Das Sängers Fluch
Deutsche Balladen

LP LITERA 8 60 144
Covertext:
Es gibt nur drei echte Naturformen der Poesie: die klar erzählende, die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich handelnde: Epos, Lyrik, Drama. Diese drei Dichtweisen können zusammen oder abgesondert wirken. In dem kleinsten Gedicht findet man sie oft beisammen, und sie bringen eben durch diese Vereinigung im engsten Raume das herrlichste Gebilde hervor, wie wir an den schätzenswertesten Balladen aller Völker gewahr werden.

(Goethe)


Die Wurzeln der Ballade reichen bis zum spätgermanischen Heldenlied, vielleicht noch tiefer in die Zeit schriftloser Dichtung hinab. Der letzte Ausläufer dieses episch-dramatischen Heldenliedes der Frühfeudalzeit begegnet uns im Hildebrandslied. In der Literatur des christlichen Mittelalters jedoch hat diese Dichtart keine Fortsetzung gefunden, wenn man von einigen Wächter- und Tagliedern mit schwachem balladeskem Charakter absieht. Auch einige Stücke erzählender Lyrik aus der Dichtung des Reformationsjahrhunderts und aus dem 17. Jahrhundert können nicht als Balladen im eigentlichen Sinne aufgefaßt werden. Lediglich auf Jahrmärkten und Messen fristete die Bänkelballade, die meist schauerlich-rührselige Mordgeschichten, Naturkatastrophen oder Kriegsläufte primitiv darstellte, ein kümmerliches Dasein als bloße Übermittlerin von – gereimten – Sensationsnachrichten. Und es bedeutete falsch aufgefaßte Volkstümlichkeit, wenn Gleim und einige seiner Nachahmer, den primitiven Ton und den niedrigen Inhalt beibehaltend, die Bänkelballade nachbildeten. Ihre Bemühungen sind auch nicht fruchtbar geworden für die Entwicklung der Ballade in der Folgezeit.
Der eigentliche Anstoß zur Blüte der deutschen Balladendichtung kam von außen: Der englische Dichter Thomas Percy ließ im Jahre 1765 eine dreibändige Sammlung von älteren englischen und schottischen Gedichten unter dem Titel „Reliques of Ancient English Poetry“ („Überreste alter englischer Dichtung“) erscheinen. Sie begeisterte die jungen deutschen Dichter, die der gekünstelten Hofdichtung und ihrer Ausstrahlung auf die bürgerliche Literatur Natur und Kraft, kämpferisch und anklagend gestaltete Schicksale aus dem Leben und der Geschichte des Volkes entgegensetzten. Besonders jene Gedichte der Percyschen Sammlung, die von ungewöhnlichen Ereignissen und Kämpfen an der englischschottischen Grenze erzählten, die „border-ballads“, regten Dichter wie Herder, die in ihnen die kunstschöpfende Kraft der einfachen Menschen erkannten, zu Nachdichtungen an … Ihr düsterer, von Kämpfen und Geheimnissen der Natur umwitterter Charakter teilte sich auch den ersten deutschen Originalballaden mit. Jedoch in dem Maße, wie die Ballade in der deutschen Literatur wieder heimisch wurde, nahm sie sich nationaler Stoffe an. Einzigartig ist die Verbindung von mutig anklagender Zeitthematik mit dem düster-geisterhaften Zug der „border-ballads“, der auch in manchem deutschen Spinnstubenlied von tragischer Liebe und dem Weben der Geister lebendig war, in Bürgers „Leonore“ und in seinem „Wilden Jäger“.
Zur gleichen Zeit etwa machte sich ein anderer Einfluß stärker bemerkbar und half der deutschen Dichtung, die Quelle episch-dramatischer Lyrik zu erschließen: Die Romanze, seit Jahrhunderten im spanischen Volke lebendig als literarischer Übermittler bedeutender nationaler Geschehnisse und auch fröhlicher Ereignisse aus dem Alltag, fand in Deutschland Übersetzer und Nachahmer und wurde bald auch eigenständige Dichtform …
Ballade und Romanze flossen in eins, und beide Namen bezeichneten fernerhin ein und dieselbe Gattung: das erzählende Gedicht mit einer stark dramatischen Handlung, das man als das lyrische Gegenstück der Novelle bezeichnen kann.
Nach Herders, Bürgers und Goethes ersten balladesken Schöpfungen erlebte diese Gattung noch vor der Wende zum 19. Jahrhundert ihren ersten glanzvollen Höhepunkt, den man gemeinhin als Schiller-Goethesches Balladenjahr (1797) bezeichnet, in dem so unvergängliche Werke entstanden wie Goethes „Braut von Korinth“, „Der Zauberlehrling“, „Der Gott und die Bajadere“ und „Der Schatzgräber“ sowie Schillers Balladen „Der Taucher“, „Der Handschuh“ und „Ritter Toggenburg“.
