Der dritte Nagel

von Hermann Kant
LP LITERA 8 60 383
Covertext:
Armer Herr Farßmann!
Wieso denn der arme? Als aufgeklärter Mensch, studierter Buchhalter und Politökonom hätte er doch ahnen müssen, daß die Sache keinen Gewinn erbringen kann. Vielleicht weiß er als Atheist nichts von jenem frühesten Tauschhandel zwischen Esau und Jakob: Jakob, der gute Koch, bereitete eine wunderbare rote Linsensuppe, und als Esau sie haben wollte, verlangte Jakob, da Esau nichts anderes bieten konnte, das Erstgeburtsrecht vom älteren Bruder. Esau, unbesonnen und leckerisch, gab es weg, löffelte die Suppe und verlor alles. Nicht Brötchen, sondern Linsen, lieber Farßmann!
Gut, Farßmann kennt sich im Ersten Buch Mose nicht aus. Aber es hätte ihn die Erinnerung an seine Schulzeit warnen müssen, da man den Faust durchnahm; Jungfarßmann mit Desinteresse, weil er mehr an Mathematik hing. Faust bot zum Tausch an ewige Seeligkeit gegen schmerzlichsten Genuß. Wie das ausging, wird Herrn Farßmann erinnerlich sein. Zwischen Mephisto und Faust gehe es nicht um Tausch, sondern um eine Wette? Das Wetten, lieber Farßmann, ist doch nur die sublimierte Form eines Tauschhandels.
Und daß es ein Nagel ist, dieser Handwerks-Archetypus, weder Plastedübel noch Kleincomputer, vielmehr ein Rückgriff ins Eisenalter, in die Urzeit, hätte Farßmann stutzig machen müssen. Wie es nicht um Kaviar geht, um Eclairs oder Baiser, sondern ausgerechnet um Brötchen, Grundnahrung und erotisches Kernsymbol. Ja, Farßmann ist frisch geschieden und verprellt; gewisse Dinge sind ihm dennoch nicht fremd. Die dazugehörigen Aggressionen ebenfalls nicht; daß man genießt, indem man hineinbeißt, die schöne Honigsüße schmeckt, träumerisch, ach, die lüsternen Römer wußten’s, als sie uns dieses merkwürdige Gebäck erfanden, es buken, aßen und opferten.
Buchhalter Farßmann, an die kühle Welt der Zahlen gewöhnt, mag sich mit Mythen und Ahnungen nicht aufhalten, in seinem Fach indessen weiß er Bescheid und also gibt er im Schlaf Auskunft: nicht die Zirkulation bewegt die Welt, sondern die Produktion …
Dies alles wissend oder dunkel ahnend oder unwillig erinnernd, mengt sich Herr Farßmann in den großen Tausch. Wie mancher große historische Held wußte Farßmann nicht recht, wie ihm geschah, als er loszog, da er glaubte, es ginge um Nagel und Brötchen.
Scheinbar wollte er ja nur eine ökonomische Handlung vollziehn: Austausch von Geld gegen Ware (W-G-W). Sein Unterbewußtsein flüsterte, es geht um den Tausch mit sich selbst, das Umverteilen von Gefühlen, um überraschend neue Haltungen. Variatio delectat!
Forschte Herr Farßmann in seinem Gedächtnis, er würde sich in ähnlicher Situation schon einmal sehen: als Kind auf straffen Beinen, in vollem lockigen Haar voller Sehnsucht nach dem Besitz eines zerfledderten Karl-May-Bandes. Auf dem Wege dahin Lackbilder und Vaters entwendete Flachzange gegen Briefmarken tauschend und diese gegen einen grauen, mehrfach geflickten Fußball; doch der Wunsch, diesen endlich gegen das begehrte Buch einzuwechseln, ging nicht auf; Farßmann muß bis in die Gegenwart auf Winnetou hoffen. (Und den Band zu haben, erfordert heute neue Manipulationen.) Wer hat nicht ebenso kühne wie sinnlose Transaktionen in der Kindheit vollzogen?
