Der Flaschenteufel

von Robert Louis Stevenson

LP LITERA 8 65 178
Covertext:
Robert Louis Stevensons Romane und Erzählungen sind weltbekannt geworden und unvergänglicher Teil unseres Schatzes klassischer Abenteuerliteratur. „Die Schatzinsel“ insbesondere, „Das Flaschenteufelchen“ und „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und des Herrn Hyde“ gehören zur Lieblingslektüre vieler Jugendlicher und Erwachsener.

Die Abenteuerliteratur, so weitverzweigt wir sie heute kennen, ist eigentlich erst im 19. Jahrhundert entstanden. Das Interesse, vom außerordentlichen Geschehnis zu hören, ebenso das Bestreben der Dichter und Schriftsteller, es darzustellen und den Normen des Lebens zuzuordnen, ist natürlich bedeutend älter. Wir finden das Abenteuer bereits an der Wiege der Literatur, in den großen Dichtungen des Homer, die von phantastischen Irrfahrten und sagenhaften Kämpfen berichten. Der Begriff Abenteuer ist aus dem Mittelalter überkommen : „Aventiuren“ erzählten die mittelhochdeutschen Versepen, in Aventiuren sind sie unterteilt. Bis ins 17. Jahrhundert hinein wurden dann Ritterromane verfaßt. Berichte, wie die Herren vom Adel auszogen, um Länder, Schätze oder auch nur die Gunst schöner Frauen zu erringen. Nach dem 30jährigen Kriege wird von Grimmelshausen das erste Abenteuerbuch geschrieben, dessen Held aus dem Volke stammt: „Simplizissimus“, Der englische Schriftsteller Daniel Defoe gab mit seinem Robinson Crusoe“ (1719) dem Abenteuerroman eine neue Richtung. Die Geschichte des jungen Seefahrers Robinson, der schiffbrüchig auf eine einsame Insel geriet, dort 28 Jahre verbrachte und während all dieser Zeit sich als Mensch in seiner Schöpferkraft beweist, die Insel dabei zu einem wohnlichen Orte macht, hat Generationen von Lesern und immer wieder auch spätere Autoren beeinflußt. Das 19. Jahrhundert brachte dann all das, was wir heute unter dem Sammelbegriff Abenteuerliteratur verstehen: Die Kriminal- und Detektivgeschichte, für die der amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe (1809-1849) das Vorbild gab; den abenteuerlichen Reiseroman, dessen bedeutendster Vertreter unter deutschsprachigen Autoren Friedrich Gerstäcker war; den wissenschaftlich-utopischen Roman, begründet durch den französischen Schriftsteller Jules Verne (1828- 1905). Die Richtung jener Erzählungen und Romane, deren Handlungen in exotischen Ländern spielten, erfuhr Bereicherung und Weiterentwicklung durch das Werk Stevensons.

28jährig verfaßte Robert Louis Stevenson sein erstes Buch – den Bericht von einer Bootsreise durch Belgien und Frankreich unter dem Titel „Eine Inselreise“. Die Familie,alteingesessene Leuchtturmbauer in Edinburgh, sah mit Abwehr, daß der junge Stevenson nach seinen Studien der Rechtswissenschaft sich anschickte, das Schreiben zu seinem Beruf zu machen.

In den Beruf seiner Wahl, den eines Autors essayistischer und erzählender Literatur, brachte Stevenson die Gabe des Fabulierens und Erzählens mit, doch auch eine feste Meinung von der Notwendigkeit einer hohen „Moralität des schriftstellerischen Berufs“, die insbesondere einen lauteren Sinn und den Tatsachen gegenüber Wahrhaftigkeit erforderte. Diesen Maximen treu, hat er sich seinen anerkannten Platz in der Weltliteratur erobert.