Seither haben die größten deutschen Dichter wie auch viele der weniger bedeutenden immer wieder versucht, im episch-dramatischen Gedicht Leid und Liebe, Märchenweben und Frohsinn und nicht zuletzt den Kampf für Würde und Freiheit des Menschen zu gestalten.
Brentanos volksliedhafte Art, Chamissos soziale Anklage, Heines unvergleichliche Gestaltungskraft, Uhlands klare historische Sicht legten den Grundstock zu dem reichen Balladenschatz des folgenden Jahrhunderts, zu dem fast alle Dichter der Zeit ihr Teil beigetragen haben: Lenau wie Keller, Hebbel wie Freiligrath, Liliencron wie Fontane. Und besonders in Jahren, da die Wogen der Empörung gegen soziale Ungerechtigkeit und nationale Unterdrückung hochschlugen, da die Völker in Befreiungskriegen und Revolutionen ihr Joch abzuschütteln suchten, stand die Balladenkunst in Blüte. Denn die Ballade in ihrer Stellung zwischen Novelle und Drama ist besonders geeignet, die Darstellung von unerhörten und doch typischen Begebenheiten, wie sie in solchen Zeiten gehäuft stattfanden, mit echtem Pathos zu verbinden. Sie verlangt zudem nach dem Vortrag, nach gesprochenem oder gesungenem Wort. Und wann wäre der Vortrag wichtiger und wirksamer als in Zeiten, da es gilt, Empörung zu wecken oder zu entschlossenem Kampf aufzurufen? Diesen stark agitatorischen Zug hat sich die Ballade in vielen ihrer besten Stücke bis in die Gegenwart hinein bewahrt. Bechers, Brechts, Weinerts balladeske Dichtungen sind meist Anklage und Aufruf. Und es läßt sich eine Verbindungslinie ziehen von den demokratischen und revolutionären Dichtern des 19. Jahrhunderts zu den sozialistischen Dichtern unserer Tage. Weinerts „Fahne von Oviedo“ ist vom selben Geist bestimmt wie Heines Lied von den Webern; Chamissos „Invalid im Irrenhaus“ und Brechts „Legende vom toten Soldaten“ sind einer Wurzel entsprossen. Und es ist kein Zufall, wenn Uhlands Gedicht vom guten Kameraden, das den Kämpfern der Befreiungskriege gegen Napoleon zugeeignet ist, im Kampf der Internationalen Brigaden in Spanien variiert und von aller nationalistischen Zutat entkleidet, dem Tode Hans Beimlers … gewidmet wird.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich, entsprechend dem allgemeinen Literaturverfall in dieser Zeit, der Niedergang der Ballade bemerkbar, von der sich selbst ein so hervorragender Dichter wie Fontane nicht gänzlich frei halten konnte. An die Stelle der unerhörten Begebenheit, die tiefe menschliche Problematik spiegelt. trat häufig – und nicht immer ohne Bereicherung und Verfeinerung der artistischen Mittel – das bloß Interessante, das Ausgefallene, oft das Sentimentale … Der Naturalismus mit seiner stark lyrikfeindlichen Tendenz tat ein übriges, den einst reichen und klaren Balladenstrom zum Versiegen zu bringen …
Erst das Wiedererstarken der Arbeiterbewegung, ihr Kampf mit seinen vielen dramatischen Situationen und reiner Anklage und vor allem die Bewährung in der Nacht des Faschismus brachten wieder eine Hinwendung zur Balladendichtung mit sich …
Auch in unseren Tagen ist die Balladendichtung wieder lebendig. Von den Meistern der sozialistischen Literatur lernend und in einer Tradition stehend, die in der deutschen Dichtung seit Bürger und Goethe wurzelt, hat die junge und jüngste Generation der Lyriker in der Deutschen Demokratischen Republik zum Teil beachtliche Proben balladesken Schaffens abgelegt.

Aus dem Geleitwort zum „Großen Balladenbuch“ von Karl Heinz Berger und Walter Püschel; Verlag Neues Leben, Berlin 1965
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Ludwig Uhland
Des Sängers Fluch

Friedrich Schiller
Der Handschuh

Heinrich Heine
Lorelei

A. W. Florentin von Zuccalmaglio
Schwesterlein

Gottfried August Bürger
Des Pfarrers Tochter von Taubenhain

Unbekannter Dichter des 18. Jahrhunderts
Herr von Falkenstein

Johann Wolfgang Goethe
Vor Gericht


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Adalbert von Chamisso
Das Gebet der Witwe

Emanuel Geibel
Mene Tekel

Georg Herwegh
Die kranke Lise

Theodor Fontane
Die Balinesenfrauen auf Lombok

Detlev von Liliencron
Pidder Lüng

Richard Dehmel
Erntelied

Georg Weerth
Lied aus Lancashire

Ferdinand Freiligrath
Von unten auf

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Sprecher: Otto Mellies