Der Frieden

von Aristophanes
LP LITERA 8 60 050
Covertext:
Und wenn die Eicheln reif sind,
Dann mästen die Bauern die Schwein
Und braten sie auf einem Ast
Und haben das ganze Dorf zu Gast.
Die Schwein, die Schwein,
Die guten Schwein
Wollen verschlungen sein.

Und wenn die Brisen steif sind,
Dann fahren die Seeleut aufs Meer.
Die Planken glühn, der Samos rinnt,
So segeln sie, bis sie besoffen sind,
Vorm Wind, vorm Wind,
Vorm guten Wind
Und unter dem Himmel her.


Die Sonne hat dich süß gemacht,
Die Sonne und der Wind.
Ich will dich pflücken heute nacht,
Rote Traube von Korinth.

Und wein mir nicht, wenn ich dich pflück.
Es ist die Zeit, mein Kind.
Und wenn du weinst, dann wein vor Glück,
Rote Traube von Korinth.


Die Oliven gedeihn,
Der Krieg ist vorbei,
Es tönt die Schalmei,
Der Frieden zog ein.

Wir würzen den Wein
Mit Zimt und Salbei,
Die Oliven gedeihn,
Der Krieg ist vorbei.


Im Jahre 467 v. u. Z. wurde die erste Komödie offiziell in Athen aufgeführt, etwa 40 Jahre später betrat Aristophanes die Bühne. Das ist, obwohl seit vielen hunderttausend Jahren Menschen auf der Erde leben, obwohl nun schon dreieinhalb Jahrtausende Weltgeschichte zu verfolgen sind, in der Entwicklung der Menschheit eine sehr frühe Zeit: Erst 500 Jahre zuvor begann in Südeuropa die Eisenzeit, erst 100 Jahre sind vergangen, seitdem sich in Griechenland die Sklavenhaltergesellschaft in Dutzenden Stadtstaaten einrichtete.
Theaterspielen war in Athen eine staatliche Angelegenheit, untergebracht im staatlichen Kult des Weingottes Dionysos. Über die Annahme eines Theaterstückes entschied einer der obersten politischen Beamten, die Ausstattung einer Aufführung zählte, wie das Ausrüsten eines Kriegsschiffes zu den „freiwilligen“ Steuerleistungen der höchsten Steuerklasse. In der Blütezeit der attischen Demokratie wurde der jährliche Theaterbesuch vom Staat bezahlt. Ins Theater zu gehen, war für die freien, erwachsenen, männlichen Einwohner Attikas fast eine Verpflichtung, ähnlich der Teilnahme an der Volksversammlung oder dem Mitwirken im Gericht.
Theaterspiel und Theaterbesuch hatten eine politische Funktion. Aus dem Übergang von der Gentilgesellschaft zur Sklaverei, der Realität der Sklavenhaltergesellschaft, dem Aufkommen der Warenwirtschaft und der Praxis des staatlichen Lebens entstanden Widersprüche zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft. Das Theater sollte sie mildern oder beseitigen. Die Tragödie erreichte das durch die große und heroische Erschütterung, die Komödie durch Gelächter, das heiter, grob, zart, laut, auch schmutzig sein mochte, das die Gebrechen der Gesellschaft bloßstellte und den Menschen die Freiheit des kritischen Urteils und der gesellschaftlichen Aktivität anheim gab.
Tragödien aus der klassischen Zeit des antiken Griechenlands kennen wir wenigstens noch von drei Dichtern: Aischylos (525–456), Sophokles (496–406) und Euripides (480–406), Komödien nur noch von einem einzigen: Aristophanes. Alles, was wir über die klassische griechische Komödie wissen, wissen wir also aus seinem Werk. Von seinem Leben wissen wir fast nichts.
Er stammte aus der attischen Aristokratie, geboren wurde er vielleicht 446 v. u. Z., vielleicht auch wenige Jahre früher oder später, er starb im Jahre 388. Mit 18 Jahren schrieb er seine erste Komödie, im Laufe seines Lebens etwa 40, fast alle, bevor das Ende des Peloponnesischen Krieges das Volk von Athen der Macht der reaktionärsten Kräfte, der aristokratischen Großgrundbesitzer, unterwarf.
Von den Komödien des Aristophanes sind elf erhalten, in allen sind große öffentliche Gegenstände behandelt: der Verfall der Demokratie, die attische Justiz, die zeitgenössische Philosophie, die Geschicke des Theaters und immer wieder Krieg und Frieden.