Buchhalter Farßmann, sich bildend, ist außerdem Zeitungsleser. Dann kennt er die Annoncen, seitenlang, das kostbare Papier verprassend: Biete rustikale Kreissäge suche handgeschmiedeten Blumenständer und Schaukelpferd; Opel P 4 gegen zwanzig Jahrgänge der Zeitschrift Magazin inclus. Aktfotos; Ölgemälde, echt, mit Goldrahmen, Alpenglühen gegen Höhensonne, Import oder Paddelboot …
Glauben Sie denn, lieber Farßmann, diese Tauschgebote wären aus Notwendigkeit oder gar aus Not aufgegeben? Nein, im Grunde wissen es alle, wie Farßmann es wußte, daß man sich fröhlich betrügt, wenn man sich in einen Ringtausch begibt man beachte die Wortschöpfung, die wiederum mythisch klingt, nach Nibelungen – oder man weiß es tief innen, man bedarf im Grunde dessen nicht, wonach man schwarz auf weiß annonciert und daß man niemals das alte Eichenfaß erhalten wird, für das man die wiederum schwer ertauschten Batik-Fliesen hinzugeben bereit ist.
Sagen wir es frei heraus: Herr Farßmann hat seinen irrationalen Spaß an all den dunklen Verwicklungen und Verweisungen, in die ihn sein Tauschhandel stürzt. Handel reimt sich dialektisch auf Wandel, Farßmann erlebt doch diesen Wandel, der in den Leuten vorgeht, mit denen er verhandelt, von strenger dienstlicher Abweisung hin zu animalisch schnuppernder Gier zum Beispiel! Und den höheren Wandel, den er an sich selbst verspürt: vom resignierten Buchhalter und Neumieter zum detektivisch-robusten Vordränger in heilige Hallen! Der neuzeitliche Phönike Farßmann, doch nicht etwa nur der Brötchen zuliebe, die sind nur das Medium, durch das Farßmann sich selbst erfährt und verwandelt.
Er muß endlich in die Queue zurück. Wir irren, wenn wir sagen: der arme Herr Farßmann! Gesetzt, er hätte den Dritten Nagel gewonnen und damit ewig den Genuß von knusprigen Brötchen ausgesuchter Backstufen. Wie bald wäre er nicht nur satt, sondern hätte es auch. Den Tag beginnen ohne Kontakt zur Wirklichkeit in der Queue, ohne Meisterung all der Spannungen dort und zwischen ihm, dem Meister und seiner Frau, ohne Utopie und Nervenreiz. Kein Antrieb mehr, sich in die verwickelten Verhältnisse zu stürzen, ohne Angst und ohne Lust, ein bloßer Buchhalter und für immer. Sie wären ihm wahrlich schlecht bekommen, der Dritte Nagel und die Sonderbrötchen.
Farßmann hat dennoch das große Spiel gewagt, nennen wir ihn ruhig naiv, doch zielstrebig seinem inneren Ruf folgend. Es kommt nichts heraus, wir alle wissen es seit der Mittelstufe der Schule, und wir alle können es nicht lassen, die liebe Blonde gegen die schwarze Böse zu tauschen, den dicken Mann gegen den witzigen, Wassergrundstück gegen Volvo, King Ping Meh gegen die Hymnen von Novalis. Wir spielen es unentwegt, zwecklos aber begeistert, auch eine Erziehung des Menschengeschlechts von Vorzeiten her. Man gewinnt in der Regel nichts und gewinnt immer.
Buchhalter Farßmann hat sich mutig beteiligt. Und ist dabei in seine Kindheit hinabgetaucht, hat seine Existenz merkwürdiger und tiefer erfahren als je, er weiß jetzt mehr vom Leben, das ist sicher. Ungebrochen bleibt Herr Farßmann zurück, neuer geheimer Lüste voll. Trotz seiner Liebe zu Zahlenkolonnen und Revisionsberichten, Inventuren und Korrekturen neu imstande, unberechenbare Wege zu gehn und maßlose Überlegungen in überraschende Taten zu untersetzen, wenn wir mal so sagen wollen.
Es scheint, wir werden dem Zeitgenossen und Buchhalter Farßmann noch mehrmals begegnen.

G. Holtz-Baumert (1985)
Leser: Hermann Kant

(Vom Autor gekürzte Fassung)
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Mit Genehmigung des Verlags Rütten & Loening, Berlin