Buch den Frauen gewidmet, deren Ghettodasein ihn dauert: „Darüber hinaus müssen die Frauen, abhängig von den Wünschen, Geboten und Befehlen ihrer Vätter und Mütter, Brüder und Gatten die meiste Zeit in den engen Grenzen ihrer geschlossenen Häuslichkeit verbringen, wo sie, fast ohne Beschäftigung, gleichzeitig wollend und nicht wollend, sich ihren Gefühlen hingeben, die gewiß nicht die fröhlichsten sind.“ Junge Mädche wurden in frühem Alter verheiratet, ohne daß sie gefragt wurden. Der Dichter steht ihnen wie den Männern das Recht auf die freie Wahl des Partners zu – so sind die zahlreichen „Ehebrüche“ im Dekamerone zu verstehen. Wenn sich Boccaccio zum Sprecher der Frauen macht, stellt er sich einer weiteren wichtigen Position des Mittelalters entgegen. In der christlichen Religion spielten Frauen keine Rolle, sie waren gering geachtet, weil ihre Existenz zur Diesseitigkeit, zum Realen statt zu himmlischer Entrückung drängte. In den Hexenprozessen, die erst nach Boccaccios Zeit ihren Höhepunkt erreichten, wurden sie als gründlich verdorben, als Teufelsbuhlerinnen und Erregerinnen von Wollust verfolgt. – Aber von diesem frühen Versprechen auf die Emanzipation der Frauen kam die ausgereifte bürgerliche Gesellschaft genauso ab wie von der ehrlichen Lust an der Liebe.

Boccaccio, 1313-1375, geboren in Certaldo oder Florenz, unehelicher Sohn eines Kaufmanns, wurde zunächst dem gleichen Beruf, dann dem Studium der Rechte bestimmt. Er war jedoch der Meinung, daß er Dichter werden müsse. Als er nach vergeblichen Versuchen in den für ihn vorgesehenen Berufen endlich dieser Neigung nachgehen konnte, da war ihm der Erfolg versagt: Er wollte Verse schreiben und wurde niemals ein großer Poet. Aber unter dem Dreigestirn eines großen Jahrhunderts, Dante, Petrarca, Boccaccio, war er der weltlichste, der am weitesten in die Zukunft reichte. Er schrieb sein bestes Werk in der Sprache des Alltags, in Prosa, und seine Prosa war Dichtkunst.

U. Püschel
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DIE TRAURIGE GESCHICHTE VOM FALKEN

Leser: Rolf Ludwig
Sprecherin: Elsa Grube-Deister


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DIE GESCHICHTE VON FRAU FILIPPA, DIE
DIE GESETZE DER MÄNNER BESCHÄMTE


Leserin: Renate Thormelen
Sprecherin: Elsa Grube-Deister


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DIE GESCHICHTE VOM SCHLAUEN MASSETTO
(Der Nonnengärtner)

Leser: Günther Haack
Sprecherin: Elsa Grube-Deister


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DIE GESCHICHTE VON ALIBECH UND DEM EINSIEDLER

Leser: Wolf Kaiser
Sprecherin: Elsa Grube-Deister


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Schallplatteneinrichtung: Ursula Püschel
Regie: Renate Thormelen