Der Bär / Ein Heiratsantrag

von Anton Tschechow

LP LITERA / ETERNA 8 60 004
Covertext:
Von der einen Seite unserer Tschechow-Schallplatte, lieber Hörer, tönt Ihnen das Streitduett zwischen der hoffnungslos trauernden Gutsbesitzerswitwe Jelena Iwanowna Popowa und dem durch schwere Enttäuschungen zum unerbittlichen Weiberhasser gewordenen Grigorij Stepanowitsch Smirnow entgegen. Auf der anderen Seite schwillt das Duett zum Schimpftrio, da der Gutsbesitzer Stepan Stepanowitsch Tschubukow für seine Tochter Natalja Stepanowna, obwohl die ihm das Leben sauer genug zu machen scheint, Partei ergreift und den unglückseligen Iwan Wassiljitsch Lomow, der gekommen war, um die Hand der Tochter anzuhalten, mit Schimpfworten buchstäblich niederkartätscht. In beiden Einaktern endet eine fast aussichtslos scheinende Situation höchst überraschend mit einem Happy-End. – Macht nicht gerade dieser unerwartete Ausgang deutlich, daß es dem Autor doch wohl darauf ankam, mit der gleichen Schonungslosigkeit, mit der die handelnden Personen ihre Hohlheit. Heuchelei und Grobschlächtigkeit aufdecken, auch die russische Wirklichkeit, die sie ja erst möglich machte, zu enthüllen? – In der Tat wird sich uns Wesen und Wirken des großen Realisten Tschechow erst dann ganz erschließen, wenn wir bei aller Heiterkeit den kritischen Grundton seines Schaffens nicht überhören. Er ist nicht immer leicht erkennbar, denn Tschechow predigt, fordert nicht wie etwa Tolstoi: er stellt mit kaum überbietbarer Objektivität lediglich die Wirklichkeit dar, scheinbar ganz unbeteiligt am Schicksal seiner Personen.

Der am 29. 1. 1860 in Taganrog als Sohn eines künstlerisch begabten Kaufmanns Geborene ging nach einer freudlosen, durch die verständnislose Härte der Erziehung verkümmerten Jugend nach Moskau, um Medizin zu studieren und wurde schon mit 19 Jahren der Ernährer und damit das Haupt der unverschuldet in Not geratenen vielköpfigen Familie. Diese Verpflichtung zwang ihn neben dem Studium, das er mit großer Gewissenhaftigkeit betrieb, seine literarische Begabung mehreren Witzblättern gegen allerdings sehr schlechte Honorierung anzubieten.

Er wurde bald zum erstaunlich fruchtbaren Schreiber sogenannter Schmonzetten – das waren auf das rein stofflich orientierte Unterhaltungsbedürfnis der Spießer zugeschnittene, heitere Kurzgeschichten. Bei dem Anklang, den seine Beiträge fanden, schwebte er lange genug in der Gefahr, seine geniale komische Begabung ganz und gar dem Geschmack, dem Weltbild und den Kunstauffassungen seiner Auftraggeber, eben jener Witzblattredakteure, unterzuordnen. Da erreichte ihn aus Petersburg der Brief des angesehenen, greisen Schriftstellers Grigorowitsch, eines Freundes Belinskis und Dostojewskis, der ihn ermahnte, sein hervorragendes Talent nicht an Belanglosigkeiten zu verzetteln, sondern für wahrhaft künstlerische Werke zu bewahren, dann sei ihm eine große Zukunft gewiß.

Dieser Brief traf Tschechow wie ein Blitz und beschleunigte den Umbruch in seinem Schaffen, der sich schon vorher abzuzeichnen begonnen hatte. Von da an führte er in unermüdlichem Fleiß die den Witzblättern angemessene kleine epische Form über das bloße Unterhaltungsgenre hinaus und brachte es in dieser fast aphoristischen Kurzform allmählich zur gleichen Meisterschaft wie Maupassant in der französischen Literatur. Mit winzigen Details, nebensächlich scheinenden Bemerkungen, Gesprächsfetzen und Beobachtungen verstand er schließlich, die ganze Weite und Tiefe der russischen Wirklichkeit der achtziger und neunziger Jahre auszuleuchten. Er wurde der unbestechliche Sittenschilderer, als der er in das Bewußtsein seines Volkes und der Besten aller Völker eingegangen ist.

Das für Tschechow typische Kunstmittel ist ein Stil der Einfachheit, der selbst die dunkelsten Schatten, die furchtbarsten Begebnisse als alltäglich, als Zeichen der Zeit erscheinen läßt. Kein Wunder, daß der Dichter bis zuletzt von der Kritik häufig verkannt wurde, sei es, daß sie ihn einen „ideenlosen“ Autor nannte, der „ziel- und planlos seinen literarischen Weg dahintrottet“, sei es, daß sie, seine wahre Bedeutung ebenso verkennend, ihm begeistertes Lob zollte. Was Tschechow von seinem Publikum hielt, sprach er 1888 in einem Brief unverhohlen aus: „Es ist ungebildet, schlecht erzogen, und seine besten Elemente sind nicht fair und nicht aufrichtig uns gegenüber. Ob mich dieses Publikum braucht oder nicht, darüber vermag ich mir nicht klar zu werden ... Hätten wir aber eine Kritik, dann wüßte ich, daß ich Material bilde – ob gutes oder schlechtes ist gleichgültig; daß Menschen, die sich dem Studium des Lebens widmen, mich ebenso brauchen wie der Astronom seinen Stern. Und dann würde ich bemüht sein zu arbeiten und wüßte, wozu ich arbeite. Jetzt aber sind wir wie die Narren, die Bücher und Stücke zu eigenem Vergnügen schreiben. Eigenes Vergnügen ist natürlich eine gute Sache, man empfindet es, solange man schreibt, aber dann? –“

