Der Eunuch / Roxelane

von Johannes Tralow

LP LITERA 8 60 110
Covertext:
Wer diese Schallplatte als höchst erfreuliche, längst gewünschte Ergänzung zu bereits Gelesenem erworben hat, also Tralows nach Millionen zählendem Leserkreis angehört, wird freilich schon erkannt haben: Hier erwartet uns kein Märchen aus 1001 Nacht. Der 1882 in Lübeck geborene Schriftsteller ist alles andere als ein unverbindlich-freundlicher „Geschichtenerzähler“. Die „Osmanische Tetralogie“, das Kernstück seines literarischen Gesamtwerkes, ist Ergebnis exakten, wissenschaftlichen Studiums, selbst dem kleinsten historischen Detail sich verpflichtet fühlend, eben der Ganzheit des Wirklichen einer Vergangenheit, gestaltet mit dem Können eines großen Romanciers, dessen psychologisches Wissen wohl Lücken zu füllen weiß, aber mit ganzer Schärfe eine sogenannte laxe dichterische Freiheit ablehnt. Deshalb, weil er seine Aufgabe darin sieht, aus dem Anderssein, bedingt durch Zeit und Kultur und im vorliegenden Falle der Tetralogie aus der Fülle orientalischen Farbgepränges, das allgemeingültig Menschliche herauszuschälen und somit uns, durch Erweiterung unseres Wissens, für unsere Gegenwart und Zukunft Entscheidendes mitzugeben.

Denn wer wollte bestreiten, daß der von tiefster humanistischer Gesinnung getragene Satz: „Wo aber der Geist der Zerstörung dient, triumphiert das Chaos. Der Krieg ist nicht der Vater der Dinge“ Leitsatz unseres Denkens und Handelns sein muß, gerade in diesen Tagen! Und dies ist nur ein Satz unter vielen gleicher verantwortungsbewußter Parteilichkeit für den Frieden. Zu lesen ist jener Satz im zweiten Band der Tetralogie, „Irene von Trapezunt“. Hier befindet sich das Osmanische Reich unter Mohammed II. schon auf dem Wege zum Gipfel seiner Macht, zu der gegen Ende des 13. Jahrhunderts Osman, nicht unmaßgeblich von seiner klugen, liebenswerten Lebensgefährtin Malchatun – die dem ersten Band der Tetralogie ihren Namen gab – unterstützt, den Grundstein legte.

Dennoch ist es kein Zufall, daß gerade der dritte Band, „Roxelane“, es ist, den die Leser besonders lieben. Auch wenn sie kaum wissen, daß diese Frau durch Tralows Darstellung zum erstenmal von jahrhundertealten Vorurteilen befreit wurde.

Jedem Menschen erscheint es als selbstverständlich, daß eine Mutter mit dem Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit um das Leben ihrer Söhne und ihres Mannes kämpft. Dieser Kampf – muß er aber, wie hier, unter gesellschaftspolitischen Verhältnissen ausgetragen werden, in denen die Macht weniger mit dem Blute vieler erkauft wird – steht notwendigerweise unter tragischen Vorzeichen. Die Außerachtlassung dieses Faktors bot der bürgerlichen Geschichtsschreibung Anlaß, Roxelane einfach als „bösen Geist“ ihres Herrschergatten Soliman negativ abzustempeln, wobei dieser Rufmord durch den Umstand gestützt wurde, daß ihre nationale und soziale Herkunft – durch Kriegswirren bedingt – unbekannt, also in den Augen derer, die ihre Nachforschungen nicht ernsthaft genug betrieben, höchst zweifelhaft blieb.

Die Hochzeitsnacht ist es nun, die für das Tatarenmädchen Roxelane und das Schicksal ihrer Kinder entscheidend wird.

Und wie in allen Romanen Tratows ist es im vierten Band der Tetralogie, „Der Eunuch“, wiederum eine Frau, die, mit Klugheit und echtem weiblichen Charme ausgestattet, die Entscheidungen der Männer zugunsten des Lebens beeinflußt. Die hier gelesene Szene, „Das Bad“, läßt anklingen, was am Ende des Romans sichtbar sein wird: Trotz der weitsichtigen Toleranz des Großeunuchen Beschir, der, im Hintergrund, die Geschicke des türkischen Reiches lenkt, welkt die farbenprächtige Blume osmanischer Macht. Aber auch Prinz Eugen, der gewaltige Gegenspieler des Eunuchen, Vertreter Österreichs, des Abendlandes schlechthin, kann nicht verhindern, daß die überlebte Feudalherrschaft des Westens bald von einer neuen, besseren Ordnung abgelöst werden wird.

Tralows Bücher fanden im faschistischen Deutschland keine Verleger. Erst nach Kriegsende erschienen sie, in gleichmäßig hohen Auflagen, in westdeutschen Verlagen. Das änderte sich schlagartig, als Tralow nach der Spaltung des Deutschen PEN-Zentrums (der Anstoß dazu ging von amerikanischen Kreisen aus) als einziger westdeutscher Schriftsteller im Vorstand verblieb: Diese Entscheidung hatte den Boykott Tralows und seiner Werke in der Bundesrepublik zur Folge.

Doch Tralows Haltung blieb davon unbeeinflußt. Seine für den Frieden erhobene streitbare Stimme, eine Stimme der Vernunft, wider die Gewaltverbrechen der Imperialisten, für Humanismus und Demokratie ist nach wie vor zu hören, spricht aus seinen inzwischen in der DDR erschienenen Büchern. Es sind dies: „Aufstand der Männer“, „Das Mädchen von der grünen Insel“, „Kepler und der Kaiser“, „König Neuhoff“, „Cromwell“ und der erst im vergangenen Jahr beendete Roman „Mohammed“, der die Entstehungsgeschichte des Islams und das Leben des Propheten zum Thema hat.

So mag denn auch diese Schallplatte, neben dem Vergnügen, das sie bereiten soll und sicherlich bereitet – denn Tralows 18jährige Erfahrung als Regisseur an vielen großen deutschen Bühnen macht ihn fähig, bildhaft zu gestalten –, dazu beitragen, daß Völker- und Rassenhaß, die Macht der wenigen und vor allem ihre mörderischen Kriege bald, sehr bald Legende werden.

Helga Stötzer
Leser: Johannes Tralow

von Johannes Tralow