Der zerbrochene Krug

von Heinrich von Kleist

LP LITERA 8 60 075
Covertext:
Aus der Regiekonzeption von Professor Maxim Vallentin

„Huisum, dieser Ort in der realistischen Dichtung Kleists, ist ein preußisch-holändischer Marktflecken. Er ist preusisch mit allen Merkmalen der Rückständigkeit gegen die Kleist – wie die einsamen, zersplittert auftretenden nationalen Rebellen seiner Zeit – sich auflehnte; er ist holländisch mit allen Merkmalen eines Landes, dessen Menschen im Vergleich zu den preußischen. Untertanen freier und patriotischer zu empfinden imstande waren.

Nicht alles, was zu den preußischen Merkmalen gehört, ist in diesem Stück rückständig. Nicht alles ist progressiv, was niederländisch erscheint ... Der preußische Staat – noch durch den zweifelhaften Genius Friedrich II. überschattet – bremst die bürgerliche Entwicklung dieser Zeit, ja, sogar die Verbürgerlichung des Adels, und zeigt sich interessiert, die der Adelsklasse durch ihren Zerfall entglittenen Güter wieder dem Adel in die Hände zu spielen. Aber auch das Räuberische, Imperialistische, kann Kleist an den fortgeschrittenen Niederlanden deutlicher machen, als es in einem rein preußischen Milieu möglich gewesen wäre. Unter Einbeziehung des „Variants“ – bei Kleist heißt es „der Variant“ – wird vorgeführt, daß gerade im nationalen Bewußtsein des niederländischen Volkes, das seine eigene Freiheit im nationalrevolutionären Volkskrieg gegen die ausländische Kolonialmacht Spanien erkämpfte, das: Gleichnis für seinen eigenen, antinapoleonischen und anti-imperialistischen Patriotismus zu finden ist.

Gerichtsrat Walter ist ein typischer Vertreter des sich durch „eine Revolution von oben“ notgedrungen und zaghaft reformierenden Preußenstaates unter Friedrich Wilhelm III. Sehr bedingte Korrektheit und Menschlichkeit – soviel wie die Verhältnisse gestatten – fallen an ihm auf. Obwohl sich damals große Hoffnungen der Menschen an Personen seiner Art knüpften (vielleicht auch Kleists), trägt Walter doch keinerlei Züge, die etwa auf Fähigkeiten und Absichten schließen ließen, grundlegende Veränderungen herbeizuführen. Er hat die äußerst schwierige Aufgabe, die Autorität der Obrigkeit wiederherzustellen. So trägt er notgedrungen – durch die Öffentlichkeit erzwungen – zur Aufdeckung des individuellen Verbrechens des Dorfrichters Adam bei und muß sofort nach dessen Zutagetreten verhindern, daß das typische Verbrechen der Gesellschaft sichtbar wird.

Dorfrichter Adam fehlt das Rückgrat des Herrn, das die einzig zuverlässige Macht garantiert, der adlige Besitz. Er lebt von seinem Beamtengehalt, dessen Höhe keinesfalls die glücklichen Anlagen zum „Nassauern“ verkümmern läßt, im Gegenteil: er versteht es offenbar, sich gönnerhaft zu allen eine Stufe „tieferstehenden“ Menschen zu stellen: zur Kastellanswitwe und Hebamme, zur Küstersfrau und zum Küster, zum Schuster Lebrecht. Mit dem Prediger und Schulmeister aber, die ihre Position ihm gegenüber als gleichgestellt empfinden, steht er sich schlecht – vor allem, weil sie als Tellerlecker der arbeitenden Leute zu seinen Konkurrenten wurden.

Adam besitzt zwei hervorstechende, hochgezüchtete Eigenschaften. Die erste: jede Wendung der Dinge für sich auszunutzen. Von dieser Eigenschaft hat auch Marthe Rull einiges, was sie ihm ähnlich macht. Aber sie ist mehr Stratege. Beweis: Sie rückt erst, als sie nicht mehr weiter kann, mit ihrem „Knüller heraus, Ruprecht sei vielleicht ein Deserteur – Adam dagegen ist ein völlig von der Hand in den Mund lebender Augenblickstaktiker.

Die zweite: Er ist ein perfekter Lügner – und zwar ein sehr moderner. Selbstverständlich lügt er, ausgerüstet mit einer sehr elastischen, sprühenden Vorstellungsgabe, mit der „Echtheit der Empfindung“, wobei er als wichtigstes Baumaterial für seine lügnerischen Konstruktionen Details der Wirklichkeit verwendet. Er greift nichts aus der Luft, sondern alles aus der Wirklichkeit und aus „Erlebtem“.

In Eve sehen wir eine deutsche Mädchengestalt von hoher Ethik und Liebesfähigkeit, unsere große nationale Sehnsucht und Hoffnung. Eve steht mit beiden Beinen auf der Erde, ungehemmt von einer religiös-spießbürgerlichen oder duckmäuserischen Moralbremse, begabt mit Realitätssinn, Kampfgeist und List, in der sie nur noch in Brigitte ihre Meisterin findet.

Eve hält alle Fäden (bis auf einen) der vergangenen Handlung in der Hand. Deshalb gibt es für sie keine Unterbrechung angespanntester Aufmerksamkeit. Sie unternimmt alles Mögliche, um zunächst den Prozeß nicht stattfinden zu lassen, später, um ihn vorzeitig abzubrechen. Während Brigitte mit dem einzigen, in ihren Händen befindlichen Faden die vergangene Handlung auftrennt, wird Eves Lage immer kritischer. Aber erst, nachdem die Verurteilung erfolgt ist, geht sie – alles auf eine Karte setzend – „aus sich heraus“ und beginnt mit der restlosen Entlarvung der vergangenen Handlung.“

Wir spielen den bearbeiteten, stark gekürzten – aber keineswegs kurzen „Variant“ um seines Ideengehaltes willen und um des Spaßes willen, zu der „der Variant“ sehr schöne Möglichkeiten gibt.

Der Textabdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Professor M. Vallentin.
Walter - Gerichtsrat: Alfred Müller
Adam - Dorfrichter: Kurt Steingraf
Licht - Schreiber: Willi Narloch
Frau Marthe Rull: Friedel Nowack
Eve - ihre Tochter: Ursula Karrusseit
Veit Tümpel - ein Bauer: Erich Mirek
Ruprecht - sein Sohn: Manfred Borges
Frau Brigitte: Lotte Loebinger
Sprecher: Dieter Wien

von Heinrich von Kleist
Schallplattenbearbeitung: Gerhard Wolfram

Regie-Assistenz: Inge Panzer
Regie: Maxim Vallentin