Für sein literarisches Schaffen bezog Stevenson wohl hier und dort Anregungen aus dem Werk anderer Autoren, Anregung war ihm vor allem aber immer wieder die eigene Erfahrung, das eigene Erleben. Er ist viel gereist, auf unruhvoller Suche nach günstigen Bedingungen zur Heilung oder doch Linderung seines Lungenleidens. Auf See, in Nordamerika, in Frankreich und anderen Ländern Europas, schließlich in der Inselwelt des Pazifik begegnete er Menschen verschiedenster Art, und sie alle brachten ihre Geschichte mit. Stevensons Zeit war jener, in der Defoe seinen „Robinson Crusoe“ schrieb, ganz und gar unähnlich geworden. Das Bürgertum, damals noch progressiv, hatte als herrschende Klasse sein Wesen von grundauf geändert. Längst waren die menschheitsbewegenden Ideale der eigenen Frühzeit, die den Führungsansprch begründeten, über Bord geworfen und der Jagd nach höchstem Profit geopfert. Nun war alles Objekt der Ausbeutung und käuflich geworden, auch die ethischen Werte, der Mensch selber. Diesen Erscheinungen stand Stevenson tief beunruhigt, kritikbereit gegenüber.

Stevensons erstem Buch, der „Inselreise“, waren zwei Essaybände gefolgt, danach die Romane und Erzählungen, die seinen Weltruhm begründeten – voran „Die Schatzinsel“. Von 1890 an lebte Stevenson bis zu seinem Tode (1894) auf der Samoa-Insel Upolu. In rastlosem, diszipliniertem Schaffen, brachte diese Zeit noch einmal Werke von hoher erzählerischer Kultur, unter ihnen die Novelle „Der Flaschenteufel“. Der Teufel, der Geist in der Flasche, ist aus den Märchen und Sagen vieler Literaturen bekannt. Stevensons Teufel findet man nicht, man erhält ihn auch nicht geschenkt: Man kauft ihn. Und er verleiht alles, was nur durch viel Geld möglich wurde: Macht, Ruhm, Wohlstand, Reichtum, aber auch Glück, Zufriedenheit. Wer hätte da wiederstehen können – wer sich abhalten lassen durch die Drohung, daß nämlich der, welcher den Flaschenteufel besitzt und darüber stirbt, ewig im Höllenfeuer brennen soll. Es war ja niemand gezwungen, die Flasche lange zu behalten.

Dennoch – für Keawe, den Held unserer Erzählung, Keawe, den jungen, arglosen Mann von der Insel Hawaii, wird sie das Schicksal. Wir lernen ihn kennen, „arm, rechtschaffen und unternehmungslustig; er konnte lesen und schreiben wie ein Schulmeister und war dabei ein erstklassiger Seemann. Eine Zeitlang fuhr er auf einem der Inseldampfer, dann steuerte er einen Walfischfänger an der Küste von Hamakua. Schließlich kam es Keawe in den Kopf, sich die weite Welt und fremde Städte anzusehen, und so ließ er sich auf einem Dampfer anheuern, der nach San Franzisko fuhr“. Hier ist die Reise jedoch schon zu Ende; auf seinem ersten Landgang gerät Keawe an den Flaschenteufel. Abwartend-neugierig probiert er ihn aus, und tatsächlich er kann, was man ihm erzählte. Keawe wird wohlhabend und bleibt doch bescheiden; so scheint alles gut, als das Glück zu ihm kommt, als er erfährt, daß Kokua, die Schöne und Kluge, ihn liebt.

Es ist diese Liebe, die die Novelle innig und anrührend macht. Man kann sich ihr nicht entziehen, wir durchleben sie mit, in Spannung und teilnehmendem Mitleid: Wird die Liebe standhalten, wird sie das Leben Keawes und Kokuas reich machen oder verbittern, wird sie den Fluch der Flasche besiegen? – Am Ende löst Stevenson die Verstrickung mit glänzendem Kunstgriff; ein Zufall, wie er so oft im Leben spielt, nimmt alle Schwere von Keawe und Kokua, seiner Frau. Uns bleibt aber eine Nachdenklichkeit, und es bleibt ein starkfarbiges Bild von tiefer Liebe, die die Probe bestand, die in der Bewährung nicht zerbrach.

Alice Uszkoreit (1970)
Erzähler: Kurt Böwe
Kahlkopf: Wolfgang Greese
Keawe: Klaus Piontek
Lopeka: Dietmar Richter-Reinick
Kokua: Jutta Hoffmann
Der Anwalt: Hans Hildebrandt
Haole: Bruno Carstens
Der alte Mann: Heinz Scholz
Der Bootsmann: Erik S. Klein


von Robert Louis Stevenson
Schallplattenbearbeitung: Dieter Scharfenberg

Regie: Dieter Scharfenberg
Regieassistenz: Werner Schurbaum
Tonregie: Wolf-Dieter Gandert