Das waren wahrhaft tragische Fragen, auf die er erst viel später eine Antwort bekam, als Leo Tolstoi und Maxim Gorki Ja zu dem Meister realistischer Prosa sagten, zu deren reifsten Schöpfungen wir „Die Feinde“, „Das Unglück“, „Der Anfall“, „In der Schlucht“, „Bei Bekannten“, „Die Bauern“ und „Der Mensch im Futteral“ zählen dürfen.

Auch die Dramen, die bei einem Minimum an Handlung alle Tiefen und Untiefen der Seele bloßlegen und in denen das der Handlung fehlende Leben gleichsam unter der Oberfläche pulst und strömt, waren bei Lebzeiten des Dichters grobem Mißverständnis ausgesetzt. In ihnen erweist sich Tschechow als meisterhafter Psychologe in der behutsamen Nachzeichnung der morbiden russischen Gesellschaft, einer Gesellschaft ohne Ziel, ohne Erkenntnis der Wahrheit, der Notwendigkeit. Später allerdings sollten gerade die Dramen, vor allem in der feinfühligen Interpretation durch das Moskauer Künstlertheater unter Stanislawski und Dantschenko Tschechows Namen in alle Welt tragen. Auch sie sind wie die Erzählungen aus heiteren und traurigen Elenenten wundersam gemischt. Der Dichter hat das Rezept für seine Stücke selbst so umrissen. „Man müßte Theaterstücke schreiben, in denen die Menschen kommen und gehen, zu Mittag essen, über das Wetter reden, Karten spielen ... Auf der Bühne müßte das alles so schwierig und so einfach sein wie ein Leben. Die Menschen essen zu Mittag, essen lediglich zu Mittag, in dieser Zeitspanne aber wird ihr Glück geschmiedet oder ihr Leben zerstört...“ Von dieser Art sind alle Dramen Tschechows, mögen sie „Die Möwe“, „Onkel Wanja“, „Drei Schwestern“ oder „Der Kirschgarten“ heißen.

Tschechow war Arzt und hatte als solcher seinen Mitmenschen geholfen, lange, ehe er ahnen mochte, daß er zu Höherem berufen war: als Schriftsteller der Seelenarzt einer ganzen Epoche zu werden, ihren matten Puls zu fühlen, das Ohr an ihr krankes Herz, den Finger auf ihre eiternden Wunden zu legen. Bis zuletzt war er seinem Schaffen gegenüber skeptisch und bei der Konsequenz, mit der er scheinbar distanziert die Misere seiner Zeit schilderte, war es kein Wunder, daß er häufig als Pessimist eingeschätzt wurde. Aber wenn er ein Leben lang so unerbittlich den Spießern, Parasiten, Illusionisten, Seelenkranken und Willensschwachen seinen Spiegel vorhielt, der alles Verzerrte jener Lebenswirklichkeit so rein wiedergab und eben deswegen kein Zerrspiegel war, so dürfen wir Heutigen mit Genugtuung feststellen, daß sich diese Zerrbilder alle auf den hellen, frohen und starken Menschen der Zukunft bezogen, dem Freiheit und Würde, Wahrheit und Gerechtigkeit selbstverständliche Dinge sind.

Diesen kommenden Menschen hat Tschechow schon früh geahnt. In der 1895 entstandenen Erzählung „Drei Jahre“, die wie so oft in seiner Prosa ein ausweglos scheinendes, düsteres Milieu schildert, findet sich die schöne, verheißungsvolle Äußerung des jungen Chemikers Jarzew, der in seinem Herzen ein Dichter ist: „Wie reich, wie vielfältig ist das russische Leben! Wissen Sie, ich bin von Tag zu Tag immer mehr davon überzeugt, daß wir am Vorabend des größten Triumphes stehen, ich möchte ihn gern erleben, selbst dran teilnehmen.“ Und nicht weniger prophetisch und bezeichnend für Tschechows politischen Weitblick erscheinen uns heute die Äußerungen eines seiner Helden in den „Drei Schwestern“ (1901): „Die Zeit ist gekommen, ein Koloß bewegt sich auf uns zu, ein mächtiger Sturm braut sich zusammen, er kommt, er ist schon nahe und bald fegt er von unserer Gesellschaft die Faulheit, die Gleichgültigkeit, das Vorurteil gegen Arbeit, die morsche Langeweile hinweg ... in irgendwelchen fünfundzwanzig, dreißig Jahren schon wird jeder Mensch arbeiten. Jeder!“ –

Die Erfüllung dieser Vorhersage sollte der schwerkranke Dichter allerdings nicht mehr erleben. Er starb viel zu früh am 15. 7. 1904 in Badenweiler an der Schwindsucht.

Peter Brang
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Der Bär
(Groteske in einem Aufzug)
Sprecher: Gisela May, Friedrich Links, Gerd Ehlers


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Ein Heiratsantrag
(Scherz in einem Aufzug)
Sprecher: Marianne Wünscher, Paul Henker,
Walter Lendrich


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Regisseur: Peter Brang