Der Laden

von Erwin Strittmatter
LP LITERA 8 60 394
Covertext:
Das Buch „Der Laden“, welches im Jahr 1983 veröffentlicht wurde, hat Text-Vorläufer mit memorierendem und biografischem Charakter, mit Szenen aus dem Verwandtenkreis des Autors.
Diese Themen tauchen schon auf im „Schulzenhofer Kramkalender“ (1966), etwa in Kurzreflektionen über den Großvater, in der Geschichte „Meine arme Tante“ aus dem Erzählungsband „Ein Dienstag im September“ (1969), und sie wurden zum Programm in dem Buch „Die blaue Nachtigall oder Der Anfang von etwas“, das 1972 zum 60. Geburtstag Erwin Strittmatters erschien. Der Anfang von etwas: da war er veröffentlicht – für die ,Schublade‘ war er längst gemacht („Die blaue Nachtigall“, S. 139). Jene Geschichten – und Geschichten aus anderen Publikationen – dürfen als Vorleistungen auf das Buch „Der Laden“, das Strittmatter Roman nennt, bezeichnet werden. Es ist „Dichtung und Wahrheit“: Wahrhaftiges wird vorgeführt; Kindheitserinnerungen werden durch die Kraft der Poesie gefiltert, und zwar mit doppelter Optik. Erzählt wird aus der Sicht des Kindes Esau Matt, Stoff und Methode aber sind geprägt von der großen Lebenserfahrung, der Reife und dem dichterischen Vermögen eines Autors im siebenten Lebensjahrzehnt. Strittmatter schreibt später: „Wahrlich, ich sage euch, dieses Buch da …“ enthält „… neunzig Prozent Wahrheit und zehn Prozent Erlogenes.“
Es wird ähnlich erzählt wie in den Nachtigall-Geschichten, nun freilich großräumiger, flächiger, mit epischer Breite. Der Roman besteht aus einer Fülle von Geschichten über das Kind Esau Matt, seine Eltern, Großeltern, Verwandten und Bekannten aus dem niederlausitzischen Dorf Bossdom und dessen Umgebung. Aber es ist der Laden – der den Eltern gehörende Bäcker-, Lebensmittel- und Kramladen – der die Handlung bestimmt, indem er die Lebensverhältnisse der Familie diktiert. Er wirkt als Zentrum, das die Geschichtenfülle bündelt, bändigt, und den Ich-Erzähler nach reminiszierenden Streifzügen beispielsweise festzustellen zwingt: „Wo bin ich hingelangt mit dem Erzählen? Wieder einmal wird’s nötig zu sagen: Verzeihung!“ Der Buchtitel ist also nicht zufällig gewählt.
Das Haus mit dem Laden wird nach Ende des ersten Weltkrieges bezogen – Esau verläßt es, als er 1923 nach Spremberg aufs Gymnasium geschickt wird. Beide Ereignisse begrenzen die Handlung, aber nur als Rahmen; Vorgriffe und hauptsächlich Rückgriffe weiten das Bild, historisieren diese Zeit, die vom Widerspruch zwischen Progression und Regression gekennzeichnet ist. Technischen Fortschritt bringt der Einzug der Elektrizität ins Dorf – soziale Not die Inflation.
Esau ist ein aufgewecktes Kind, ausgestattet mit einer Mischung von Robustheit und Sensibilität, die ihm erlaubt, Freuden und Leiden, Frohsinn und Angst gleichermaßen intensiv zu erleben. An ihm wird deutlich, daß Kindheit einen Anflug von „Schwerelosigkeit“ (so hat es Strittmatter einmal genannt) besitzt – ein Zustand, der durch Härte und Angst zwar erschüttert, aber selten verdrängt werden kann. Dieser kindliche Selbstschutz bewirkt, daß die Psyche des Jungen keinen Schaden nimmt von den Prügeln des häufig betrunkenen Dorflehrers Rumposch, von den Ehehändeln der Eltern und den Streitereien zwischen Eltern und Großeltern. Gleichzeitig vermag er Kinderfreundschaften tiefer erlebbar zu machen oder ein Fest wie Weihnachten zu verklären, in dessen Verlauf sich das „ausgekugelte Familienleben knarrend wieder einrenkt“.
Großvater Kulka, der Sorbe, ist die beherrschende Figur für Esau. Seine Fabulierlust, seine wechselvolle Berufs- und Lebenserfahrung, seine Fähigkeit, sich in den Wirren der Zeit zurechtzufinden, sein listiger Starrsinn beeindrucken ihn; von ihm wird er beschützt nach Verfehlungen.