Zwischen fast allen späteren Komödien der Weltliteratur und denen des Aristophanes gibt es einen wesentlichen Unterschied: Die alte Komödie kennt keine Psychologie, ihre Helden haben, vom Geschlechtlichen abgesehen, kein privates Leben und keine privaten Interessen, sie sind öffentliche Personen, allgemeingültige und typisierte Figuren. Und sie sind komische Figuren nicht durch das Scheitern ihrer ernsthaft betriebenen Absichten, sondern schon für sich und durch sich selbst, da sie ihre großen Zwecke unernst verfolgen und mit unwürdigen Mitteln, da sie innerlich frei von ihnen bleiben und auf ihr Scheitern heiter blicken können. Sie singen und tanzen auch in den entscheidenden Momenten, die Lieder sind wie die Dialoge voll Obszönitäten, und der Tanz wird als äußerst unanständig beschrieben.
Die alte griechische Komödie war witzig und von ernsten Absichten, geistreich und voll kräftiger Handlung, unmoralisch und politisch. Sie starb, als die Demokratie in Athen zugrunde gegangen war. Aristophanes’ letztes Stück, „Plutos“ („Der Reichtum“), führt schon zu einer anderen Gattung hinüber, der sogenannten mittleren Komödie. Mit dieser begannen die Familienangelegenheiten, die Privatgeschichten, die moralischen Konflikte auf der Bühne.
„Der Frieden“ nun, zu Beginn des Jahres 421 v. u. Z. aufgeführt, als der Peloponnesische Krieg, schon 10 Jahre während, sich zu erschöpfen schien, kurz bevor der Frieden des Nikias zwar nicht das Kriegsende aber doch eine Kriegspause brachte, erzählt folgende Geschichte:
Der uralte attische Weinbauer Trygaios, ärgerlich auf die Götter, daß sie die Wirrnis, Zerrüttung der Wirtschaft, Armut zulassen, die der Krieg mit sich bringt, und müde der fruchtlosen Klagen, die sie nicht hören, beschließt, sie im Olymp heimzusuchen. Als Gefährt wählt er sich, da dieser billig im Verbrauch und erfahren im Flug dorthin, den Mistkäfer. Als seine beiden Sklaven, unwillig genug, das Vieh für die Reise herausgefüttert haben, besteigt Trygaios es und findet den Olymp leer.
Nur Hermes ist noch da, als Hüter des Hauses, und der Krieg selbst, dem die Götter die Herrschaft über die Welt übergaben. Dieser nun ist gerade dabei, das zu tun, worum die Griechen in der Realität sich eben mühen, nämlich die griechischen Städte zu zerstampfen. Ein Mörser ist da, nur am Stößel fehlt’s: der attische Hauptkriegstreiber, Kleon, ist gerade gestorben, der spartanische, Brasidas, ist so hinfällig, daß er beim ersten Stoß zerbricht.
Eine Chance für den Frieden den, wie der bestechliche Hermes Trygaios erzählte, der Krieg in einem tiefen Brunnen eingemauert hat, ist da. Von Trygaios gerufen, kommen die Griechen auf den Olymp, aber nicht, wie sie sollen, den Frieden zu befreien, sondern ihn zu feiern. Mit List und Mühe und mit Duldung, ja Hilfe des abermals bestochenen Hermes gelingt es Trygaios, die Griechen zur Arbeit zu bewegen, zu sinnvoll koordinierter Anstrengung zu organisieren und wenigstens einige solange bei der Stange zu halten, bis der Brunnen freigelegt ist. Die Friedensgöttin steigt herauf, begleitet von Lenzwonne und Herbstfleiß. Aber noch enden Trygaios’ Mühen nicht, auch noch nicht mit dem erbärmlichen Weg zu Fuß auf die Erde zurück, zusammen mit der Göttin und ihren Begleiterinnen.
Der Ruhm seiner Tat verbreitet sich schnell, Ehren und Aufgaben stürmen auf ihn ein. Herbstfleiß muß er bei der attischen Obrigkeit abliefern, dem Frieden opfern, die Kriegsgewinnler vertreiben, den Ideologen des Krieges lähmen. Dann darf er endlich, die ärgerliche Würde abwerfend, vom Jubel des attischen Volks begleitet, mit Lenzwonne ins Bett.
Die Komödie „Der Frieden“ zeigt also: Man kann den Frieden nicht feiern, ehe man ihn, mit organisierter Anstrengung, hergestellt hat, und man kann ihn erst genießen, wenn man dafür gesorgt hat, daß er funktioniert.

Gerhard Piens
Trygaios: Fred Düren
Hermes: Klaus Piontek
Herbstfleiß: Elsa Grube-Deister
Lenzwonne: Brigitte Soubeyran
Sklave des Trygaios: Peter Dommisch
Helmschmied: Helmut Bruchhausen
Waffenkrämer: Adolf-Peter Hoffmann
Hierokles: Heinz Suhr
Knabe

Erzähler: Benno Besson

von Aristophanes

Bearbeitung: Peter Hacks
Musik: André Asriel
Schallplattenbearbeitung: Gerhard Piens
Chorführer: Reimar Joh. Baur
Chor: Siegfried Höchst und Studenten der Staatlichen Schauspielschule Berlin
Regie: Benno Besson
Regie-Assistenz: Wolf-Dieter Panse
Musikalische Leitung: André Asriel und die Jazz-Optimisten