Der lachende Mann
Die Stimme eines Mörders, der in Freiheit lebt
LP LITERA 8 60 041
Covertext:
Am 9. Februar 1966 um 20 Uhr wurde im Programm des Deutschen Fernsehfunks „Der lachende Mann“, ein Dokumentarfilm von Walter Heynowski, Gerhard Scheumann und Peter Hellmich (Kamera) urgesendet.
Zum ersten Mal sprach ein Massenmörder vor Mikrofon und Kamera, lachend und ungehemmt von seinen Taten. Und er fühlte sich keine Sekunde als Verbrecher. Im Gegenteil, selbstbewußt nennt er sich: „Ich bin ein Krieger des freien Westens !“ Wenn er in einem Restaurant silberne Löffel gestohlen hätte, dieser „Kongo-Müller“, so würde er dieses zeitlebens verschweigen. Aber als „NATO-Kamerad“ und „Freier Krieger“ spricht er lachend und ungehemmt über seine Theorie und Praxis.
Nach der Ursendung reichte Prof. Dr. Kaul im Auftrage der Witwe des kongolesischen Nationalhelden Lumumba beim Generalstaatsanwalt in Frankfurt a. Main Mordanzeige gegen Müller ein. Wegen Verbrechen gegen § 211 und 251 StGB begangen in einer unbestimmten Vielzahl von Fällen.
Der Film, der im Februar 1966 das Fernsehpublikum der DDR zutiefst erregte, hat in der Folgezeit in der ganzen Welt Aufführungen erlebt und ein starkes Echo gefunden. So erklärte der berühmte sowjetische Filmregisseur Michail Romm: „Solch ein Zeitdokument gibt es höchstens alle 10 Jahre!“
Walter Heynowski und Gerhard Scheumann haben für diese LITERA-Schallplatte eine gekürzte Fassung dieses einmaligen Zeitdokumentes eingerichtet. Das Autorenpaar schreibt in seinem im Verlag der Nation, Berlin, erschienenen Buch über die Entstehungsgeschichte des Filmes „Der lachende Mann“:
Am 10. November 1965 trugen wir weder einen falschen Bart, noch hatten wir über die Haare eine Glatze gestülpt.
Der „Herr Major“ nennt seine Handlungen mit Vorliebe „Operationen“. Während der Massaker im Kongo war er nicht nur für seine exakte Grausamkeit bekannt, sondern auch für sein preußisches Planungstalent.
Als der „Major“ die Tür des Studios öffnete, begann eine Film-„Operation“, die nach der Meinung von Fachleuten kein vergleichbares Beispiel kennt. Der „Major“ im Kongo hatte er seine Walther 7,65, mit dem Kolben nach oben in der Brusttasche stecken, denn: „So hat man sie am bequemsten griffbereit“ – wurde von der ersten Sekunde an von zwei Kameras „geschossen“.
Dieser Mörder (er wird sich im Verlaufe der nächsten Stunden einen „Krieger des freien Westens“ nennen) hat ungezählte Menschen mit eigener Hand oder durch die Hände seines „Kommandos 52“ töten lassen. Lachend wird er in wenigen Minuten davon erzählen: „Das waren ja nur Rebellen – Kommunisten!“ Und während er dies belustigt herausprustet, sitzt er so nahe Kommunisten gegenüber, daß beide – die Kommunisten und der Antikommunist – einander in das Weiß der Augen sehen. Welch eine Situation: Klassenkampf.
Während wir in das Weiß der Augen des Antikommunisten schauten, sahen wir hinter ihm auftauchen den Zug der Gefolterten und Ermordeten. Wir kennen einige Gesichter dieser Märtyrer. Unvergeßliche Gesichter. Schöne Gesichter – obwohl durch grausame Schläge entstellt.
Wir kennen drei Namen: Ila Lale, Marcel Mopepe, Emmanuel Usonge.
Ob sie Kommunisten waren, diese Rebellen für die Freiheit Ihres Volkes? War Patrice Lumumba ein Kommunist? Er wollte für sein Volk Unabhängigkeit, Wohlstand und Glück. Und Mopepe, Ila, Usonge waren Anhänger der Ideen Lumumbos. Sie kämpften für ihre Ziele. Auch mit Pfeil und Bogen.
Müller besaß eine Walther 7,65 und eine Beretta-Maschinenpistole. Sein Kommando verfügte pro Mann über ein Gewehr oder eine MPi. Über auf Jeeps aufgeschweißte Maschinengewehre. Über eine rückstoßfreie Kanone aus den USA. Und 2 raketentragende USA-Flugzeuge. Eines davon trug den Namen „Shit-House-Mouse“ – „Scheißhausmaus“.
Mopepe, Ila, Usonge und die anderen „Rebellen“ waren nur tot in Müllers Nähe gekommen. Aber wir saßen ihm lebendig gegenüber.
Rache für die Gefolterten die Ermordeten?
Nur ein Film. Er macht Tote nicht wieder lebendig. Gewiß, als der Tonmeister kurz vor Beginn der Aufnahme dem Kongo-Müller eine feine schwarze Kordel um den Hals legte, um ihm das Mikrofon vor die Brust zu hängen, lag der Gedanke auch an physische Vergeltung greifbar nahe. Aber es galt, sich zurückzuhalten, die Erregung zu verbergen, zu „verdecken“, um einen Terminus aus Müllers NATO-Sprachschatz zu verwenden. Wir sagten uns, daß die Bekenntnisse eines Mörders, auf Tonband und Zelluloid fixiert, mehr wert sein würden als ein armseliger Müller-Kadaver. Es ging uns darum, in der Person dieses Mannes das System auf die Anklagebank zu bringen, das Henkersknechte wie Müller hervorbringt und benutzt.
Am 10. November 1965 fand in einem Studio in der bayerischen Landeshauptstadt München, in geschlossener Sitzung ein Gerichtstag statt. Später, so sagten wir uns, würde die Öffentlichkeit nicht nur zugelassen werden, sondern das Urteil über Müller und seine Hintermänner zu finden haben. Die Weltöffentlichkeit.
Kommentator: Gerhard Scheumann

Schallplatteneinrichtung: Walter Heynowski, Gerhard Scheumann, Dieter Scharfenberg