Der Verwandtenkreis besteht aus Geschwistern, Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten; alle wohnen in der Gegend um Spremberg, entweder im Dorf Bossdom selbst oder in dessen Nachbarschaft, und alle haben ihr „Schicksal“, ihr Profil, ihre Unverwechselbarkeit: ob die mit den Unwägbarkeiten des Geschäftslebens ringende Mutter – Hüterin des Ladens, ob der in der Backstube regierende, manchmal vom Jähzorn befallene Vater, ob die flinke, von Neugier besessene „Anderthalbmetergroßmutter“ – Frau des Großvaters Kulka, ob die körperbehinderte, das Skatspiel liebende „amerikanische“ Großmutter, ob der lesehungrige, leichtfüßige Onkel Phile schon vorgestellt in der „Nachtigall“-Geschichte „Schneewittchen“.
Darüber hinaus werden die Dorfbewohner geschildert. Der Laden ist Anlauf, notwendiger Ort der Begegnung und Kommunikation auch für sie. Da sind Esaus Mitschüler, ist der Lehrer Rumposch, der Gendarm Kanita, der Pastor Kockosch, die Müllerfamilie Rastupeit, die Gutsherrschaft, die Häusler, Kleinbauern, Bergleute und Glasmacher – ein Ensemble von Charakteren spiegelt die Sozialstruktur eines Dorfes. Der Roman gibt Auskunft über die Vitalität und die Härte in dieser Gegend : „Oh, es geht hart zu bei uns in der Heide! Wenn man als Säugling zwischen die Leute dort geworfen wird, merkt man es nicht sogleich, aber später wird man’s gewahr, und man merkt es, wieviel Härte dieser sandige Boden mit dem so sanft blühenden Heidekraut den Menschen abfordert.“
Vitalität und Härte, manchmal gepaart mit liebenswürdiger Ironie oder zupackender Schärfe, bezeugen so manche Begebenheiten. Hart das Geschick des Bergmanns Petruschka; Vitalität bei jedem Fest, das begangen wird, Weihnachten, Schweineschlachten oder Johannisfeier. Liebenswürdige Ironie begleitet den Familienskat oder den Weihnachtseinkauf der Mutter und des Großvaters in Spremberg oder die Aufführung eines Weihnachtsstückes in der Schule. Und nachdenkliche Wärme umgibt die Freundschaft zu Gustav, dem Müllersohn. Das Spiel mit Erzählnuancen, der Einsatz überraschender Stilmittel und sinnreicher Sprachschöpfungen ist schier unerschöpflich. Alltägliches macht Strittmatter zur Poesie, wobei er beim Setzen der Worte oft sorbisch gefärbte Diktion und mundartliche Eigenheiten der Niederlausitz mitklingen läßt. Kunstsprache und Volkssprache verschmelzen zur Einheit. Dem Volk wird aufs Maul geschaut, Eigentümlichkeiten werden ihm abgelistet. Dies und die womöglich unwiederholbare eigene sprachschöpferische Leistung Strittmatters – mit immer wieder überraschenden poesievollen Wendungen und merkenswürdigen Sentenzen – erkunden, „wie das Ich, das ich bin, seine Vergangenheit poesiert und romantisiert“.
Erwin Strittmatter liest zwei Auszüge aus seinem Roman: die Geschichte der Familie Wittling und eine Szenenfolge zum Thema. Esau und das Theater.
Die Wittlings leben in einem vielköpfigen Männerhaushalt, welcher durch die „messerscharfe Frieda“, die Frau des Sohnes Paul, aus dem gewohnten Gleis geworfen wird. Das sich nun entwickelnde Wechselspiel von Glück, Not und Solidarität steht gleichnishaft für das Leben tausender Großfamilien in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts nicht nur im Bergbaugebiet der Niederlausitz. – Das Kind Esau Matt erhebt sich mit listiger Schläue und komödiantischem Ehrgeiz zum Helden eines rührseligen Weihnachtsstückes – sehr gegen den Willen des Lehrer-Regisseurs, aber zum Gaudium der Zuschauer. Als sich Esau wenig später selbst als Stückeschreiber und Regisseur versucht, muß er erfahren, daß die wohlgemeinte Moral seines Werkes unverstanden im Gelächter der Verwandten und Bekannten untergeht. Nach einigen sarkastischen Bemerkungen über das Schicksal der Theaterstücke des „reifen“ Mannes resümiert Strittmatter: „Wer so schreibt, daß ihn der Tag überholen kann, hat so gut wie nichts oder nichts Bleibendes geschrieben.“

Günter Schubert (1986)
|  Seite 1  |

Geschichte der Familie Wittling


|  Seite 2  |

Esau spielt Theater
(zwei Episoden)

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Leser: Erwin Strittmatter

von Erwin Strittmatter

Aufgenommen 1986
Tonregie: Karl hans Rockstedt
Schnitt: Bärbel Hinze