Der spanische Krieg

von Ludwig Renn

LP LITERA / ETERNA 8 60 007
Covertext:
Was ist es, das den Autor eines der populärsten Antikriegsbücher veranlaßte, 1936 nach Spanien zu eilen und die Waffe zu ergreifen? Es ist die Konsequenz seines ehrenhaften Charakters. Er hat mit seiner Klasse gebrochen, und dennoch erscheint sein Weg ohne Bruch.

Dieser Weg begann mitten im ersten Weltkrieg. Der 28jährige Bataillonskommandeur Arnold Friedrich Vieth von Golßenau, der, Sohn eines Prinzenerziehers, 1910 als Fahnenjunker ins 1. Leib-Grenadier-Regiment Nr. 100 in Dresden eingetreten war, weil ihn die aufs Praktische gerichtete Einfachheit, die unverhüllten Beziehungen und klaren Reglements im Leben des Soldaten als ein guter Gegenpol zu seinen schweifenden künstlerischen Neigungen angezogen hatten, beschäftigte sich angesichts der blutigen Materialschlachten und seiner Kriegserlebnisse zum ersten Mal mit der Frage, was wohl das Ergebnis dieses Gemetzels sein könnte und was wohl der Sinn seines Berufs wäre. Auch nach dem Krieg verließ ihn diese Frage nicht. „Ich sah in meiner Umgebung“, so sagt er selbst, „wie trotz der Niederlage von 1918 ein sehr schädlicher, übersteigerter Nationalismus weiterbestand und man die Wahrheit über den Krieg nicht hören wollte. Ich versuchte, in Gesprächen den Menschen klarzumachen, wie der Krieg in Wirklichkeit aussah.“ Er hatte in diesen Gesprächen nicht viel Erfolg, er war auch nicht sehr redegewandt. Zunächst nicht für die Veröffentlichung, sondern nur um sich selbst darüber klarzuwerden, was ihn bedrückte, schrieb er jahrelang an seinem ersten Buch. In den Erlebnissen des von ihm erfundenen Feldwebels Ludwig Renn trachtete er „das festzuhalten, was wirklich geschehen war"“ Als das Buch 1928 unter dem Titel „Krieg“ erschien, wurde es binnen weniger Wochen zum Welterfolg. Sein Verfasser hatte als Autor-Pseudonym den Namen der von ihm erfundenen Gestalt gewählt: Ludwig Renn.

Im selben Jahr 1928 trat er in die KPD ein. Er hatte lange gesucht und gelernt, war durch Deutschland, Italien, Griechenland, die Türkei, durch Ägypten, Sizilien und Österreich gewandert, hatte Russisch, Jura, Nationalökonomie, Kunstgeschichte, Archäologie, byzantinische, türkische und chinesische Geschichte studiert. Der Wahrheit, noch der er verlangte, begegnete er zum ersten Mal in einer kommunistischen Buchhandlung in Wien, wo er sich auf Empfehlung eines Studienkollegen die Hefte der „Internationalen Presse-Korrespondenz“ kaufte. Die Notwendigkeit, sich zu organisieren, begriff er, als die Wiener Arbeiter gegen faschistische Richter demonstrierten und von der Polizei in Straßenkämpfe verwickelt wurden.

Ludwig Renn wurde Sekretär des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Herausgeber der „Linkskurve“ und des „Aufbruchs“. 1932 wegen „literarischen Hochverrats“ angeklagt, aber freigesprochen, wurde er 1933, in der Nacht des Reichstagsbrandes von den Faschisten erneut verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Nazis versuchten mehrfach den adligen Offizier und weltbekannten Schriftsteller auf ihre Seite zu ziehen, sie bemühten Rosenberg und Goebbels. Aber Ludwig Renn verteidigte seine kommunistische Weltanschauung und die Ehre des Genossen. Nach der Entlassung gelang es ihm, illegal Deutschland zu verlassen.

Zu jener Zeit zettelte der faschistische General Franco an der Spitz von Fremdenlegionären und maurischen Truppen aus Marokko einen Aufstand gegen die spanische republikanische Volksfront-Regierung an, die aus demokratischen Wahlen hervorgegangen war; in Spanien begann der Bürgerkrieg, in den auch die Faschisten Hitler und Mussolini eingriffen. Da schlugen sich aus allen Ländern Antifaschisten nach Spanien durch, um an der Seite der spanischen Brüder die Republik, die demokratische Freiheit des Volkes zu verteidigen. Die meisten Verteidiger waren militärisch unerfahren, sie konnten nur ihre heißen Herzen in die Waagschale werfen, vor allem fehlten ausgebildete Offiziere. Unter welchen komplizierten Bedingungen die Republikaner kämpfen, mit welchen Schwierigkeiten sie fertigwerden mußten, das hat Ludwig Renn, der einer von denen gewesen ist, die zu Hilfe eilten, in seinem Tagebuch „Der spanische Krieg“ authentisch bewahrt. Der Sinnlosigkeit des Gemetzels im Weltkrieg stehen nun Heldentum und Mut der bewußten Kämpfer gegenüber. Ludwig Renn beschreibt seinen ersten Eindruck von der Front: „Ich lag auf dem Rücken in der feuchten Wärme des Unterstands. Wie oft, ja jahrelang, hatte ich im ersten Weltkrieg so in Unterständen gelegen, wo man ab und zu einen Schuß hörte. Aber wie anders war das damals. Fast keinen gab es in den späteren Kriegsjahren, der etwas anderes wünschte als Schluß mit dem Krieg! Hier kann diese trostlose Stimmung nicht aufkommen.“ Krieg ist nicht Krieg! Und zum zweiten Mal in seinem Leben wurde Ludwig Renn, den die Erlebnisse des ersten Weltkrieges zum Kriegsgegner gemacht hatten, Bataillonskommandeur. Als 1937 die fortschrittlichen Schriftsteller aus allen Ländern der Erde in das bedrohte Madrid kamen, rief Ludwig Renn, inzwischen Stabschef der berühmten 11. Internationalen Brigade, dem Kongreß die große Pflicht zu: „Alles gegen den Faschismus! Alles für die Volksfront! Alles für die Front der Völker! Alles für die Ideen, die dem Kriege feindlich sind! – Kriegsfeindlich, das sagen wir, Männer des Krieges, wir Soldaten! Denn der Krieg, in dem wir mithelfen, ist uns keine Freude, kein Selbstzweck, sondern etwas; das überwunden werden muß! – Kämpft, darum bitte ich euch, für diese Ideen! Kämpft mit der Feder und mit dem Wort, wie es jedem liegt! Aber kämpft!“

Ludwig Renn kämpfte mit dem Gewehr und mit der Kartentasche. Er gab ein Beispiel von Mut, Kaltblütigkeit und sachlicher Arbeit im Kampf. Weil er alle seine Fähigkeiten, seine ganze Person leidenschaftlich an der Front einsetzte, konnte er später das Buch der Kämpfe so konkret und unmittelbar schreiben. Sein heißer Atem erregt uns, wir spüren das Feuer, das die große Solidarität schmieden half, wir spüren aus den erregend geschilderten Tatsachen die große Wahrheit der Schlußzeilen jenes Gedichts „Soldaten zweier Kriege“ von Erich Weinert, das er in der letzten Nacht auf Spaniens Boden geschrieben hat: „Bruder, es gibt Niederlagen, die Siege sind. Und diese war ein Sieg!“

Helmut Hauptmann
Leser: Ludwig Renn