Der Kölner Kommunistenprozeß 1852
Eine Dokumentation

von Karl Bittel
LP LITERA 8 65 166
Covertext:
Der Kölner Kommunistenprozeß im Jahre 1852, dessen Vorgeschichte und Verlauf hier in anschaulicher Weise dokumentiert wird, war der erste großangelegte Versuch der herrschenden Klassen, die revolutionäre Arbeiterbewegung mittels Polizei- und Justizterrors niederzuwerfen und aus dem politischen Leben auszuschalten. Seine Besonderheit besteht darin, daß er die lange Kette der Kommunistenprozesse eröffnete, daß die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, die eigentlichen Hauptangeklagten waren und daß durch das standhafte Auftreten der angeklagten Vertreter des Proletariats „der deutsche Kommunismus … sein Abiturexamen“ ablegte. Zugleich haben alle späteren Kommunistenprozesse vieles mit diesem ersten reaktionären Komplott gemeinsam: sie sind erbitterte Versuche, den Vormarsch der Arbeiterbewegung mit allen Mitteln aufzuhalten, indem man sie ihrer revolutionären Partei beraubt; sie stellen mit der marxistischen Partei zugleich deren wissenschaftliche Weltanschauung und damit die Wahrheit und den gesellschaftlichen Fortschritt vor Gericht; sie müssen sich folgerichtig übelster Lügen und Fälschungen bedienen und sind daher stets von vornherein vor der Geschichte zum Scheitern verurteilt, Angesichts der verzweifelten Versuche des staatsmonopolistischen Herrschaftssystems in Westdeutschland, den gesellschaftlichen Fortschritt mit allen Mitteln des Terrors und der Lüge, mit KPD-Verbot, Notstandsgesetzen, Gesinnungsprozessen und Schutzhaft aufzuhalten, ist die Kenntnis des ersten Kommunistenprozesses, der Gesetzmäßigkeiten, aus denen er erwuchs, und der Gesetzmäßigkeit, mit der er schließlich scheitern mußte, heute nicht nur von historischem, sondern von höchst aktuellem Interesse.
Wir erleben, wie die preußischen Junker und ihre Werkzeuge den Reigen der internationalen Versuche eröffnen, den Kommunismus mit Gewalt aus der Welt zu schaffen. Es ist kein Geringerer als König Friedrich Wilhelm IV., der im November 1850 den niederträchtigen Plan entwickelt, ein hochverräterisches Komplott der Kommunisten zu konstruieren, um ihre Partei zu vernichten und die Ideen von Marx und Engels in Deutschland auszurotten. Mit der Festnahme eines Emissärs der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten im Mai 1851 glaubte die preußische Regierung die Zeit zur Verwirklichung dieses „nicht gerade lauteren“ Planes gekommen. Eine Haussuchungs- und Verhaftungswelle von bislang unbekanntem Ausmaß ging durch ganz Deutschland. Scharen von Polizeibeamten und Spitzeln wurden aufgeboten, um „Belastungsmaterial“ für den großangekündigten Monsterprozeß gegen die „Partei Marx“ zu beschaffen. Doch das beschlagnahmte Material und die Verhöre der Verhafteten erbrachten nichts, was als Beweis für ein Komplott hätte dienen können. Da aber um jeden Preis „kommunistische Verschwörungen“ entdeckt werden mußten, konzentrierte sich die Polizei darauf, gefälschte Dokumente herzustellen und Spitzelberichte zu fabrizieren. Anderthalb Jahre benötigte sie für dieses schmutzige Geschäft, so daß erst im Oktober 1852 der Prozeß gegen die verhafteten Mitglieder des Bundes der Kommunisten vor dem Kölner Geschworenengericht eröffnet werden konnte.
Karl Marx unternahm von London aus alles in seinen Kräften stehende, um die schändlichen Polizeiintrigen aufzudecken und das Los der Angeklagten zu erleichtern. Wie es in jenen Wochen und Monaten in der engen Wohnung der Familie Marx zuging, schildert Jenny Marx in einem Brief vom 28. Oktober 1852: „Sie können denken, daß die ,Partei Marx‘ Tag und Nacht tätig ist und mit Kopf, Händen und Füßen zu arbeiten hat … Alles, was die Polizei vorgebracht, ist Lüge. Sie stiehlt, fälscht, erbricht Pulte, schwört falsche Eide, zeugt falsch, und zu alledem behauptet sie, das Privilegium zu haben gegenüber den Kommunisten, die hors de la société