Der Diplomat

LP SCHOLA 8 70 037
Covertext:
Wer den Rundfunk einschaltet, ein Hörspiel zu hören, wird selten fragen, ob es sich bei dem gesendeten Werk um eine Originalentwicklung oder um die Funkadaption einer epischen oder dramatischen Vorlage handelt. Wenn das vorliegende Werk – das Bühnenstück, die Erzählung, manchmal sogar ein Roman – mit künstlerischem Sachverstand bearbeitet wurde, wenn die hörspielspezifischen Mittel überzeugend genutzt wurden, dann ist das fertige Werk ein Hörspiel, wo immer auch seine Wiege gestanden haben mag.

Für die kulturpolitische und künstlerische Arbeit des Rundfunks ist es freilich wichtig zu unterscheiden, ob sie auf das Entstehen neuer Werke, gerichtet ist (und damit Teil des literatur-schöpferischen Prozesses wird) oder ob sie sich der Mittlerfunktion des Rundfunks unterordnet, also auf die Verbreitung und Popularisierung vorhandener Literatur zielt. Beide Aufgaben ergänzen einander, wobei sich das Schwergewicht der Arbeit verändern kann: Nach 1945, als der demokratische Rundfunk daran ging, zugänglich zu machen, was zwölf Jahre lang verfemt und verboten war, glich das Hörspielprogramm einem anspruchsvollen Theaterspielplan: Die Bühnendramatik dominierte. Heute kommt der Entwicklung neuer Werke in unserem Land, das seit Friedrich Wolf, Bertolt Brecht und Anna Seghers über eine bedeutende Hörspieltradition verfügt, besonderes Augenmerk zu. Als Teil der sozialistischen Nationalliteratur ist das Hörspiel an der Entwicklung unserer Dramatik maßgeblich beteiligt.

Doch das gilt nicht für alle Länder, nicht für alle Literatur. In den jungen Nationalstaaten befindet sich die Funkdramatik fast ausschließlich im Dienst der Literaturvermittlung. Sie nimmt damit eine wichtige Bildungs- und Erziehungsaufgabe wahr. In der Sowjetunion stehen noch heute Funkadaption von Bühnenwerken obenan. Der Rundfunk macht sie über unvorstellbar große Entfernungen hinweg denen zugänglich, die fernab von den kulturellen Zentren arbeiten und keine Möglichkeit haben, neue Werke auf dem Theater kennenzulernen.

Doch auch in unseren Programmen haben Bearbeitungen ihren festen Platz. Der Auftrag an den Rundfunk der DDR, die Literaturen anderer Länder in funkdramatischen Produktionen vorzustellen, wächst beständig: Hörspiele aus Afrika, Hörspiele aus Südamerika und Indien vergrößern unser Wissen um gesellschaftliche Prozesse in diesen Ländern. Diese Hörspiele sind fast alle auf dem Wege der Adaption entstanden. Daneben stehen Funkeinrichtungen von Werken unseres klassischen Literaturerbes; ähnlich verhält es sich mit Adaptionen der frühen sozialistischen Dramatik, die über den Rundfunk wiedergewonnen wurden, und mit dramatischen Werken aus dem Erbe unserer Freunde.

Zunehmende Bedeutung haben Hörspiele nach sowjetischen Bühnenstücken. Die Möglichkeiten unserer Theater, sie zu spielen, sind begrenzt (und wieviel Menschen haben schon die Möglichkeit, eine größere Zahl von Inszenierungen kennenzulernen?). Hier haben die Massenkommunikationsmittel Rundfunk und Fernsehen eine wichtige Aufgabe zu lösen, wobei nicht außer Acht gelassen sein soll, daß das Hörspiel einen ungleich geringeren finanziellen und technischen Aufwand erfordert als Theater, Film und Fernsehen. Bedenkt man schließlich, daß der potentielle Hörerkreis fast uneingeschränkt ist, erhält diese Feststellung zusätzliches Gewicht.

Zu den sehr erfolgreichen Adaptionen sowjetischer Dramatik gehört Aljoschins Schauspiel „Der Diplomat“. Samuil Jossifowitsch Aljoschin (geboren 1913), der in der DDR vor allem mit dem Schauspiel „Das Krankenzimmer“ bekannt wurde, bevorzugt einen Typus von Stücken, der den Darstellungsmöglichkeiten des Hörspiels sehr entgegenkommt:

Die kammerspielartige Anlage der Fabel, der weitgehende Verzicht auf äußere Vorgänge und die Beschränkung auf einen kleinen Kreis handelnder Personen, wobei fast jede von ihnen psychologisch durchgezeichnet ist, bieten der nur-akustischen Realisation keine Schwierigkeiten und verlangen keinekünstlerischen Abstriche. Dafür ist „Der Diplomat“ ein Musterfall:

Maximows Auftrag erscheint fast unlösbar; beobachtet und bespitzelt, fast mittellos, im Wissen um die schwierige wirtschaftliche Situation seines Landes, die durch die Blockade und die militärischen Siege der Interventen täglich verschärft wird, nimmt er den Kampf gegen einen Gegner auf, der alle Vorteile auf seiner Seite weiß. Und doch setzt Maximow seine Ziele durch. Er hungert, aber er erzwingt die Achtung seiner Verhandlungspartner. Er stellt sich krank, doch er läßt sich nicht in die Defensive drängen. Das Gesetz des Handelns ist auf seiner Seite, er läßt es sich um keinen Preis nehmen. Unbeugsam ist er, doch nicht starr. Er weiß die Situation zu nutzen und schlägt den Gegner mit dessen eigenen Waffen. Er kann den Iren O’Craddy weder überzeugen noch umerziehen, aber er ringt ihm Respekt ab.

Aljoschins Schauspiel geht auf historische Ereignisse in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution zurück; das Problem aber, mit dem er sich beschäftigt, leitet unmittelbar hinüber zu aktuellen Fragen der friedlichen Koexistenz. Obwohl die Handlung aus der genau beschriebenen geschichtlichen Situation niemals heraustritt, gewinnt sie den Rang einer historischen Parabel.

Nachsatz: Die Funkadaption von Aljoschins „Der Diplomat“ kann und will nicht als „Modellfall“ einer Hörspielbearbeitung gelten. Die Bearbeiter konnten sich im wesentlichen auf die Raffung der Handlung und die Verknappung des Textes beschränken. Das Stück kann in seiner vorliegenden Fassung aber sehr wohl als Beispiel dafür stehen, wie bühnendramatische Werke auf dem Weg über den Lautsprecher zur Wirkung gebracht werden können.

Dr. Peter Gugisch
Sergej Sergejewitsch Maximow: Horst Hiemer
O’Cradday: Dietrich Körner
Mason: Klaus Piontek
Wera: Gudrun Ritter
Lalja: Madeleine Lierck
Bob: Viktor Deiss
Marcella: Bärbel Bolle

Funkbearbeitung des gleichnamigen Schauspiels
von Samuil Aljoschin (Gekürzt)
Aus dem Russischen von Manfred Hocke
Zeit der Handlung: 1919–1920
Ort der Handlung: Amsterdam

Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Redaktion: Dr. Horst Dahm

Funkbearbeitung: Fritz Gähler und Hannelore Solter
Toningenieur: Klaus Bechstein
Regie: Hannelore Solter
Erstsendung: 12. 8.1970

Als Unterrichtsmittel zugelassen
durch das Ministerium für Volksbildung der DDR.
Hauptverwaltung Unterrichtsmittel und Schulversorgung.
Entwickelt von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, Institut für Unterrichtsmittel