stehn! … Von hier aus mußten sämtliche Beweise der Fälschung beigebracht werden … Dann mußten sämtliche Sachen, 6–8mal abgeschrieben, auf den verschiedensten Wegen nach Köln spediert werden, über Frankfurt, Paris etc., da alle Briefe an meinen Mann sowie alle Briefe von hier nach Köln erbrochen und unterschlagen werden. Das Ganze ist jetzt ein Kampf zwischen der Polizei einerseits und meinem Mann andererseits dem man alles, die ganze Revolution, selbst die Leitung des Prozesses in die Schuhe schiebt … Der Kampf mit dieser mit Geld und allen Kampfesmitteln ausgerüsteten offiziellen Macht ist natürlich ganz interessant und um so glorreicher, wenn er für uns siegreich ausfallen sollte, als auf der einen Seite Geld und Macht und alles steht, während wir oft nicht wußten, wo das Papier herholen, um die Briefe zu schreiben etc. etc.“
Die Hoffnung, daß der Prozeß „siegreich ausfallen sollte“, erfüllte sich nicht. Nach der Enthüllung der zahllosen unerhörten Polizeifälschungen, die von der preußischen Regierung voll und ganz gedeckt worden waren, „stand den Geschworenen nicht mehr frei, die Angeklagten schuldig oder nichtschuldig, sie mußten jetzt“, wie Marx feststellte, „die Angeklagten schuldig finden – oder die Regierung“. Ehe sie es darauf ankommen ließen, vergewaltigten die meisten Geschworenen – ausnahmslos Angehörige der herrschenden Klassen – lieber ihre Ehre und ihr Gewissen; sie sprachen die Mehrzahl der Angeklagten schuldig und verurteilten sie zu mehrjährigen Festungsstrafen. Doch es war ein Pyrrhussieg der preußischen Reaktion. Dank Marx’ und Engels’ unermüdlicher Tätigkeit zur Bloßstellung der niederträchtgen Spitzelwirtschaft wurde der Kölner Kommunistenprozeß zu einer moralischen Niederlage für Preußens Polizei und Justiz. In seiner Schrift „Enthüllungen über den KommunistenProzeß zu Köln“ wies Marx nach, daß derartige Infamien keine zufälligen Entartungen, sondern Wesensmerkmale des preußischen Polizei- und Militärstaates darstellten und daß die Hetzjagd gegen die Kommunisten nur das Signal für das große Kesseltreiben gegen alle demokratischen Kräfte war.
Jedoch die Reaktion triumphierte zu früh. Es war ihr nicht gelungen, die Arbeiterbewegung auf diese Weise „aus der Welt zu stiebern“. Es vergingen nur wenige Jahre, da begann sich die Arbeiterklasse von neuem und mit größerer Macht zu regen. Voller Siegeszuversicht konnte Marx 1875 in seinem Vorwort zur zweiten Auflage der „Enthüllungen“ feststellen: „Der Kommunistenprozeß zu Köln selbst brandmarkt die Ohnmacht der Staatsmacht in ihrem Kampf gegen die gesellschaftliche Entwicklung. Der königlich-preußische Staatsanwalt begründete die Schuld der Angeklagten schließlich damit, daß sie die staatsgefährlichen Prinzipien des ,Kommunistischen Manifestes‘ heimlich verbreiteten. Und werden trotzdem dieselben Prinzipien zwanzig Jahre später nicht in Deutschland auf offener Straße verkündet? Erschallen sie nicht selbst von der Tribüne des Reichstags? Haben sie in der Gestalt des ,Programms der Internationalen Arbeiterassoziation‘ nicht die Reise um die Welt gemacht, allen Regierungssteckbriefen zum Trotz? Die Gesellschaft findet nun einmal nicht ihr Gleichgewicht, bis sie sich um die Sonne der Arbeit dreht.“

Richard Sperl
Jenny Marx: Christine van Santen
Stieber: Peter Bause
König: Ralph Borgwardt
Polizeipräsident: Karl-Heinz Fischer
Bermbach: Wilfried Kretschmer
Saedt: Georg Lichtenstein
Sprecher I: Eberhard Mellies
Karl Marx: Gerd Micheel
Friedrich Engels: Hans Rohde
Seckendorff: Eberhard Schmidt
Sprecher II: Christian Stövesand
Präsident: Kurt Wetzel
Bürgers: Dieter Unruh
Sänger: Horst Ziethen

Unter Verwendung der Gedichte von Ferdinand Freiligrath:
1. Reveille
Musik: Claude-Joseph Rouget de Lisle, 1792
(Melodie: Arbeiter-Marseillaise)
2. Zum 22. März
Die Toten an die Lebenden
3. Trotz alledem
Musik: Schottische Melodie

Regieassistenz: Werner Schurbaum
Regie: Hanns Anselm Perten